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Akademiker werden im Studium nicht genügend auf das Berufsleben vorbereitet
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Vorteil FH-Studium

Netzwerken für die Zukunft

Teil 2: "Auch ganz große Karrieren können ganz klein beginnen"

Aber nicht jeder beginnt doch aus dieser konkreten Bedarfslogik ein Studium.

Stimmt, wenn man Ägyptologie studiert oder altrussische Kirchengeschichte, dann ist das sicher nicht der Fall. Und das muss ja auch nicht sein. Eine ältere Forderung des Wissenschaftsrates lautet zum Beispiel, dass zwei von drei Studierenden an Hochschulen für angewandte Wissenschaften studieren sollten. Dort wird dann für den Beruf studiert. Und einer von Dreien studiert, weil er vielleicht den Bildungsgedanken wichtig findet oder weil er Lehrer, Mediziner, Jurist oder Theologe werden möchte, an der Universität. Das ist der kleinere Teil, aber immer noch ein großer Teil der Bevölkerung.

Was muss passieren, damit diese neue Aufteilung funktioniert?

Es muss klar werden, dass diese Unterscheidung zwischen Berufs- und Wissenschaftsorientierung bei der Studienwahl völlig ohne Wertung ist. Es muss beide Richtungen geben, aber klar ist: Die Gesellschaft braucht deutlich mehr Studierende in den berufsorientierten Studiengängen.

Angenommen, es käme dazu – warum wären etwa die angehenden Betriebswirte bei Ihnen an den Fachhochschulen so viel besser aufgehoben?

Meine persönliche Assistentin kam als BWL-Absolventin von der Universität zu uns an die Hochschule Niederrhein und hat dort zunächst unsere BWL-Studierenden betreut, hat also den direkten Vergleich. Was ihr sofort aufgefallen ist: Professoren gehen mit ihren Studierenden in die Mensa. Die kennen einander und nennen sich beim Namen. Sie organisieren Exkursionen, diskutieren und kümmern sich sehr um ihre Leute. Dafür ist aber Zeit nötig, die man aber hier hat, weil man sich eben nur um 100 und nicht um 1000 Studierende kümmern muss.

Ein besseres Betreuungsverhältnis könnte man auch unter Wohlfühlfaktor verbuchen. Hat das auch Einfluss auf den Berufseinstieg?

All unsere Professoren waren längere Zeit in der Praxis. Die haben ihre alten Kollegen von früher noch in ihrem Adressbuch und damit ein vernünftiges Netzwerk.

Und davon profitieren die Studenten?

Ja, natürlich. Das BWL-Studium besteht ja zum großen Teil aus Wissen, das man einmal erlernen muss, dann hat man es drauf. Zum Beispiel, was Kostenrechnung ist. Aber um in einen Beruf zu kommen, muss man auch die Praxis erlebt haben, in Praktika oder wenn man in Unternehmen Seminar- oder Abschlussarbeiten schreibt. Man muss Firmen kennen, um sich während des Studiums schon an das spätere Aufgabenfeld zu gewöhnen. Ich denke, es ist daher nur klug, dass man im Studium auch schon einen Betrieb kennen lernt. Aber ich finde, wir als Hochschulen sollen nicht nur Wissen erzeugen, sondern auch Wissen verteilen.

Was meinen Sie damit?

Jede Hochschule für angewandte Wissenschaft hat ein starkes Netzwerk zu den mittelständischen Unternehmen am Standort. Wir leben davon. Wir brauchen diese Mittelständler, um unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass das Wissen aus der Hochschule in die regionale Wirtschaft kommt.

Es klingt so, als verstünden Sie sich als eine Art Dienstleister.


Ja, und ich finde das nicht schlimm. Wir haben eine Bringschuld gegenüber der regionalen Wirtschaft. Unsere Studierenden sollten so ausgebildet werden, dass sie berufsfähig sind. Wir leisten insofern schon einen Zubringerdienst für die Wirtschaft. Wir haben natürlich die akademische Freiheit, die uns das Grundgesetz garantiert. Aber anders als bei Universitäten ist diese Freiheit durchaus in einer praktischen Perspektive zu sehen und das können Sie auch Dienstleister nennen.

Und wie genau läuft der Transfer zwischen Hochschule und Wirtschaft ab?

Zum Beispiel über Studierende, die Abschlussarbeiten in Unternehmen schreiben. Was sie dort lernen, vertiefen sie dann mit dem Professor an der Hochschule. Dadurch entsteht ein Kanal für den Wissensaustausch. Außerdem sind gemeinsame Forschungsprojekte wichtig, bei denen wir mit der Industrie angewandte Forschungsprojekte umsetzen. Diese sind vor allem lösungsorientiert. Das heißt, sie werden nie zum Nobelpreis führen, aber zu neuen, innovativen Produkten. Und drittens sind auch Gründer die Transferträger. Die großen Technischen Universitäten sind durchaus ähnlich unterwegs, aber die denken immer überregional und möchten international gesehen werden.

Heißt das im Umkehrschluss, als FH-Student kann ich die große Karriere beim internationalen Großkonzern vergessen?

Das denke ich nicht, aber ich glaube, auch ganz große Karrieren können ganz klein beginnen. Das große Problem der jungen Leute ist ja nicht, in ein Studium reinzukommen oder einen Abschluss zu machen, sondern nach dem Studium in den Beruf zu kommen. Durch unsere Kontakte in die Wirtschaft erleichtern wir das. Ob das für die gesamte Lebenszeit hält oder ob man nach ein paar Jahren weiterzieht, ist jedem selbst überlassen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2017
 

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