Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
So lenkt man die Crew langfristig
Foto: EpicStockMedia/Fotolia.com
Insight MBA

So lenkt man die Crew langfristig

Teil 4: Mindset des guten Managers

Hadern Sie auch manchmal mit dem profitorientierten System MBA?

Der MBA an einer privaten Einrichtung ist für mich nicht das gleiche wie ein Master an einer öffentlichen Uni. Das wird oft verglichen und ich verstehe nicht ganz weshalb. Der MBA ist eine Weiterbildung für Berufserfahrene, zugegebenermaßen eine nicht gerade günstige.

Daraus folgt, dass sich Lehrende im MBA-Programm den Kunden und ihren Ansprüchen an eine sehr teure Weiterbildung stellen müssen. Insofern ist das MBA-Programm eine ganz normale marktorientierte Unternehmung. Nebenbei erlaubt mir die Lehre im MBA zu testen, inwiefern das, was ich lehre, in der Praxis relevant ist. Ein MBA-Studierender wird sich sehr schnell bemerkbar machen, wenn er etwas für nicht praxistauglich hält. Das hilft mir sehr für meine Lehre in den normalen Bachelor- und Masterprogrammen.

Welche Fragen werden in den Business-Schools gerade diskutiert?

Spontan fallen mir zum Beispiel folgende ein:
  • Was benötigt ein zukünftiger Top-Manager an theoretischem Rüstzeug?
  • Was sollte in einem MBA gelehrt werden?
  • Welche Themen sollten kritischer diskutiert werden?
  • Wie sollten Unternehmen den MBA-Abschluss im Vergleich zu einem "normalen" Master oder einer Promotion bewerten?
  • Ist die Macht von Akkreditierungsstellen zu extrem und sind die Kriterien wichtiger Rankings, die den Markwert eines MBA maßgeblich beeinflussen, nicht zu unausgewogen?

Bleiben solche Fragen also offen?


Die fundierte Diskussion dieser Fragen ist notwendig und noch lange nicht abgeschlossen. Um MBA-Programme kursieren viele Vorurteile. Manche Kritik müssen wir an den Unis und Business Schools annehmen, andere ist schlichtweg unberechtigt oder übertrieben. MBA-Studenten werden zum Teil in einer Art und Weise dargestellt, die ich in meinem Umgang mit den Studierenden so ganz und gar nicht wahrnehme. Darüber hinaus empfinde ich viele meiner Kollegen als sehr reflektierte, kritische und ethische Geister, die sich bewusst mit der Art und dem Inhalt ihrer Lehre auseinandersetzen. 

Sie nehmen gerne gesellschaftlichen Einfluss, ist es da nicht manchmal frustrierend, nicht selbst in den Unternehmen etwas verändern zu können?

Ja und Nein.

Nein, denn ich nehme durch die Ausbildung zukünftiger Wirtschaftsakteure indirekt Einfluss auf die Unternehmenswelt. Das treibt mich stark an. Vielleicht wache ich irgendwann auf und denke mir, dass dieser Gedanke naiv ist. Dann werde ich meine berufliche Karriere eventuell überdenken müssen. 

Ja, denn es stimmt, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen und es mich reizen würde, ein Unternehmen zu gründen oder Verantwortung in einem Unternehmen über einen längeren Zeitraum zu übernehmen. An der Uni kann ich versuchen, in Zusammenarbeit mit meinen Kollegen gute und positive Impulse zu setzen. Aber eine enge und langjährige Zusammenarbeit mit Studierenden ergibt sich hier nur in Ausnahmen, beispielsweise wenn sie ein Sozialunternehmen gründen und ich sie dabei ehrenamtlich unterstütze.

Die Wirtschaft steht vor vielen Veränderungen: die weiter zunehmende Wissensgesellschaft, Digitalisierung und Big Data, Outsourcing, die angekündigte Vierte Industrielle Revolution… Was müssen Unternehmen derzeit besonders beachten, um erfolgreich in die Zukunft zu gehen?

