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Uni-Städte

Regensburg - Zwischen Mittelalter und Betonburg

Susanne Herr
Ein Erstsemestler, der an einem Novembermorgen in Regensburg auf die weiße Wand vor seinem Fenster starrt, fragt sich gezwungenermaßen, ob er bei der Wahl seines Studienortes noch bei klarem Verstand war. - War er. Denn die Stadt an der Donau bietet Vorzüge, die das kleine Problem mit dem Wetter fast bedeutungslos machen.
Der Blick der Regensburger Chemiker auf den CampusFoto: © Universität Regensburg/R. Dietze
Dunkle Wolken umhüllen den Campus. Die grauen Betonbunker der Fakultäten verschwimmen im Nebel. Den Dom hat seit Tagen keiner mehr zu Gesicht bekommen und wo einst der Fernsehtum stand, schwebt ein UFO. Ein Erstsemestler, der an einem Novembermorgen in Regensburg auf die weiße Wand vor seinem Fenster starrt, fragt sich gezwungenermaßen, ob er bei der Wahl seines Studienortes noch bei klarem Verstand war.War er. Denn die Stadt an der Donau bietet Vorzüge, die das kleine Problem mit dem Wetter fast bedeutungslos machen.

Die besten Jobs von allen

Vom Leben und Überleben20.000 Studenten an Universität und Fachhochschule entscheiden sich jeden Herbst, den Kampf mit dem Nebel aufzunehmen. Für die meisten ist er längst gewonnen, wenn die Dunstschwaden im April wieder abziehen. Denn zahllose Kneipen, Bars, Cafés, Uni-Feten, Wohnheimfeste und der Christkindlmarkt sorgen dafür, dass man die unangenehmen Seiten des Winters fast völlig verschläft. Die angenehmen dagegen kosten viele Studenten voll aus: Die meisten Skigebiete in den bayerischen und österreichischen Alpen sind in nur drei Stunden erreicht.Wer den Winter über durchgehalten hat, wird belohnt. Der Regensburger Sommer ist eine Klasse für sich. In den Gässchen und auf den Plätzen der Altstadt drängen sich die Tische der Cafés und Restaurants. Bürgerfest, Stadt-Marathon, Bayerisches Jazz-Weekend, Villapark-Festival und die Festlichen Sommerkonzerte locken ganz Regensburg auf die Straße. Die Altstadt liefert dazu eine einmalige Kulisse. Denn als einzige deutsche Großstadt blieb Regensburg vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verschont. Beim Spaziergang zwischen Brunnen und Bürgertürmen erlebt man daher Mittelalter pur.Nachts haben die Studenten die Stadt für sich. Kein Wunder: In Regensburg ist jeder siebte Einwohner Student. Welche Kneipen gerade angesagt sind, findet man am besten vor Ort heraus. Mit jedem Schwung von Studienanfängern werden neue Etablissements entdeckt. Dauerbrenner bei BWLern und Juristen ist die Galerie. Böse Zungen behaupten, dass man dort lieber nicht ohne Kostümchen und/oder Barbour-Jacke auftaucht. Die besten Cocktails schlürft man im Félix und im Wirtschaftswunder, die billigsten im Peaches und im Flannagan's. Zum Abtanzen bieten sich das Zapp und die Alte Mälze an.Wer sich zur Abwechslung mal berieseln lassen möchte, auf den warten die sieben Regensburger Kinos mit insgesamt 2.852 Plätzen. Das Besondere: Neben dem fast schon obligatorischen Cinemaxx überwiegen kleinere Autorenkinos, in denen nicht nur Brad Pitt und Harrison Ford über die Leinwand flimmern: Themenreihen, Länderschwerpunkte und OmU (Originalton mit Untertiteln) gehören zum festen Programm von Filmgalerie und Altstadtkinos. Seit sieben Jahren zieht außerdem die Kurzfilmwoche Filmemacher und Fans nach Regensburg.Die Finanzierung all dieser Aktivitäten sollte in Regensburg nicht allzu problematisch sein. Zum einen bietet sich an, in Kneipen, Cafés und Restaurants auf die Spendierlaune der Kommilitonen zu hoffen. Wer dazu keine Lust hat, dem winken bei BMW, Siemens oder Toshiba lukrative Ferien- und Nebenjobs. Wenn man dagegen weniger für den Geldbeutel und mehr für den Lebenslauf tun will, sollte man einen Job als studentische Hilfskraft in Erwägung ziehen. An den meisten Instituten ist es nicht