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Unis sollten Studierende auch auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.
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Unis im internationalen Vergleich

Kaum Spitzenleistung an deutschen Hochschulen

Jan Guldner, wiwo.de
Das Niveau deutscher Hochschulen ist hoch, aber Spitzenleistung ist kaum möglich: Es hapert nicht nur an den Finanzen, auch die Spezialisierung und Vorbereitung der Studierenden auf den Arbeitsmarkt krankt. Der Schweizer Professor Dieter Imboden, der die Exzellenzinitiative der Bundesregierung evaluiert hat, sieht große Probleme.
Herr Imboden, Sie haben die internationale Expertenkommission geleitet, die die Exzellenzinitiative der deutschen Bundesregierung evaluiert hat. Wie bewerten sie die deutsche Hochschullandschaft?

Eigentlich ist das deutsche System und sind die Forschenden und Lehrenden an deutschen Hochschulen fantastisch.

Aber?

Aber sie kämpfen im internationalen Vergleich mit sehr kurzen, stumpfen Spießen. Ich habe eine große Hochachtung für meine Kolleginnen und Kollegen in Deutschland. Aber zum Teil sind die Bedingungen, die politisch vorgegeben sind, sehr viel schlechter als etwa bei uns in der Schweiz. Deshalb müsste man den Hochschulen viel mehr den Rücken stärken.

Woran machen Sie diese Ungleichheit fest?

Wenn Sie die RWTH Aachen oder die TU München, die zu den besten deutschen Universitäten zählen, etwa mit der ETH Zürich vergleichen, dann merken sie schnell: Wir haben bei uns sehr viel mehr Geld. Das muss man bei jedem Vergleich berücksichtigen. Es kommen auch auf einen Professor viel weniger Studenten. Da ist es natürlich ganz klar, dass die Verhältnisse anders sind.


Zur Person: Prof. Dr. Dieter Imboden
Dieter Imboden ist emeritierter Professor der ETH Zürich. Er war von 1988 bis 2012 ordentlicher Professor für Umweltphysik im Departement Umweltwissenschaften und leitete dieses sowie die gleichnamige Abteilung von 1992 bis 1996 als Vorsteher. Von 2005 bis 2012 war er Forschungsratspräsident des Schweiz. Nationalfonds (SNF).


Sollten sich die deutschen Hochschulen ein Beispiel an den Schweizer Institutionen nehmen?

Beide Länder haben ein föderalistisches System, in dem die Verantwortung für die Universitäten nicht beim Bund, sondern beim Land beziehungsweise in der Schweiz beim Kanton liegt. Die Schweiz hat schon vor über 50 Jahren lernen müssen, dass die meisten Kantone für die alleinige Finanzierung einer modernen Universität zu schwach sind. Seither gewährt der Bund eine Sockelfinanzierung, deren Höhe von der Finanzkraft des betreffenden Kantons abhängt, ohne dass dadurch der Bund die Hochschulen übernommen hätte. In Deutschland haben sich die Länder gegen eine permanente Mitfinanzierung durch den Bund zu lange gewehrt. Erst kürzlich ist das sogenannte Kooperationsverbot im Grundgesetz aufgehoben worden.

Was wäre der Vorteil der Bundesfinanzierung einiger Hochschulen?

Wenn es ein paar gibt, die mehr Geld, mehr Ausstattung haben und deshalb weltweit an der Spitze mithalten können, nützt das dem ganzen System. Das müsste auch in Deutschland geschehen, aber das tut es nicht. Und weil man diesen Mut nicht hatte, nivelliert die Exzellenzinitiative eher das Niveau, als Spitzenleistung zu fördern.

Innerhalb von zehn Jahren hat der Bund immerhin 4,6 Milliarden Euro an die Exzellenzhochschulen ausgezahlt. Hat sich dadurch nichts geändert?

Seit die Initiative läuft, war das jährliche Wachstum der Forschungsgelder für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer- oder Max-Planck-Institute so groß, wie der einmalige Zuschuss für die Unis durch die Exzellenzinitiative. Mit anderen Worten heißt das, dass die Spieße noch ungleicher geworden sind.

