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Esel
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Appell gegen das Promovieren

"Schickt den Esel nach Hause!"

Ferdinand Knauß, wiwo.de
Mit der Zahl der Studenten ist auch die der Promotionen stark gestiegen. Der eigentliche Zweck – die Forschung – ist dabei für allzu viele Doktoranden eher Nebensache.
Aus der Perspektive des Einzelnen ist das verständlich. Aber dem wissenschaftlichen Fortschritt, von dem in den Promotionsordnungen der Universitäten stets die Rede ist, ist damit nicht gedient. Im Gegenteil. Das Heer der Doktoranden hält nicht nur sich selbst von ökonomisch produktiver Arbeit ab, sondern auch die Doktorväter und -mütter von sinnvollerer Forschung und Lehre.

Der Grund, warum man sich dennoch in den Rektoraten der Universitäten über jeden Doktoranden freut, ist ein banaler: Schließlich wird die Promotionsquote, also die durchschnittliche Zahl der Doktoranden pro Professor, in den meisten Rankings und leistungsorientierten Mittelverteilungssysteme des Universitätsbetriebs, nach denen heute die "Exzellenz" einer Hochschule berechnet wird, als Indikator für die Leistungsfähigkeit betrachtet – unabhängig von ihrer Qualität. Und auch für den einzelnen Doktorvater bedeutet die Zahl der Promotionen eine Auszeichnung. Zumindest solange dies so bleibt, haben Professoren keinen Anreiz, Kandidaten abzulehnen.

Gegen die "Pseudodoktoren"

Dass die Promotionsquote tatsächlich entscheidend für die wissenschaftliche Exzellenz einer Universität oder des Wissenschaftsstandortes Deutschland ist, darf man jedoch bezweifeln. Schaut man sich die Rangliste der Netto-Abschlussquote für Promotionen in den OECD-Ländern an ("OECD Bildung auf einen Blick" 2010), so ist kein Zusammenhang zwischen Promotionsquote und wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit ersichtlich.

Portugal steht da noch vor Deutschland, während wissenschaftliche Großmächte wie die USA und Japan weit abgeschlagen sind. Dass die Universitäten selbst die inflationäre Entwicklung der nicht wissenschaftlich motivierten Promotionen alleine umkehren wollen und können, ist zweifelhaft, solange die von der Wissenschaftspolitik beförderte Statistikgläubigkeit anhält und damit die Gleichsetzung von Doktorandenzahl mit Exzellenz. Eine Bewegung wie die von Theodor Mommsen 1876 mit seiner Schrift gegen die "Pseudodoktoren" ausgelöste, ist derzeit jedenfalls nicht in Sicht.

Schon damals hatten falsche, finanzielle Anreize für Doktorväter dazu geführt, dass Doktoranden allzu großzügig und mit immer besseren Noten durchgewunken wurden. Ein beliebter Spottvers lautete: "Sumimus pecuniam et mittimus asinum in patriam" (Wir nehmen das Geld und schicken den Esel nach Hause").

Zum Wohle der Wissenschaft: Titel streichen!

Ein von außen angesetzter Hebel dürfte eher Wirkung zeigen. Vielleicht verlieren die Eitelkeits- und Karrieredoktoranden von sich aus das Interesse. Die öffentliche Degradierung Guttenbergs und der anderen Ex-Doktoren des politischen Betriebes dürfte dazu beigetragen haben, die Wirkung eines Doktor-Titels als "Talentsignal" zu mindern. Dazu kommt, dass möglicherweise gerade die zunehmende Akademisierung der Gesellschaft die Hochachtung vor Karriere-Doktoren und damit die Attraktivität des Promovierens zu nichtwissenschaftlichen Zwecken dämpft.

Wer studiert hat, weiß, was ein Doktortitel eigentlich sein sollte – nämlich der Qualifikationsnachweis für eine wissenschaftliche Karriere, nichts anderes. Außerhalb des wissenschaftlichen Betriebes werden nämlich die allermeisten Doktoren, da hatte die Bundeskanzlerin durchaus recht, "nicht als wissenschaftliche Assistenten eingestellt."

Michael Hartmann, Soziologe und Elitenforscher aus Darmstadt, weiß, was nötig wäre, um den Deutschen die Promotionslust vergehen zu lassen: "Man müsste nur die Titel von den Visitenkarten und Türschildern verschwinden lassen. Dann würden nur noch diejenigen eine Promotion anstreben, für die sie tatsächlich einen wissenschaftlichen Wert hat." Journalisten übrigens, soviel Unbescheidenheit sei hier erlaubt, leisten dazu einen wertvollen Beitrag: Doktor-Titel – also auch der von Michael Hartmann – werden konsequent aus jedem Artikel verbannt. Die zahlreichen Doktor-Titel der Redakteure stehen nur im Impressum.

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