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Konferenzdolmetscher

Starke Nerven gefragt: Dolmetscher

J. Meiners
Im Zuge der EU-Erweiterung sind Dolmetscher so gefragt wie lange nicht mehr, denn die Europäische Union spricht ihren Mitgliedern das Grundrecht zu, sich bei allen gemeinsamen offiziellen Angelegenheiten in ihrer Muttersprache in Wort und Schrift zu verständigen. Dabei werden hohe Anforderungen an das Berufsbild gestellt.
Reden ist Gold - Dolmetscher wissen dasFoto: © Pascal Ribes - Fotolia.com
Die Geschichte des Dolmetscherberufs
Der Beruf des Dolmetschers ist noch jung - zwar arbeiteten Konferenzdolmetscher erstmals 1919 auf der Genfer Friedenskonferenz. Dolmetschen war aber eher ein Freundschaftsdienst, für den sich Juristen, Diplomaten und Journalisten zur Verfügung stellten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als internationale Organisationen wie die UNO oder die NATO aus der Taufe gehoben wurden, erhöhte sich der Bedarf an Dolmetschern. Da die ursprünglichen diplomatischen Sprachen Englisch und Französisch in der internationalen Politik nicht mehr genügten, mauserte sich das Konferenzdolmetschen zu einem selbständigen Berufsfeld. Daraufhin entwickelte sich auch eine spezielle Ausbildung zum Konferenzdolmetscher.