schwierig, eine freie Stelle zu ergattern.Vom WohnenBevor sich der Erstsemestler aber ins Studentenleben stürzen kann, heißt es erst mal eine Wohnung finden. Das sollte kein allzu großes Problem sein, denn der Wohnungsmarkt hat sich in den letzten Jahren ziemlich entspannt. Es bleibt die Qual der Wahl zwischen Wohnheim und Privatzimmer, Altstadt oder Uninähe. In Wohnheimen kommen circa 15 Prozent der Regensburger Studenten unter.Damit nimmt Regensburg unter Bayerns Universitätsstädten einen Spitzenplatz ein. Bei der Vermittlung von Privatzimmern hilft die Zimmerbörse des Studentenwerks. In der Mensa und vor den Hörsälen hängen außerdem zahlreiche private Angebote aus. Die Wohnungspreise sind moderat. Wohnheimplätze des Studentenwerks sind ab 130 € zu haben. Am freien Markt kann man WG-Zimmer ab 150 € ergattern.Bezüglich der besten Wohngegend gehen die Meinungen der Studenten auseinander. Uni und FH sind etwa zehn Busminuten von der Altstadt entfernt. Ein Radfahrer-unfreundlicher Berg erschwert den Weg zwischen Bier und Bildung. Die einen ziehen es daher vor, sich jeden Morgen von der Altstadt in überfüllten Bussen an die Uni zu quälen.Die anderen nehmen lieber nächtliche Gewalttouren per Fahrrad zu den Wohnungen an der Uni in Kauf - der öffentliche Personennahverkehr gibt ab Mitternacht den Geist auf. Vor dieser Deadline profitiert man in Bussen und Bahnen vom Semesterticket, das alle Studenten über den Semesterbeitrag finanzieren. Auf ein Auto kann man als Student daher eigentlich verzichten.Vom StudierenDas Universitätsgelände selbst entstand in den 70er Jahren. Die Baustoffe Beton, Beton und Beton standen damals offensichtlich im Übermaß zur Verfügung. "Vor einem Atomschlag sind wir hier absolut sicher", heißt es unter den Studenten, die angesichts des architektonische Grauens ihren Humor noch nicht verloren haben. Daneben bietet Regensburg aber alle Vorteile einer Campus-Universität: Übersichtlichkeit, kurze Wege und enge Kontakte zwischen den Fakultäten.90 Prozent der Regensburger Studenten kommen aus Bayern. Dennoch muss man keine Angst davor haben, in Regensburg nur im eigenen Saft zu braten. Die Universität kooperiert mit 130 Austauschuniversitäten, davon allein 70 in den USA. Damit befindet sich die Uni Regensburg an der Spitze aller deutschen Hochschulen. Über 15 Prozent der Regensburger Studenten nutzen diese Verbindungen und verbringen ein oder zwei Semester im Ausland.Mit der Verpflegungssituation an der Uni lässt sich dieser Exodus nicht erklären: Die Mensa bietet mit vier Hauptspeisen und zahlreichen Beilagen meist etwas für jeden Geschmack. Zusätzlich warten die Cafeterien mit kreativen Verkaufsstrategien auf hungrige Studenten. Dazu gehört Selbstgebackenes ebenso wie die Schnellkasse für besonders eilige Studenten.Bei wem der Aufenthalt dort schon sichtbare Zeichen hinterlässt, kann ungeliebte Pfunde am einfachsten im Sportzentrum wieder loswerden. Von A wie Aqua-Aerobic über S wie Speed-Skating bis hin zu W wie Wakeboarding ist jede Trendsportart vertreten. Doch keine Angst: Mit Angeboten wie Basketball, Bogenschießen oder Boxtraining bleiben auch Traditionalisten gut versorgt.Wer also eine übersichtliche Uni mit unübersichtlichen Freizeitangeboten zu schätzen weiß - oder aber glühender Verehrer der Regensburger Domspatzen ist -, der ist in Regensburg an der richtigen Stelle.Weitere Infos:
www.regensburg.de - Stadt Regensburg
www.uni-regensburg.de - Uni Regensburg
www.fh-regensburg.de - FH Regensburg
www.uni-regensburg.de/Einrichtungen/Studentenwerk- Studentenwerk
www.mitwohn-regensburg.de - Mitwohnzentrale Regensburg
www.rvv.de - Regensburger Verkehrsverbund
www.donau.de- Mittelbayerische Zeitung im Netz
www.regensburger-kurzfilmwoche.de - Regensburger Kurzfilmwoche
Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2008
 

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