Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
MBA
Eliteforscher: "Absolventen der privaten Business-Schools wird häufig eingeredet, sie seien die Größten und Besten."Foto: denisismagilov / fotolia.com
MBA

"Häufig überzogene Vorstellungen"

Alex Gloger
Elitenforscher Michael Hartmann erklärt, warum kaum MBAler deutsche Konzerne führen.
Michael Hartmann ist emeritierter Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Seit Jahrzehnten erforscht er, wie sich Eliten herausbilden und wie sie sich zusammensetzen.

Herr Hartmann, warum gibt es in Deutschland so wenige Konzernchefs mit MBA-Abschluss?

Wer Wirtschaftswissenschaften studieren will, geht an die Universität und schreibt sich für BWL ein. Business-Schools, die einen ähnlichen Stoff im Format eines MBA anbieten, sind im Bewusstsein der Leute nur wenig verankert. Kaum jemand hat das auf dem Radar. Überdies sind keine MBAs in der Rolle des Konzernchefs sichtbar, es gibt zu wenige, die das vorgelebt haben.

Aber heute werden doch viel mehr Spitzenjobs in den Konzernen mit Managern besetzt, die ein Wirtschaftsstudium absolviert haben.

Ja, wir haben das in unserer Studie nachgewiesen. Von den Vorstandschefs der 100 größten Unternehmen haben heute 46 Prozent ein BWL-Studium absolviert. Im Jahr 1970 waren es erst 26 Prozent, der Anteil ist kontinuierlich gestiegen.
 
Was ist passiert?


BWL gewinnt, Jura verliert. Das ist der langfristige Trend. Nehmen wir das Bankgeschäft als Beispiel. Früher waren Führungspositionen, die eine akademische Ausbildung voraussetzten, fast vollständig in der Hand von Juristen. Aber das ist lange vorbei, heute gibt es im Bankgeschäft kaum noch Juristen. Die BWLer haben übernommen.

Aber von dieser Verschiebung haben MBA-Absolventen offenbar nicht profitiert.
 
Nein, die Industrie kann mit den Absolventen der Business-Schools nur wenig anfangen. Sie werden für eine Karriere in der Beratung oder im Investmentbanking ausgebildet. Das passt für einen bodenständigen, deutschen Konzern nicht. Bei den Absolventen der privaten Business-Schools sind häufig überzogene Vorstellungen anzutreffen, weil denen eingeredet wurde, sie seien die Größten und Besten. Solche Leute stören die Teams, sie passen nicht in die existierende Führungskultur. Einschätzungen wie diese habe ich oft aus Unternehmen zu hören bekommen.

In den USA sind die Business-School-Absolventen in den Vorstandsetagen viel präsenter. Was ist dort anders?

Der MBA ist in den USA traditionell verankert. Ein MBA-Abschluss etwa von Harvard ist in den Vereinigten Staaten ein fester Bestandteil der nationalen Elitekultur, ebenso übrigens wie die ENA in Frankreich. Aber solche Ausbildungsstätten, die einen dominierenden Anteil bei der Besetzung von Toppositionen haben, die gibt es bei uns nicht.

Wie suchen denn hier Aufsichtsräte ihre Kandidaten für den Posten des Konzernchefs aus?
 
In den Aufsichtsräten sitzt überwiegend die Generation der Sechzig- bis Siebzigjährigen. Die gehen bei der Auswahl nach dem Prinzip der Ähnlichkeit vor. Sie suchen Leute, die so sind wie sie – allerdings haben sie durchaus im Blick, was sich in der nachfolgenden Managergeneration verändert.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2016

Die besten Business Schools