Was können Hochschulen tun, um mit den begrenzten Mitteln klarzukommen?

Man kann aus der Not eine Tugend machen. Der frühere Wissenschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, ein Land, in das aus der Exzellenzförderung kaum je ein Euro geflossen ist, sagte mir einst, man müsse das akzeptieren und schauen, wo man seine Nische finde. Es müsse sich nicht jede Uni mit Heidelberg oder der LMU in München vergleichen. Aber man brauche, um es im Wirtschaftsjargon zu sagen, einen "unique selling Point", Um den zu finden, benötige man etwas Fantasie.

Also geht es nicht darum, zwingend mehr Geld zu bekommen, sondern mit dem, was man hat, das Bestmögliche zu tun?

Mehr Geld ist immer gut! Und ich würde sagen, die deutschen Universitäten haben zum Teil für das, was sie leisten, zu wenig Geld. Ich habe das mitverfolgt, bei ein paar meiner ehemaligen Doktoranden, die in Deutschland Professoren sind. Wenn ich sehe, wie sie ausgestattet sind und unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen, welcher Lehrbelastung sie ausgesetzt sind, kann ich verstehen, dass es für einige nicht mehr attraktiv ist, an der Uni zu bleiben.

Müsste das deutsche System nicht versuchen, solche Menschen zu halten?

Das würde ich auch sagen, aber das fällt bei diesen Rahmenbedingungen einfach schwer. Der Goodwill bei Menschen, die akademische Karriere machen wollen, ist so groß, dass viele im wahrsten Sinne Ausbeutung auf sich nehmen. Ein bisschen leiden, wenn man jung ist, schadet nicht, aber es muss sich schlussendlich lohnen. Es ist nicht schlimm, wenn ein Akademiker mit 30 weniger verdient, als ein Nichtakademiker. Aber wenn das mit 50 immer noch so ist oder der ältere Akademiker gar auf der Straße steht, dann läuft etwas schief.

Die Abkehr von der klassischen Hochschulkarriere bedeutet auch eine Hinwendung zum Einstieg in die Privatwirtschaft. Liegt in der Ausbildung für Unternehmen der eigentliche Auftrag der Hochschulen?

Mehr als die Hälfte einer Alterskohorte tritt heute den Weg von der Schule in den Beruf über eine Hochschule an. Nimmt man diesen Fakt ernst, dann hat diese Institution eine andere Funktion als zu einem Zeitpunkt, als noch gerade einmal fünf Prozent eines Jahrgangs diesen Weg gingen. Ich sage jetzt nicht, ob das schlecht oder gut ist – aber es kann nicht mehr die gleiche Uni sein. Als Hochschule sind sie verantwortlich für diese Leute.

Sollten sich Universitäten also als Zulieferer für Unternehmen verstehen? Muss man die Ausbildung an der Uni immer nach ihrer Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt messen?

Zulieferer tönt negativ, aber es ist richtig: Die meisten Absolventen werden später außerhalb der Hochschulen tätig sein, also können die Hochschulen den Arbeitsmarkt nicht ignorieren. Um das zu schaffen, müssen sich die Hochschulen stärker diversifizieren.

Was meinen Sie damit?

Es darf keine Schande sein, zu sagen: Unser Sektor ist nicht die Spitzenforschung, sondern wir bilden für die Praxis aus. Oder man spezialisiert sich auf die Weiterbildung oder eben auf ein paar wenige Gebiete, in denen man wirklich spitze sein will – aber ja nicht auf alle! Es muss soweit kommen, dass man es in Deutschland nicht mehr als tabu sieht, dass unter den knapp hundert Universitäten solche sind, die ein eher elitäres Forschungsprofil im alten Stil pflegen und solche, die eben mehr auf Massenausbildung setzen. Das mag schlecht klingen, aber bitte verstehen sie das Wort nicht falsch. Die Aus- und Weiterbildung von Akademikern für das Berufsleben steht dort im Vordergrund und ist nicht weniger wichtig als Forschung.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2018
 

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