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Ausland

So studiert die Welt

Junge Karriere, Gabriela M. Keller
Wie unterscheidet sich das Leben der Studenten in den USA, Südafrika oder Russland von dem in Deutschland? Junge Karriere besucht sie in ihrer Heimat. Den Anfang macht Dima im Libanon. Ihre Zukunft ist unsicher, das Land kann jederzeit im Chaos versinken.
Religion und Politik sind an der Uni im Libanon tabuFoto: © Bente Schipp
Die deutschen Studenten leben in einer heilen Welt - relativ gesehen. Sie diskutieren, ob das Mensaessen schmeckt, welcher Sportkurs der beste ist oder was von den Studiengebühren anzuschaffen ist. In den meisten anderen Ländern dieser Welt sind die Studierenden gezwungen, sich über schwerwiegendere Themen den Kopf zu zerbrechen. Ihr Studium wird von Kriegen unterbrochen, sie haben kaum Geld für Essen, teilen sich ein Zimmer oder leiden unter korrupten Professoren. Junge Karriere reist in den nächsten sechs Monaten um die Welt, besucht auf vier Kontinenten einheimische Studenten und zeichnet ihren Alltag, ihre Träume und Hoffnungen, ihre Ängste und ihre Erwartungen an die Uni, das Leben nach der Hochschule und ihre Zukunftschancen nach. Was verbindet sie mit ihren deutschen Kollegen, was trennt sie, welche Chancen haben sie und welche Hürden müssen sie nehmen? Diesen Fragen werden wir nachgehen.Die Weltreise startet im Libanon. Hierzulande kann man auch an öffentlichen Unis eine solide Ausbildung bekommen. Wer sich im Libanon allerdings keine Privat-Uni leisten kann, hat wenig Chancen. Die Familie der 20-jährigen Dima Matta setzt deshalb alles daran, dass die Tochter diese privilegierte Ausbildung genießen kann. Welche Rolle die fragile politische Situation im Land spielt, warum das Studium gefährlich ist und die Zukunft trotz Abschluss ungewiss bleibt - das lesen Sie auf den nächsten beiden Seiten.

Die besten Jobs von allen

Stationen der Uni-ReiseZweite Station sind die USA. Während wir in Deutschland noch darüber lächeln, dass manche Unis das Etikett Elite tragen, ist das in den USA eine Selbstverständlichkeit. Dort entscheidet das Einkommen der Eltern darüber, wer mit der Elite studieren darf - Stipendien hin oder her. Unis wie Harvard oder Yale der sogenannten Ivy-League sind zwar das Aushängeschild dieses Hochschulsystems, doch gerade einmal 0,6 Prozent der Studenten schaffen es dorthin.In Brasilien spielt die Vergütung der Professoren eine Rolle, wenn es darum geht, wie gut oder schlecht die Ausbildung ist. Da viele Professoren an öffentlichen Hochschulen hoffnungslos unterbezahlt sind, verdienen sie mit Nebenjobs Geld dazu. Die Zeit fehlt ihnen für die Betreuung der Studierenden. 500 Euro Studiengebühren trieben in Deutschland Tausende auf die Straße. In Russlands Provinz lassen sich etliche Unis allein für die Zulassung von Studenten fürstlich entlohnen - und damit nicht genug: Wer genug Geld hat, kommt mit Bestnoten durchs Studium.Zehn Millionen Chinesen kämpfen im landesweiten Schicksalstest Gaokao jährlich um die gerade einmal sechs Millionen Studienplätze. Das führt zu kuriosen Auswüchsen: Familien mieten sich lange vorher in Hotels nahe der Testzentren ein und belegen ganze Flure, damit der Sprössling ausgeruht antreten kann. Traurig aber wahr: Jedes Jahr steigt zum Gaokao die Selbstmordrate.Die meisten afrikanischen Länder haben gar keine Hochschulen mehr, die diesen Namen verdienen. In Namibia gibt es eine rudimentäre Uni, in Simbabwe ist das System unter Präsident Robert Mugabe komplett kollabiert, und in Ländern wie Sambia oder Mosambik haben die Hochschulen nichts mehr mit den westlichen Institutionen gemein. Deshalb gehen viele Schwarzafrikaner zum Studium nach Südafrika, in die Metropolen Kapstadt oder Johannesburg.Die Weltreise zeigt, dass das Leben von Dima Matta und den anderen dichter dran ist am Alltag deutscher Studenten, als es zunächst erscheint. Nicht nur in Großkonzernen arbeiten Kollegen aus aller Welt inzwischen Seite an Seite, auch die Sprache gleicht sich an. In vielen Abteilungen wird längst Englisch bevorzugt. Egal, woher die Mehrzahl stammt. Letztlich treffen sich alle wieder. Auf dem globalen Arbeitsmarkt.Studieren im Libanon: Als gäbe es kein MorgenImmer wenn der Wind über das Mittelmeer kommt und die Hitze, die Abgase, den Lärm weit weg trägt, dann kommt Dima Matta der gleiche Gedanke: "Ich würde gerne wissen, dass ich später im Libanon leben und arbeiten kann." Jung sein ist schwer, an einem Ort mit ungewisser Zukunft. In Beirut, so sagt man, zählt nur der Moment, weil alles von jetzt auf gleich in Chaos und Gewalt versinken kann. Sattgelbes Licht fällt auf die Betonfassaden des Christenviertels im Osten der Stadt, aus der Bäckerei gegenüber weht der Geruch warmer Teigfladen.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.10.2009
 

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