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Universitäten

Privat gegen staatlich: Wer hat die Nase vorn?

T. Farin, Ch. Parth
Sind Professoren an staatlichen Unis faul? Studieren an privaten Hochschulen nur reiche Schnösel? Junge Karriere hat zehn Klischees überprüft. Das Fazit: Nicht jedes Vorurteil stimmt.
Junge Karriere vergleicht private und staatliche UnisFoto: © Jordi Farres - Fotolia.com
Wer viel zahlt, gewinnt nicht immer. Noch haben zwar die kostspieligen Business-Schools in vielen Belangen die Nase vorn. Durch den Bologna-Prozess geben aber auch viele staatliche Unis ordentlich Gas. Für Bewerber lohnt es sich heute umso mehr, das Angebot jeder einzelnen Uni zu prüfen.1. Verbeamtete Professoren sind faul

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Es soll Professoren an staatlichen Unis geben, die den Studenten fürchten wie Superman das Kryptonit. Sie bevorzugen es, sich am Vorlesungssaal vorbeizuschleichen und sich allein in ihre Bücher zu vergraben. Das nennt man dann Forschung. Laut Uwe Kamenz, Professor für BWL an der FH Dortmund, ist aber die Forschung zugleich ein Vorteil öffentlich-rechtlicher Unis. "Die Beamten haben mehr Freiheit und Geld dafür", sagt der Autor des Buches "Professor Untat". "Da hinken die Privaten deutlich hinterher. Bei ihnen steht die Qualität der Lehre im Vordergrund."So war es etwa für die Verantwortlichen der sonst so renommierten European Business School (EBS) in Oestrich-Winkel geradezu ein Schock, als ihre Equis-Akkreditierung - ein Gütesiegel für Business-Schools - nach zwei Jahren harter Arbeit in diesem Jahr überraschend scheiterte. Ohnehin kann von Faulheit bei den C4-Diven keine Rede sein. Bis zu 60 Stunden arbeiten sie laut Hochschullehrerverband die Woche. Mehr hat ein Investmentbanker auch nicht im Programm. Letztlich dienen die meditativen Phasen des Profs auch dem Studenten. "Gute Forschung sichert nachhaltig auch die Qualität der Lehre", urteilt Kamenz. Aber auch eine gute Didaktik-Show im Audimax lohnt sich inzwischen für die Staatsdiener. Seit Einführung der W-Besoldung ist das Einkommen der Professoren leistungsabhängig, und das schließt eine gute Lehre mit ein.2. An Privat-Unis studieren nur reiche SchnöselAm Anfang war Tanja Daumlechner, 21, ziemlich "geflasht von den ganzen Louis-Vuitton-Täschchen", wie sie über ihren Start an der EBS berichtet. Die blonde junge Frau aus Aschaffenburg passt nicht ins Klischee von den verwöhnten Bengeln: In Kasachstan geboren, Tochter zweier russischer Akademiker, die in Deutschland als Arbeiter ihre Familie über Wasser halten - "eigentlich war da an eine Privat-Uni nicht zu denken", sagt die Studentin. 5 000 Euro Gebühr pro Semester schrecken ab.Doch weil sie von der Ausbildung überzeugt war, hat sie sich erfolgreich für ein Stipendium beworben.Dank der Vodafone-Stiftung für Studierende mit Migrationshintergrund kann sie sich Lehre und Leben leisten. An den Privat-Unis im Land bemüht man sich, Talenten aus Arbeiterfamilien die Tore zu öffnen. An der Handelshochschule Leipzig (HHL) bekommt jeder sechste Studierende Bafög, und an der EBS beziffert man den Prozentsatz der Studierenden ohne Eltern-Garantie auf 20 Prozent. Es gibt diverse Förderprogramme. Ein Musterbeispiel: Der EBS-Alumniverein exEbs bietet einen gemeinnützigen Bildungsfonds, der 25 so genannte "Fellows" pro Jahrgang fördert. Das Motto benennt Martin Hess, der AlumniVorsitzende: "Am mangelnden Geld für die Ausbildung darf ein Talent nicht scheitern."Natürlich bleibt im Vergleich zu den staatlichen Unis ein Unterschied: Die hohe Investition ins Studium spricht Wohlhabende eher an. Laut der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks und des HIS Hochschul-Informations-Systems findet man an öffentlichen BWL-Fakultäten weitaus mehr Studierende aus der untersten sozialen Herkunftsgruppe als aus der obersten.Aber Daumlechner fühlt sich dennoch wohl an der Privat-Uni. Schließlich sei nicht jeder Reiche gleichzeitig ein Schnösel. Den gefühlten Anteil dieser Schnittmenge beziffert sie an der EBS auf zehn Prozent.3. Unternehmen bevorzugen Absolventen von staatlichen Unis, weil die mehr Durchsetzungsvermögen habenWer es bis ins Haifischbecken einer Vorstandsetage bringen will, braucht Rückgrat, Ehrgeiz und langen Atmen. Tugenden, die