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Meister
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Wandel im Bildungssystem

Erfahrung macht den Master

Ulrike Heitze
Ohne Abi studieren oder firmeninterne Weiterbildungen beim Studium anrechnen lassen – das deutsche Bildungssystem wird durchlässiger und bietet Berufstätigen neue Optionen.
Vom fehlenden Abitur lässt Silvia Hoferer sich beruflich nicht bremsen. Ihr Ziel: Managerin mit MBA-Titel. Seit zwei Jahren büffelt die Innendienstleiterin einer Versicherungsagentur im badischen Achern dafür nebenbei abends und am Wochenende an der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW) in Berlin. Wenn die 27-Jährige im März ihre mündliche Prüfung erfolgreich ablegt, darf sie ihre Visitenkarte mit dem akademischen Titel Master of Business Administration (MBA) schmücken.

Und das, obwohl sie auch kein grundständiges Bachelor-Studium vorweisen kann. Stattdessen verfügt Silvia Hoferer aber über mehrere Jahre Erfahrung als Teamleiterin und hat auch schon nebenberuflich eine dreijährige Weiterbildung zur Betriebswirtin an der Verwaltungsakademie (VWA) absolviert. Das zusammen genügte, um von der privaten Hochschule in Berlin eine vorläufige Zulassung fürs Master-Studium zu erhalten. Verbunden mit der Auflage, Zusatzmodule zu belegen.

"In den ersten Semestern habe ich rund 25 Stunden pro Woche mit Lernen verbracht. Ich musste inhaltlich aufholen und zum Beispiel das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten lernen." Später, als es nur noch um den regulären Stoff ging, hat Hoferer gut zwei Tage pro Woche in Online-Seminare am heimischen Rechner und in gelegentliche Präsenzveranstaltung in Berlin investiert. Inzwischen ist ihr Abschluss zum Greifen nah.

Bildung für alle

Das Muster Abitur, Bachelor, Master ist passé. Der Trend ohne Abi, dafür aber mit Berufserfahrung, an einer Hochschule einen akademischen Abschluss zu erlangen, nimmt zu. Während das Statistische Bundesamt für das Jahr 2007 knapp 4 000 Erstsemester ohne Abitur zählte, nahmen bei der bislang letzten Erhebung 2010 mit gut 9 000 bereits mehr als doppelt so viele Nichtabiturienten ein Studium auf. Damit tummelten sich 2010 insgesamt rund 26 000 dieser Studierenden an deutschen Unis.

Im Vergleich zur Gesamtzahl der Hochschüler sind die Studenten ohne Abi mit zwei Prozent zwar noch eine Randgruppe, aber eine schnell wachsende. Ganz so, wie es die Kultusminister der Bundesländer mit ihrem Beschluss 2009 beabsichtigt hatten, als sie empfahlen, den bis dato sehr unterschiedlich gehandhabten Hochschulzugang für Berufserfahrene ohne Abitur bundeseinheitlich zu regeln und zu vereinfachen.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung sollten so Bildungspotenziale quer über alle Altersgruppen besser gehoben werden. Vor allem Berufstätige profitieren davon. Sie können ihre Weiterbildung flexibler und effizienter als zuvor gestalten. Denn auch das Angebot an sogenannten weiterbildenden Master-Studiengänge, die als Basis kein themenverwandtes Bachelor-Studium, dafür Berufserfahrung erfordern – ist stetig angestiegen.
 

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