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Keine Macht den Pillen!

Gehirndoping an der Uni

Dorothee Fricke
Vor Prüfungen konzentrierter und länger arbeiten, ohne müde zu werden - das versprechen leistungssteigernde Pillen. Doch das Gehirndoping ist gefährlich. Der künstliche Lernrausch ist nicht frei von Nebenwirkungen und bislang kaum erforscht.
Die Tablette für das ExamenFoto: © Sabine Kobel
Unspektakulär sehen sie aus, klein und rund und weiß. Die Farbe der Unschuld. Der Name Vigil klingt auch harmlos. Und unspektakulär war auch die Wirkung, als Felix Hasler zwei von ihnen schluckte. "Es passierte fast nichts", sagt er. Keine spürbare Stimulanz, keine Spur von einem Rausch. Zunächst.Nach einiger Zeit allerdings stellte er fest, dass er außergewöhnlich wach, konzentriert und motiviert war. Also setzte er sich hin und verfasste, angetrieben von dem Wirkstoff Modafinil, einige Artikel. Die Angst vor dem leeren Blatt war verflogen. Ohne Mühe reihte er einen Gedankengang an den nächsten, die Sätze flossen regelrecht aus ihm heraus. Sein Fazit: "Modafinil ist die perfekte Arbeitsdroge, es fühlte sich an wie einer dieser seltenen richtig guten Tage."

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Das erste war trotzdem das letzte Mal. Hasler nahm keine weitere Pille. Er ist Pharmakologe in Zürich. Durch das Experiment wollte der Wissenschaftler am eigenen Körper erfahren, ob und wie sich das Gehirn dopen lässt. Und das Psychostimulans Modafinil, das hauptsächlich zur Behandlung von Narkolepsie - umgangssprachlich: Schlafkrankheit - eingesetzt wird, soll bei gesunden Menschen angeblich dazu beitragen, die Aufmerksamkeit zu verbessern.Ritalin-Abgabe hat sich in den letzten zehn Jahren verzehnfachtEine Wunderdroge ist Vigil nicht. Mediziner raten vom Konsum ab. Der Tenor: Keine Macht den Pillen! "Wer das Zeug bei der heutigen Wissenslage schluckt, ist dumm", sagt Stephan Schleim, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Medizinische Psychologie der Uni-Klinik Bonn. Schlauer machten die Pillen ohnehin nicht, und den Intelligenzquotienten verbessern sie auch nicht. Und für Hasler, der den Selbstversuch wagte, ist klar: "Man kann nicht alle Grenzen aufheben und 24 Stunden durcharbeiten. Erst recht nicht über einen längeren Zeitraum."Vigil und andere angebliche Schlaumacher sind trotzdem auf dem Vormarsch. Empirische Studien, wie viele Studenten gedopt lernen, existieren zwar nicht. Anhaltspunkte für einen verstärkten Missbrauch von sogenannten Neuropushern gibt es trotzdem. Die Abgabe von Medikamenten mit dem Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat zum Beispiel hat sich in Deutschland laut Auskunft der Bundesopiumstelle in den letzten zehn Jahren fast verzehnfacht. Der Wirkstoff wird vor allem hyperaktiven Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verschrieben.Pillenkonsum startet oft im StudiumLaut dem im Februar veröffentlichten Gesundheitsreport der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (DAK) nehmen etwa 800000 Gesunde regelmäßig Medikamente, die für depressive, demente oder hyperaktive Menschen gedacht sind. Jeder Fünfte der Befragten zwischen 20 und 29 Jahren gab an, jemanden zu kennen, der Medikamente einnimmt, ohne dass hierfür eine medizinische Notwendigkeit besteht. Die DAK vermutet, dass der Gebrauch unter Akademikern besonders hoch ist und oft im Studium beginnt. Sie hoffen, den Lernmarathon in Klausurphasen besser überstehen oder länger und konzentrierter an Hausarbeiten schreiben zu können. Andere lassen sich Betablocker verordnen, um in Stresssituationen wie Prüfungen besser zu funktionieren.Ein weiteres Indiz ist der rege Austausch in Internetforen. Vor allem dort, wo sich Drogenkonsumenten oder Bodybuilder virtuell treffen, ist auch Gehirndoping ein Thema. "Über Modafinil hab ich auch schon nachgedacht", schreibt "Batemann", "ich bräuchte eigentlich mindestens 25 Stunden am Tag, um alles zu lernen, was notwendig ist, damit ich das Examen auch bestehe." Und "Bei Nacht" sagt: "Lernen kann man mit Ritalin auf jeden Fall besser. Ich konnte mich stundenlang mit einer Aufgabe oder einem Text befassen, was mir vorher nicht möglich war." Ganz ohne Nebenwirkungen blieb sein Lernrausch allerdings nicht, wie er zugibt. "Die Nachteile waren, dass ich ohne Rita gar nichts mehr konnte. Wenn ich mal auf dem Trockenen war und lernen musste, habe ich nicht gelernt, sondern nachgedacht, wie ich jetzt am besten an Ritalin komme."

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