Wenn ich eindeutige Antworten auf diese Frage hätte, würde ich wohl sofort ein Beratungsunternehmen gründen und diesen Veränderungsprozess mitgestalten. Für diese Fragen bin ich aber wirklich kein Experte.  

Was ich allerdings beobachte, ist die generelle Herausforderung, langfristig zu denken. Ich vermisse in Diskussionen häufig die Perspektive eines Familienunternehmers, dessen Ziel es ist, sein Unternehmen an die nächste Generation weiterzugeben.

Vieles, was wir beobachten, sind kurzfristige Trends und keine langfristigen Entwicklungen. Einen Trend kann man als Unternehmen schon mal verpassen, auch wenn es kurzfristig weh tut und die Ergebnisse belastet. Eine langfristige Entwicklung sollte man allerdings frühzeitig erkennen und als Unternehmer rechtzeitig angehen. Diese langfristige Denkweise bezieht sich auf mehr als die Unternehmenswelt und ist für mich eine Haltung, ein Mindset eines guten Managers, der dann die genannten Herausforderungen meistern kann.

Nach eigenen Aussagen fahren Sie das hässlichste Auto auf dem Campus. Warum?

Ich fahre einen mintgrünen Kastenwagen und die Geschichte geht so: Der Job in Paris ist verbunden mit der Notwendigkeit, ein Auto zu besitzen. Die HEC Paris liegt außerhalb von Paris in einem Städtchen in der Nähe von Versailles und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln leider nicht gut zu erreichen. Also sah ich mich gezwungen, mir ein Auto zuzulegen. Ich wollte ein praktisches Auto, in das ich mein Fahrrad, ein Schlauchboot für den Urlaub und Ähnliches verstauen konnte und das gleichzeitig in die kleinen Parklücken in Paris passt. Hinzu kam das typische Vorurteil über die Pariser Einparkgewohnheiten – also das ständige und zum Teil wenig zimperliche Anstoßen der Nachbar-Fahrzeuge beim Ein- und Ausparken.

Die optimale Lösung erschien mir damals der Kauf eines Autos zu sein, bei dem ich jede Delle verschmerzen kann. Unterschätzt hatte ich hierbei, wie wenig ich damit die Erwartungen an einen Business School Professor erfülle. Damit kann ich allerdings sehr gut leben und wann immer ein Kollege, der einen Sportwagen fährt, zum bekannten schwedischen Möbelhaus muss, dann lautet der Deal wie folgt: Mein Kastenwagen im Tausch gegen das Unterlassen jeglicher Sprüche über selbigen. Das hat über die Jahre einige Kollegen "ruhig gestellt".

Wenn Sie dem Curriculum im MBA noch etwas hinzufügen könnten, was wäre für Sie unverzichtbar?

Ich könnte mir mehr Interaktion außerhalb des Seminarraums im Sinne von Service Learning vorstellen, künstlerische Projekte, die Wahrnehmung und Kreativität schulen sowie mehr persönlichkeitsentwickelnde Kursangebote. Angebote aus diesen Bereichen würde ich mir als Ergänzung zu vorhandenen, erstklassigen MBA-Kursen wünschen.

Nach der Nominierung können Sie sich sicher vor Job-Angeboten nicht mehr retten. Was ist das nächste Ziel?

Da muss ich Sie enttäuschen, tägliche Anrufe von Headhuntern gehören nicht zu meinem Alltag. Als nächstes kurzfristiges Ziel habe ich einen entspannten Urlaub im April auf dem Kalender stehen, den ich nach einem anstrengenden Jahresbeginn dringend brauche.

Beruflich gesehen bestärkt mich die Auszeichnung von Poets&Quants darin, mich auf meine Stärken in der Lehre zu konzentrieren und mich vom steigenden Publikationsdruck nicht verrückt machen zu lassen. Es gibt doch nichts Schöneres als Studierende, die sich auch nach Jahren noch melden, um mich nach einem Rat zu fragen. Es wäre schön, wenn ich das auch noch in 30 Jahren erleben dürfte. Ein Ü-60 Preis für herausragende Lehre wäre also das langfristige Ziel.

Herr Hoos, vielen Dank für das Gespräch.
 

Fair Company | Initiative