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Julia Friedrichs

"Privatschul-Bedingungen für alle"

Astrid Dörner, Vasco Boenisch
Die selbsternannte Elite hält nicht, was sie verspricht: Julia Friedrichs kritisiert, dass die Auswahl der Mächtigen von morgen falsch läuft.
Julia Friedrichs, Autorin des Buchs "Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen"Foto: © Rainer Holz
Frau Friedrichs, in Ihrem Buch "Gestatten: Elite" sparen Sie nicht mit Kritik an so genannten Elite-Akademien. Dürfen Sie sich da jetzt noch blicken lassen?
So und so. Eigentlich sind alle mit mir im Gespräch geblieben, bis auf das Internat Schloss Salem. Die Beteiligten streiten ab und sind nicht bereit, mit mir zu diskutieren. Die European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel sieht das dagegen ganz sportlich. Sie greift meine Kritik auf und setzt sich damit auseinander. Ich habe auch den Eindruck, dass sich an der Hochschule ein bisschen was ändert.
Sind das Änderungen beim Image - oder am System? 
Das weiß ich nicht. Aber die EBS arbeitet gerade daran, für Studenten, die nicht aus gutem Hause kommen, einen umgekehrten Generationenvertrag ins Leben zu rufen. Das heißt, dass für manche die Studiengebühren erst nach dem Studium, also im Beruf, fällig werden.

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Elite ist ja ein Reizwort, gerade wenn man sich selbst so nennt. Was braucht es für Sie zur Elite? 
Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein sind ja nur die Basis. Was mir bei vielen Elite-Studenten fehlt, sind drei Eigenschaften: dass man immer mal wieder Dinge infrage stellt und zweifelt, dass man eine gewisse Demut hat und dass man sehr viel von denen weiß, die man anführen soll. Früher hat man sich in einem Betrieb hochgearbeitet. Heute kennen viele Führungskräfte diese Normalität gar nicht mehr. Drei Jahre Studium an der Business School, zwei Jahre Beratung und dann ins obere Management - so geht oftmals der Weg. Da frage ich mich: Woher soll die Kenntnis kommen, wie es wirklich aussieht?! Das ist eine inzestuöse Struktur.
Gibt es nicht auch eine positive Elite? 
Ich habe bei der Recherche viele so genannte Elite-Anwärter getroffen, die richtig gut waren. Ich kenne aber auch genauso viele gute Leute, die nicht zu diesem kleinen Elite-Kreis gehören. Mich stört die Zweiteilung, die der Begriff mit sich bringt. Ich akzeptiere ihn nur bei messbaren Leistungen. Ich kann sagen: Mario Gomez ist wohl ein Elite-Stürmer - und mein Cousin in der Kreisliga nicht. Darüber hinaus würde ich Elite lieber als Vorbild definieren.
Es geht also um eine geistig-moralische Elite? 
Wenn man von einer gesellschaftlichen Elite spricht, sollten das Leute sein, die es verdient haben, Macht auszuüben. Dafür sollten sie Vorbilder sein. Doch dazu ist es bei 20-, 25-jährigen Studenten viel zu früh. Das klingt vielleicht altklug, aber man sollte schon ein bisschen was erlebt und die Fähigkeit zur Reflexion haben. Man sollte erfahren haben, dass einfache Wahrheiten wie "Wer sich anstrengt, schafft das" auch mal nicht stimmen können.
Die Akademien versuchen ja, den Kontakt zu sozial Benachteiligten herzustellen. 
Das ist auch gut. Aber es ist eine künstlich hergestellte Normalität. Es ist was anderes, ob dein Mitschüler aus einer Migrantenfamilie kommt oder ob du Mittwochnachmittag um 14 Uhr in ein Asylbewerberheim fährst und für zwei Stunden der Gutherzige bist. Im ersten Fall sind das Gleichberechtigte, die du respektierst wie dich selbst. Im zweiten Fall sind es Fremde. Man sieht zurzeit recht deutlich, zu welchen Problemen es führen kann, wenn Führungsetagen nur unter sich sind. Da passieren viele Dinge - ob bei Post, Lidl oder Telekom -, bei denen man sich fragt: Warum machen diese Leute das, warum halten sie es für richtig? Steuern hinterziehen, Mitarbeiter und Kritiker bespitzeln. Man hat das Gefühl, diese Leute lebten in einem eigenen System für Recht und Unrecht. Das ist sicher nicht nur darauf zurückzuführen, aber das permanente Untersichsein ist auch ein Grund dafür. Warum ist denn dort keiner aufgestanden und hat das verhindert?!
Wird der Begriff der Elite oft als Deckmantel gebraucht, um Machtstrukturen zu sichern? 
Am deutlichsten ist das bei den Internaten wie Salem, die ja selber sagen, dass sie keine Leistungselite sind. Weil sie sich das Label Elite ankleben, glaubt aber jeder, dort wären die Besten der Besten. Das ist aber null so. Der Eliteanspruch wird dort begründet mit der angeblichen Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. Und da widerspreche ich: Geld und Herkunft spielen eine Rolle! Verantwortungsbewusstsein ist ein redlicher pädagogischer Ansatz - wird aber nur Kindern geboten, die das Schulgeld zahlen können.
Auf den Privat-Unis geht es doch um Leistung. 
Auch dort, wo behauptet wird, man sei reine Leistungselite, wie etwa an der EBS, spielen bei der Frage, ob man sich bewirbt oder nicht, Geld und Herkunft eine gewaltige Rolle, weil man, wenn man keine wohlhabenden Eltern hat, vor dem Problem steht, die Studiengebühren irgendwie finanzieren zu müssen. Und wenn man sich dann vor Augen führt, dass in Umfragen rund 90 Prozent der Topmanager sagen, sie haben sich die Elite-position durch eigene Leistung erarbeitet, und das mit dem Besuch von Elite-Internaten und Elite-Unis belegen, wird klar: Der Begriff Leistungselite dient oft dazu, andere Kriterien zu übertünchen.
Wie sollten die Akademien denn auswählen? 
Es sollte ein Wettbewerb mit einem einzigen, klaren Kriterium sein: Man besteht den Aufnahmetest. Wenn man die besten Anwärter auf Top-Wirtschaftspositionen finden will, ist das Kriterium, dass man für die Ausbildung Geld zahlen muss, ein untaugliches.
Wie würden denn Sie die Elite rekrutieren? 
Ich würde etwa in einem Unternehmen festlegen, welche Erfahrungen man gesammelt haben muss, und mit einem nachvollziehbaren Test klar definierte Qualifikationen prüfen. Der Knackpunkt sind die Auswahlgespräche. Da ich inzestuöse Strukturen kritisiere, würde ich die Kommission durchmischen: Personen mit unterschiedlichen Hintergründen, nicht nur Personaler, auch mal den Fertigungsleiter, normale Arbeiter, Kunden oder Unternehmensfremde. Das würde sehr viel bringen. Nur so findet man vielfältige Leute. Das bestätigen mir ja selbst die Professoren an den Elite-Akademien. Man muss das System bewusst durchbrechen.
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Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2008
 

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