jemand besser erlernt, wenn er sich im Strudel der Massen-Unis behaupten kann, glaubt Manfred Schwaiger, Vorstand des Instituts für marktorientiertes Management an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). "Wir zerstören leider Selbstbewusstsein, wenn wir etwa 900 Studenten in einen Hörsaal quetschen", sagt der BWL-Professor. "Aber wer sich hier durchgeboxt hat und nachher zu den Besten gehört, hat eine relevante Leistung erbracht." Manche Studenten blicken gar mit ein wenig Verachtung auf die Kollegen aus privatem Hause. "Die zahlen viel Geld und bekommen alles hinterhergetragen", echauffiert sich Daniela Schlosser von der Uni Frankfurt, Wirtschaftsstudentin im zweiten Semester. So weit wollen Unternehmen in ihrer Beurteilung von Durchsetzungskraft zwar nicht gehen, aber eine gewisse Wertschätzung für schlaue Köpfe, die aus der Masse strahlen, nicht verhehlen. Studenten von staatlichen Unis müssten sich eben häufig ganz allein um ihre Praktikumsplätze kümmern, sagt Georg-Johann Bachmaier, Leiter des Hochschul-Recruitings der Deutschen Bank. Wer es geschafft habe, dann auch noch bei einem renommierten Unternehmen unterzukommen, sammle sicherlich Pluspunkte. Jens Rönnberg vom Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PWC) sieht das ähnlich. Für ihn sind neben Studiendauer, Kombination vor allem auch charakterformende Nebentätigkeiten wichtig. Und da hapere es bei privaten Absolventen zum Teil ganz gewaltig. Es sei schockierend, wie Anspruch und Wirklichkeit bei diesen Absolventen auseinanderdriften, sagt der Recruiting-Experte von PWC. "Nach sechs Monaten sind manche bereits völlig überfordert." Die staatlich geförderten Einzelkämpfer gehören im Fach BWL jedoch zu einer aussterbenden Art. Schwaiger von der LMU ist überzeugt, dass durch die zunehmende Verschulung der Lehre im Zuge der Umstellung auf Bachelor und Master auch der Wesenszug des Durchsetzungsvermögens leiden wird.4. Privat-Uni-Absolventen steigen nicht unter 50 000 Euro Gehalt einDie privaten Hochschulen machen Marketing mit den Erfolgsstatistiken ihrer Absolventen. An der HHL meldet man beispielsweise ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von etwa 50 600 Euro. Die WHU legt sogar noch einen drauf: 55 000 Euro gebe es im Schnitt für die Absolventen - "ohne Bonus", wie man in Vallendar betont. Für Leute, die gern mit Geld zu tun haben, klingt das nicht schlecht. Zumal, wenn sie die Ziffern mit den diversen Durchschnittsgehältern vergleichen, die sonst so für BWLer kursieren: Die IG Metall meldete zuletzt bei Uni-Mastern 40 972 Euro und bei Bachelor-Absolventen 39 500 Euro als Median. Allerdings nutzen die Privaten auch geschickt ihre Vorteile: Im Vergleich zu vielen öffentlichen Einrichtungen haben sie einfach mehr Daten über ihre Abgänger. Da sieht die Zahl 55 000 einfach gut aus - auch wenn klar ist, dass Position, Industrie und Arbeitsregion viel mehr Einfluss auf die Gehaltsstufe haben als die Frage, wie viel ein Student in sein Studium investiert hat.5. Privat-Unis bieten mehr PraxisSeit Jahren schon schlagen sich die staatlichen Unis mit dem Problem herum, Unterricht anzubieten, der fernab praktischen Nutzens liegt. Und die Privaten dürfen derzeit noch zu Recht damit prahlen, dass es nur bei ihnen Pflichtpraktika gibt. Und nicht nur das: Es sind die Privaten, die immer voll auf Case Studies als Schlüssel zum Erfolg gebaut haben. Auch in diesem Punkt hätten sie die Standards in Deutschland gesetzt, sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. "Sie arbeiten meist anwendungsorientierter." Doch der Vorsprung schmilzt. Die Staatlichen haben aufgeschlossen, erklärt Recruiting-Chef Bachmaier von der Deutschen Bank. Gute Beispiele für diese Entwicklung seien etwa Mannheim und Frankfurt, wo in den Seminaren inzwischen auch Fallstudien und Übungen obligatorisch sind. Die LMU in München hat zum Zweck der Praxisnähe seit einem Jahr ein Career Counseling Center und verfügt über ein Alumni-Netzwerk mit mehr als 1 000 Mitgliedern. Niemand müsse verheimlichen, dass die Privaten gezeigt haben, wie Modelle praxisnaher Lehre funktionieren, sagt Manfred Schwaiger. "Und wir sind uns nicht zu schade, deren erfolgreiche Modelle zu adaptieren."
 

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