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Anforderungen an Dolmetscher
Reines Interesse an Sprachen und Reisen reichen für den Beruf des Konferenzdolmetschers bei Weitem nicht aus - Dolmetscher müssen über ein ausgeprägtes Auffassungsvermögen und ein profiliertes Sprachgefühl verfügen, sowie die Fähigkeit, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren.
Konferenzdolmetschen wurde in einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als drittstressigster Beruf eingeordnet - direkt hinter den Berufen Düsenjet-Pilot und Fluglotsen. Dolmetscher haben sich sowohl auf physische als auch psychische Belastungen einzustellen. So müssen Dolmetscher im Bruchteil von Sekunden sowohl das Gesprochene haargenau übersetzen als auch gleichzeitig die laufende Rede zur Übersetzung erfassen können. Außerdem wird die Luft in der Dolmetscherkabine durch den Sauerstoffverbrauch dünn und unangenehm warm.Dolmetscher haben nicht nur zur Aufgabe, zwischen den Sprachen, sondern auch zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Bräuchen zu vermitteln. Das bedeutet für Dolmetscher, Kenntnisse über Land und Leute zu besitzen sowie mit dem kulturellen Hintergrund des Landes ihrer Arbeitssprache vertraut zu sein. Somit müssen sie nicht nur deuten können, was gesagt, sondern vor allem, was gemeint wird.Des Weiteren sind fachspezifische Kenntnisse von Nöten. So waren beispielsweise Ende der 1990er Kenntnisse über Umweltthematiken unabdingbar. Jedoch lernen auch alte Hasen in der Dolmetscherbranche nie aus: Eine intensive Vorbereitung auf jeden Einsatz ist das A und O im Dolmetscherberuf. Dolmetscher bereiten für jeden Einsatz bereits bekannte Thematiken sowie aktuelle Entwicklungen und lernen einschlägiges Vokabular.Dolmetscher arbeiten auf internationalen Konferenzen jeglicher Art: Sitzungen multinationaler Organisationen und Institutionen (beispielsweise UN oder EU), technische und wissenschaftliche Kongresse, Pressekonferenzen, Messen, Geschäftsverhandlungen, politische Gespräche, Produktpräsentationen oder Podiumsdiskussionen.Dolmetschen ist nicht gleich Dolmetschen
Die gängigsten Dolmetsch-Arten im Überblick:
Das Simultan-Dolmetschen, bei dem zeitgleich in die Zielsprache übersetzt wird, kommt am häufigsten zum Einsatz. Diese Art des Übersetzens ist besonders geeignet für Großveranstaltungen, bei denen mehrere unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Hierbei befinden sich die Dolmetscher in einer schalldichten Kabine und hören den Redner über Kopfhörer. Da die Dolmetscher innerhalb weniger Sekunden sowohl das Gesprochene verstehen als auch die passende Übersetzung finden müssen, erfordert Simultanübersetzen höchste Konzentration. Um diese Belastung abzuschwächen, arbeiten Dolmetscher oft in Zweier- bis Dreierteams, die sich alle zwanzig bis dreißig Minuten ablösen.Konsekutivdolmetschen findet bei kleineren Veranstaltungen statt, auf denen nicht mehr als drei unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Bei solchen Veranstaltungen teilt der Redner seinen Vortrag in Themenblöcke ein. Der Dolmetscher macht sich während der Rede Notizen und übersetzt schließlich die Inhalte dieser Themenblöcke. Der größte Vorteil dieser Dolmetschart ist der geringere technische Aufwand gegenüber dem Simultandolmetschen, da beispielsweise keine Kabinen benötigt werden.Beim Flüsterdolmetschen spricht der Dolmetscher zeitgleich entweder seinem Zuhörer direkt ins Ohr oder dolmetscht über eine sogenannte Personenführungsanlage. Der Vorteil besteht in der Mobilität von Dolmetscher und Zuhörer, allerdings entstehen auch Nachteile: So werden andere Teilnehmer und Zuhörer vom Flüsterdolmetschen oft abgelenkt, und auch die akustischen Verhältnisse sind für den Dolmetscher häufig unvorteilhaft. Außerdem muss der Dolmetscher eine oft unbequeme Haltung einnehmen und belastet durch das Flüstern seine Stimme.Relais-Dolmetschen wird verwendet, wenn der Redner eine Sprache spricht, zum Beispiel Kroatisch, die keiner der Dolmetscher, beispielsweise aus der deutschen Kabine, beherrscht. Der deutsche Dolmetscher schaltet sich hierbei in eine Kabine einer anderen Sprache (beispielsweise Englisch) und benutzt diese Sprache als Vermittlersprache, aus der er schließlich ins Deutsche übersetzt.Wege der Ausbildung
Wer sich zu einer Ausbildung zum Konferenzdolmetscher interessiert, kommt in der Regel an einem Universitäts- oder Fachhochschulstudium nicht vorbei. In Bayern kann der Dolmetscherberuf auch an Fachakademien sowie Berufsfachschulen erlernt werden.
Im Laufe der etwa dreijährigen Ausbildung werden unter anderem die mutter- sowie fremdsprachlichen Kenntnisse vertieft und die wesentlichen Techniken des Dolmetschens vermittelt. Auch kulturwissenschaftliche Aspekte sowie die Spezialisierung auf einem Fachgebiet (beispielsweise Wirtschaft, Recht oder Umwelt) spielen eine Rolle.An Universitäten wird die Lehre meist durch theoretische Kenntnisse der Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaften ergänzt. Neben Atem- und Notationstechniken steht beispielsweise auch Hörverstehen auf dem Stundenplan. Zusätzlich lernen angehende Dolmetscher, wie sie ihr Gedächtnis trainieren können, was vor allem beim Simultandolmetschen unumgänglich ist.Dolmetscherstudenten sind nach abgeschlossenem Hochschul- oder Fachhochschulstudium Diplom-Dolmetscher, jedoch ersetzen derzeit die meisten Hochschulen und Fachhochschulen den Diplomabschluss durch Bachelor- und Masterstudiengänge. Wer seine Ausbildung an einer Fachakademie oder Berufsfachschule absolviert hat, ist nach Abschluss der Ausbildung ein "staatlich geprüfter Übersetzer und/oder Dolmetscher".Ferner besteht die Möglichkeit, nach absolviertem Studium eines anderen Faches ein Aufbaustudium für Konferenzdolmetscher aufzunehmen.Übrigens gibt es einen Unterschied zwischen Übersetzern, die an schriftlichen Texten arbeiten, und dem Dolmetschern, die auf mündlicher Basis tätig sind.Mehr Informationen über die staatlich anerkannten Ausbildungsstätten und Universitäten: http://aiic.de/links_start.php oder www.xlatio.de
Dieser Artikel ist erschienen am 22.05.2008

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