Der jüngste Schulvergleich hat erneut gezeigt, dass die soziale Herkunft den Erfolg mitbestimmt. Schüler aus einkommensschwachen Familien oder Migrantenkinder schaffen nur selten den Aufstieg. Die Kultusminister beraten nun, wie die soziale Kluft im deutschen Schulsystem überwunden werden kann
Die Kultusminister wollen als Konsequenz aus dem jüngsten Schulvergleich die soziale Kluft im deutschen Bildungssystem abbauen. Migrantenkinder und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern benötigten mehr individuelle Hilfen, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Bayerns Schulminister Ludwig Spaenle (CSU), bei der offiziellen Vorstellung der Studie am Mittwoch in Berlin.Die bereits am Vortag bekanntgewordene Studie belegt erneut die hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Schulerfolg in Deutschland. So hat ein Neunklässler aus der Oberschicht gegenüber einem Schüler aus einer Facharbeiterfamilie auch bei gleicher Lesekompetenz bundesweit eine 4,5 mal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen.Bildungsgefälle vor allem in den bevölkerungsreichen Bundesländern großBesonders ausgeprägt ist dieses soziale Bildungsgefälle in Baden-Württemberg und Bayern, aber auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. In anderen Bundesländern gelingt dagegen die soziale Förderung deutlich besser. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) bezeichnete es als „größte Herausforderung" für alle Länder, die Schulleistung zu sichern und gleichzeitig soziale Gerechtigkeit beim Schulbesuch herzustellen. Bei einem Leistungsvergleich müsse gerechterweise auch berücksichtigt werden, dass der Anteil der Migranten und auch die soziale Struktur in den Bundesländern sehr unterschiedlich sei.Der Schulforscher Olaf Köller, unter dessen Federführung der neue Bericht erstellt wurde, verwies darauf, dass einige Bundesländer - so auch Baden-Württemberg und Bayern - in den vergangenen Jahren dazu übergegangen seien, mit Hilfe berufsbezogener Schulen junge Menschen doch noch zum Abitur zu führen. Vieles spreche dafür, neben dem Gymnasium eine solche „zweite Säule" zu schaffen.Mädchen haben gegenüber Jungen bei allen getesteten Disziplinen die Nase vorn. In Deutsch wie in Englisch verfügen die Mädchen in der 9. Klasse über einen Wissensvorsprung gegenüber den Jungen, der dem Lernfortschritt von einem halben Schuljahr entspricht. In der Orthografie beträgt dieser sogar ein ganzes Schuljahr. Niedersachsens Kultusministerin Johanna Wanka (CDU) regte an, über eine spezielle Förderung der Jungen nachzudenken.Der Leistungsvergleich der Bundesländer zeigt ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Bayern und Baden-Württemberg liegen deutlich vorn. Aber auch Sachsen und Rheinland-Pfalz konnten sich in verschiedenen Disziplinen in der Spitzengruppe platzieren. Schlusslicht ist - wie auch schon bei früheren Ländervergleichen - Bremen.Die Studie erlaubt nach Aussage der Wissenschaftler auch einen Vergleich der Schülergruppen auf den verschiedenen Niveaustufen. Danach haben die leistungsschwächsten Neuntklässler in Bayern gegenüber den leistungsschwächsten Bremer Schülern im Fach Deutsch einen Lernfortschritt von fast zwei Schuljahren.Nach Aussage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bleibt die „Bildungsrepublik Deutschland" eine „Fata Morgana". Auch die Länder, die beim Leistung-Ranking vorne lägen, hätten keinen Grund zum Jubeln. Die Lesekompetenz ihrer Schüler habe sich im Vergleich zu PISA 2000 sogar geringfügig verschlechtert, sagte GEW-Vize Marianne Demmer.Naturwissenschaften werden 2012 getestetEin Ost-West-Gefälle gibt es dagegen im Fach Englisch. Vor allem im Verstehen gesprochener Texte schneiden die Schüler in den neuen Bundesländern schlecht ab. Köller sagte, hier müsse die Fortbildung wie die Ausbildung der Sprachlehrer noch verbessert werden.Der Bundesländer-Leistungsvergleich wurde erstmals auf der Basis der neuen Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch und Englisch gemacht. 2012 sollen Mathematik und Naturwissenschaften getestet werden. Diese Länder-Untersuchungen lösen den bisherigen PISA-Bundesländervergleich (PISA E) ab. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, dass bei der Vergleichsstudie alle Schüler ausgeblendet worden seien, die keine Chance auf einen Mittleren Schulabschluss hätten - wie Hauptschüler und Sonderschüler. So bestehe die Gefahr, „dass die Länder sich ihren Schulbereich schönrechnen", sagte VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann.Zudem sei in diesen Ländern die Abhängigkeit des schulischen Erfolges von der sozialen Herkunft besonders stark ausgeprägt.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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