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MBA-Absolventen

Schwierige Jobsuche

Stefani Hergert
Die Krise hinterlässt auch bei den MBA-Absolventen ihre Spuren: Es gibt weniger Stellen und Gehalt bei Banken und Beratungen. Viele haben Schwierigkeiten überhaupt einen Job zu finden. Die Absolventen suchen jetzt nach Alternativen in der Industrie und in ihren Heimatländern.
Für MBA-Absolventen gibt es weniger JobsFoto: © Tom Mc Nemar - Fotolia.com
Annette Pöhl hatte eigentlich vor, mit dem MBA in der Tasche in eine andere Branche zu wechseln. Die Handelsblatt-Stipendiatin am französischen Insead, die Ende 2009 abgeschlossen hat, kommt aus der IT-Branche. Und genau dort steigt sie jetzt auf ähnlicher Position wieder ein - wenn auch bei einem neuen Unternehmen und in London. "Die Veränderungsmöglichkeiten sind gerade begrenzt", sagt Pöhl.Wer im Jahr 2009 seinen MBA beendete, fand sich auf einem ungemütlichen Jobmarkt wieder. Der Abschluss allein reichte häufig nicht, um einen kompletten Wechsel oder Aufstieg zu begründen und viele fanden auf Anhieb gar keinen neuen Job. Die Stipendiatin Pöhl freut sich auf die neue Stelle. Viele Kommilitonen wären froh, wenn sie überhaupt ein Angebot hätten, sagt sie. Und das, obwohl sie ihr Studium an der Elite-Schule schon vor mehr als zwei Monaten abgeschlossen haben.

