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Macht die Gemeinschaft stark?

KOG
Deutsche Studentenverbindungen haben 160 000 Mitglieder. Die Zahl wächst. Anonymität der Unis und Karrieredenken begünstigen die Entwicklung.
Gemeinschaft macht starkFoto: © Franz Pfluegl
Sie heißen Alemannia, Thuringia oder Brandenburgia. Der Bierkonsum ihrer Mitglieder gilt als gewaltig, und ihr Ansehen ist eher bescheiden. Die 68er-Bewegung versah Burschenschaften mit dem Stempel erzkonservativer Männerbünde. Die Zahl der Beitritte sank daraufhin dramatisch, und auch in den 80er- und 90er-Jahren blieben die Burschen unter sich. Doch es gibt eine Trendwende: Studentenverbindungen sind wieder in.Die Mitgliederzahlen steigen


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Die Plakate und Aushänge an den Unis mit der Aussicht auf Gemeinschaft und günstige Unterkünfte kommen wieder an: Mehr als 500 Zugänge pro Jahr verzeichnet allein der Cartellverband (CV) der katholischen deutschen Studentenverbindungen. Vor einigen Jahren waren es nicht einmal 300 "Füchse", wie die Neueinsteiger genannt werden. "Der Trend hat sich gedreht", sagt CV-Geschäftsführer Richard Weiskorn.Einige der Studentenverbindungen, die vor wenigen Jahren stillgelegt wurden, weil sie keine drei Mitglieder mehr hatten, werden jetzt reaktiviert. Mittlerweile kommen die tausend deutschen Verbindungen wieder auf etwa 160 000 Mitglieder. Genauere Angaben über Neuzugänge gibt es nicht. An die "guten alten Zeiten" der 50er- und 60er- Jahre werde man wohl auch nicht mehr anknüpfen, sagt Stefan Schröder, Präsident des Europäischen Kartellverbands christlicher Studentenverbindungen. Jetzt erreiche man "vielleicht ein Drittel der Zugänge von damals". Dennoch - der Zuwachs ist spürbar.Gemeinschaft macht starkDen Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge verwundert die Renaissance der Studentenverbindungen nicht. Er sagt: "In der Anonymität der marktmäßig orientierten Universitäten suchen Studenten nach Kameradschaft als Reaktion auf den frustrierenden Hochschulalltag." Der Experte sieht diese Entwicklung mit Sorge: Studenten müssten in der heutigen Zeit nur noch funktionieren, seien auf idealen Aufstieg und schnelle Karriere fokussiert und hätten wegen der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master kaum mehr Freizeit. "Da ist es eine naheliegende Reaktion, sehr konformistisch zu sein." Verbindungen zu knüpfen, um Karriere zu machen und auf dem Bewerbermarkt mithalten zu können, ist nach seiner Ansicht ein entscheidender Grund für den Eintritt in die organisierten Gemeinschaften.Die Beliebtheit der Burschen spiegelt auch die Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten wider. Der Zulauf ist laut Butterwegge eine Solidarisierung als "konformistische Rebellion" und bewirke nichts. "Man reproduziert uralte Strukturen." Das fördere undemokratisches autoritäres Verhalten. "Es ist auch ein Spiegel der Gesellschaft mit entpolitisierter öffentlicher Meinung."
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2009
 

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