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Bewerbungsplus

Sich freiwillig engagieren?!

Anne Koschik, Britta Mersch
Viel Arbeit und kein Lohn. Ein unrentables Geschäft? Keineswegs! Studenten, die sich freiwillig engagieren, sind bei Unternehmen gefragt. Ihre praktischen Erfahrungen und Soft Skills sind gerade bei Bewerbungen ein großes Plus. Die Unis honorieren den Einsatz allerdings kaum.

Foto: Uni Bayreuth
Promis sind mit von der Partie

Sie kriegen sie alle, jedes Jahr ist die Liste der Referenten der "Bayreuther Dialoge" prominent besetzt. Thomas Middelhoff, bis Ende Februar Arcandor-Vorstandschef, Bahnchef Hartmut Mehdorn, Tom Sommerlatte, Chairman bei Arthur D. Little, DM-Gründer Götz Werner und Nestlé-Ehrenpräsident Helmut Maucher waren schon da. Die Wirtschaftsführer sprachen über die Finanzkrise und die Moral, über Leistung, Humankapital, Verantwortung und Solidarität, und sie taten es nicht, weil sie ein üppiges Vortragshonorar kassierten. Die Organisatoren, die Studenten des Fachs "Philosophy & Economics", können nichts zahlen. Inzwischen aber hat sich ihr 2004 erstmals veranstaltetes Symposium einen Namen gemacht als Ort, an dem der Austausch gepflegt wird. Und wer eingeladen wird, kommt gerne in die beschauliche Stadt in Oberfranken.
Viel Arbeit bleibt es trotzdem. Rund ein Jahr lang bereiten insbesondere die Neulinge des Bayreuther Studiengangs die Veranstaltung vor und suchen Themen und Sponsoren für den Kongress. Nicht, weil der Studienplan es erfordert, sondern auf freiwilliger Basis und aus Neugier, wie Projektleiterin Bianca Fliß, 25, sagt. Es gehe darum, "theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen", um Soft Skills zu entwickeln und um am Ende "Lob für den Aufwand und die Energie, die man in die Planung und Umsetzung der Veranstaltung gesteckt hat", zu bekommen. Credit Points hingegen? Fehlanzeige. Die Uni belohnt diese Zusatzarbeit, die der Hochschule Renommee verleiht, nicht. Lediglich im Lebenslauf der Studenten schlägt sich das Engagement nieder.

Die besten Jobs von allen

Durch Bachelor und Master nimmt das Engagement der Studenten abAn Mitarbeitern mangelt es dem Team aber nicht. Der Spaß an der Sache überwiegt, und die Studenten wissen, dass sie sich Fähigkeiten aneignen, die ihnen später bei der Berufswahl und der Bewerbung helfen. Eigentlich sollte das ja der Bologna-Prozess leisten. Mit der Einführung der neuen Studiengänge Bachelor und Master sollte die Berufsvorbereitung Einzug in die Hochschulen halten. Studien zeigen aber: Richtig funktioniert hat das nicht. Laut Studienqualitätsbarometer des Hochschul-Informations-Systems (HIS) fällt nur jeder dritte Uni-Absolvent ein positives Urteil über den Praxisbezug seines Studiums.Auch eine OECD-Studie aus dem vergangenen Jahr stellt den deutschen Hochschulen ein schlechtes Zeugnis aus. Das Urteil: Die deutschen Hochschulen gelten als ineffizient und elitär. Trotz der laufenden Reform erreicht das deutsche Studiensystem nur den drittletzten von insgesamt 17 Plätzen. Eine traurige Bilanz, schließlich gilt der Erwerb überfachlicher Kompetenzen, etwa durch praxisorientierte Projektstudien, als essenziell für den späteren Berufseinstieg. Doch die Reform hat den Studenten nicht genügend Spielraum geschaffen. Durch die eng gestrickten Stundenpläne bleibt kaum Zeit für soziale, politische oder unternehmerische Ausflüge.Zahl der ehrenamtlich aktiven Studenten sinktUnd so überrascht es kaum, dass das zivile oder ehrenamtliche Engagement bei Studierenden in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Laut einer Studie des HIS beteiligten sich 2006 zwei Drittel aller Studenten an Projekten, für die sie nicht entlohnt werden. Inzwischen ist es nur noch ein Drittel, wie das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ausweist, das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt wird. Die Zahl entspricht zwar dem Bundesdurchschnitt, bei den Studenten aber zeigt sich, dass sie sich oft nur kurzfristig engagieren - wenn sie einen Gewinn aus der Tätigkeit ziehen können: "Viele Studenten bessern so ihren Lebenslauf auf und erwerben Kompetenzen, die sie später gut gebrauchen können", sagt Lars Fischer vom Hochschul-Informations-System.Die fehlende Möglichkeit zur außeruniversitären Arbeit während des Bachelor- und Master-Studiums bereitet einigen Organisationen Sorgen. Aiesec, die die Völkerverständigung fördert, der Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen BDSU, Elsa-Deutschland, eine Vereinigung von Jura-Studenten, und Market Team, Deutschlands größte interdisziplinäre Studenteninitiative haben sich deswegen zur "Kölner Runde" zusammengeschlossen. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass das Engagement der Studenten mehr Anerkennung findet. Einfach ist das nicht. Der Verein leidet selbst unter dem Schwund der Freiwilligen. "Seit zwei, drei Jahren stellen wir fest, wie schwierig es ist, unsere nationalen Ämter zu besetzen", sagt Devorie Klingels von der Kölner Runde. "Für außeruniversitäres Engagement gibt es keine klare Regelung. Es wird als eigener, privater Spaß angesehen."
 

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