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Fair Company

Nach der Uni noch ein Praktikum?

Carola Sonnet
Nach der Uni ein Praktikum? Die Bachelor- und Master-Absolventen sind verunsichert: Nach dem Studium haben sie kaum Praxiserfahrung, sollen aber nun in die Arbeitswelt. Firmen bieten zu wenige feste Stellen, und die Fair Companies bevorzugen für Praktika Studenten.
Doreen Herz kann die Theorie aus dem Studium anwendenFoto: © Alexandra Lechner
Wenn Friederike Harms über ihr bevorstehendes Praktikum spricht, klingt es, als ob sie beim Geheimdienst anfängt. Name der Firma? Abteilung? Gehalt? Das behält sie lieber für sich. Auch ihren echten Namen möchte die 22-Jährige nicht nennen, aus Angst. "Es war schwierig genug, diese Stelle zu bekommen. Ich will den Platz jetzt nicht verlieren." Immerhin: Ein Industrieunternehmen sei es, sagt sie. Besonders verschwiegen müsste sie also nicht sein. Eigentlich.Derzeit aber ist Krise, und das Praktikum ist für Friederike Harms extrem wichtig geworden. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelor-Studiums und will vor dem Beginn ihres Masters Berufserfahrung sammeln. Dafür hatte sie bislang keine Zeit, das Studium ist straff organisiert. Die Fair Company-Regeln verhinderten jetzt, dass sie - für ein paar Monate - in ihrem Wunsch-Unternehmen einsteigen konnte. Weil Praktika demnach nicht für Absolventen gedacht sind, sondern für Studenten, erhielt Harms eine Absage.

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Letzte Rettung Praktikum?Eine komplizierte Situation. Die Unternehmen entlassen Mitarbeiter oder führen Kurzarbeit ein, und die Studenten fangen schon vor der Abschlussarbeit an, Bewerbungen zu schreiben. Hunderte sind es manchmal, und groß ist die Chance auf eine Festanstellung trotzdem nicht. Ein Praktikum scheint besser als nichts und die einzige Möglichkeit zu sein, überhaupt Zugang zu einem Unternehmen zu bekommen. Aber momentan ist nicht mal das sicher. Die Studenten und Absolventen sind verunsichert und sprechen ungern über ihre Suche.Als Handelsblatt Junge Karriere die Fair Company-Initiative vor fünf Jahren gründete, war die Situation anders und die Notwendigkeit für Regeln offensichtlich: Praktikanten wurden in den schlimmsten Fällen ausgebeutet, schlecht oder gar nicht bezahlt und machten die Arbeit ihrer Kollegen mit. Feste Stellen wurden nicht neu besetzt, sondern durch ein monatelanges Praktikanten-Karussell ersetzt - auch wenn sie schon einen Hochschulabschluss hatten. Eine der Regeln lautet deshalb: Fair Companies bieten Praktika vornehmlich zur beruflichen Orientierung während der Ausbildungsphase an, also auch während des Bachelor-Studiums. Und: Ein Hochschulabschluss darf keine Voraussetzung für ein Praktikum sein.Praktikumsabsagen häufen sichSo sehr sich diese Regelung bewährt hat: In der Krise führt sie dazu, dass zahlreiche Fair Companies beschlossen haben, jede Anfrage nach einem Praktikum mit einer Absage zu beantworten, wenn der Bewerber sein Studium bereits beendet hat. "Uns war wichtig, die Fair Company-Regeln im Markt zu etablieren, also haben wir Interessenten mit Hochschulabschluss auch davon abgeraten, sich für ein Praktikum zu bewerben", sagt Sandy Janus von der Unternehmensberatung Cirquent. Der Firma geht es auch um ihre Glaubwürdigkeit.Die Kehrseite: Viele Bewerber, die ein Praktikum in der momentanen Lage als einzige Möglichkeit nach ihrem Abschluss sehen, beschweren sich über die Initiative. Die Unternehmen möchten jedoch vermeiden, dass Bewerber, die noch studieren, sich mit Hochschulabsolventen auf die selben Stellen bewerben müssen.
 

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