Die besten Jobs von allen

Selbst für hochqualifizierte MBA-Absolventen ist der Arbeitsmarkt eng und der Wiedereinstieg nicht mehr so selbstverständlich wie vor der Krise. Ob die Klasse des Jahres 2010 entspannter auf die Suche gehen kann, wissen selbst die Schulen nicht genau. Erste Anzeichen, dass der Stellenmarkt anzieht, gibt es. Bislang sind das aber nur Hoffnungsschimmer.Das belegen auch die Zahlen der Business Schools. An der spanischen IESE hatten 2009 nur 86 Prozent der MBA-Absolventen drei Monate nach dem Abschluss ein Angebot, im Jahr zuvor waren es noch 98 Prozent. Ein ähnliches Bild auch am französischen Insead in Fontainebleau: "In guten Jahren hatten 92 Prozent der Absolventen drei Monate nach Abschluss einen Job, bei denen, die im Juli 2009 gingen, waren es 87 Prozent", sagt Sandra Schwarzer, Direktorin am Insead. An der Tuck School der Universität Dartmouth suchten zu dem Zeitpunkt noch 14 von 100 Absolventen einen Job. Das sind fast dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Für die Schulen ist das nicht nur bitter, sondern ein echtes Problem, misst sich an der Vermittlungsrate der Absolventen doch, wie gut eine Business School ist.Weniger Jobs, dafür neue BranchenViele Schulen beobachten zudem, dass sich der Branchenmix verschiebt. Beratungsunternehmen, die Finanzindustrie, das einst begehrte Investment-Banking eingeschlossen, haben in den vergangenen Jahren MBA-Absolventen eingestellt. "Doch viele Studenten haben sich jetzt umorientiert, weil es weniger Angebote in den traditionellen MBA-Branchen gab. Sie gehen wieder verstärkt in die Industrie", sagt Schwarzer. Vor zwei Jahren sei am Insead noch jeder Dritte in der Industrie untergekommen, 2009 waren es schon mehr als jeder Zweite. Ähnliches berichtet auch die französische HEC: 40 Prozent der Absolventen fanden in den vergangenen Jahren eine Stelle in der Industrie, 2009 waren es schon 52 Prozent. Vor allem der Gesundheitssektor, Energie-, aber auch Telekommunikationsunternehmen und die High-Tech-Branche haben verstärkt MBAs eingestellt. Mehr Absolventen als in den Jahren zuvor gehen zudem in ihre Heimatländer zurück", sagt Rebecca Joffrey, Direktorin an der Tuck School. Ganz freiwillig allerdings nicht. Wenn sie die Wahl hätten, würden viele bleiben, sagt Joffrey. Der Jobmarkt in Asien, Osteuropa oder Südamerika sei momentan schlicht entspannter als der in London oder New York.Die Gehälter sind gesunkenAuch beim Gehalt mussten die Absolventen im vergangenen Jahr Abstriche machen. In einer Umfrage unter MBA-Absolventen des Jahres 2009 des Graduate Management Admission Councils (GMAC), das auch den Standardtest GMAT herausgibt, sank der Median von 80 000 Dollar auf 79 271 Dollar. "Die Grundgehälter sind bei unseren Absolventen nicht gesunken", sagt Schwarzer. Aber der Bonus, der oft zusätzlich bei Vertragsabschluss gezahlt würde, sank teils um zehn Prozentpunkte. "Die Studenten mussten stärker verhandeln, auch bei Aktienoptionen oder Firmenwagen", sagt sie.Zunehmend entscheiden sich aber auch Studenten gegen üppige Gehälter und für einen Job in Nichtregierungsorganisationen oder gemeinnützigen Unternehmen. Am Insead hat sich die Zahl der MBAler hier verdoppelt - wenn auch auf bescheidenem Niveau. Vier Prozent kommen jetzt dort unter. Deutlicher ist das an der französischen HEC, acht von 100 Studenten steigen nach dem MBA in NGOs oder sozialen Unternehmen ein."Das zeigt uns: Die Studenten sind bereit, einen Mehrwert zu schaffen, der über den kurzfristigen Gewinn hinausgeht", sagt Valérie Gauthier, die den MBA der HEC leitet und darin ganz klar einen Trend sieht. "Diese Generation hat miterlebt, wie die Wirtschaft zusammengebrochen ist. Vielleicht resultiert daraus der Ansatz, dass es auch anders gehen muss", sagt Schwarzer vom Insead.Kaum eine Business School will sich darauf festlegen, ob die Talsohle nun schon durchschritten ist. Die meisten geben sich vorsichtig optimistisch. Für den Jahrgang 2010 gibt es erste positive Signale. In einer GMAC-Studie äußerten sich 70 Prozent der Unternehmen, die MBAs rekrutieren, durchaus optimistisch. An der IE Business School sieht man wieder mehr Interesse seitens der Unternehmen und mehr Jobangebote am Schwarzen Brett. "Es kann ja auch nicht mehr schlimmer werden", heißt es an der spanischen Schule."Das Jahr 2010 hat für uns mit einigen sehr guten Nachrichten von der Einstellungsfront begonnen", ist auch aus der Universität St. Gallen zu hören. Doch lernen in den Business Schools in diesem Jahrgang auch mehr Studenten als jemals zuvor - etliche Schulen haben so große MBA-Klassen eröffnet wie noch nie in ihrer Geschichte. Zusammen mit den 2009er-Absolventen, die noch keine Stelle gefunden haben, drängen also wesentlich mehr Absolventen auf den MBAArbeitsmarkt.Hinzu kommt: Wer in den USA seinen Abschluss macht, könnte es schwerer haben als die Kollegen in Europa. Die Studenten der zweijährigen US-Programme haben im Herbst 2008 ihr Studium begonnen, als die Lehman-Pleite gerade ein paar Wochen alt war. Im Sommer 2009 hatten viele dann Probleme, eine Firma für das obligatorische Sommerpraktikum zu finden. Viele MBA-Studenten - an einigen Schulen um die 60 Prozent - kommen aus diesem Praktikum normalerweise schon mit einem Jobangebot zurück. "Viele haben das Praktikum in mittelgroßen Unternehmen oder im gemeinnützigen Sektor absolviert", sagt Roxanne Hori von der Kellogg School. Diese Branchen zählen jedoch nicht zu den traditionellen MBA-Recruitern. Die Studenten kamen meist ohne Jobangebot zurück.2010 wird also ein Jahr des Wartens. "Die Unternehmen werden sich lange Zeit lassen, bis sie Zusagen abgeben", ist Hori überzeugt.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2010
 

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