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Umgang mit Hochbegabten
Illustration: HSB-Cartoon/Fotolia.com
Hochbegabung

Eliteförderung kein Dogma im Bildungssystem

Teil 2: Stolz auf den Leistungsvorsprung

In den Süd-Bundesländern – eines CSU-regiert, das andere grün-schwarz – sei der Hochbegabtenbereich ausgebaut worden, sagt Schneider im dpa-Interview. Und zwar "auf etwa 20 Klassen, in einer Größenordnung, die auch Sinn macht. Da könnten andere Länder durchaus noch nachziehen."

Der Wissenschaftler betont aber auch: "Man muss es nicht übertreiben. Nicht jedes Gymnasium braucht eine Begabtenklasse." Besonders intelligente Schüler müssten nicht grundsätzlich unter sich bleiben – andere Förderwege könnten auch zum Ziel führen.

Vor drei Jahren, bei der ersten Präsentation von PULSS in Würzburg (Projekt für die Untersuchung des Lernens in der Sekundarstufe), klang das noch eindeutiger: "Spezielle Klassen für hochbegabte Schüler an Gymnasien haben ganz klare Vorteile. Überall dort, wo es genügend Bevölkerung gibt – also vor allem in Großstädten –, ist ihre Einrichtung empfehlenswert." Besonders laut jubelte 2013 Bayerns CSU-Kultusminister Ludwig Spaenle: In Hochbegabtenklassen geförderte Schüler zeigten "im Vergleich zu überdurchschnittlich begabten Schülern in Regelklassen einen deutlichen Leistungsvorsprung", kommentierte der Minister seinerzeit die PULSS-I-Ergebnisse.

Überforderung vermeiden

Das stimme auch weiterhin, sagt Psychologe Schneider heute, nach aktuellen Untersuchungen bis hinauf zur zehnten Gymnasialstufe. "Wir haben im Prinzip noch die gleichen Trends. Auch beim Klassenklima und der Anerkennung innerhalb der Klasse haben Begabtenklassen Vorteile gegenüber Regelklassen." Hohe Eltern- und Lehrer-Zufriedenheit mit dem Unterricht in Förderklassen falle ebenfalls positiv ins Gewicht, so Schneider. Und es gebe Hinweise, "dass es in den Begabtenklassen in besonderer Weise gelingt, das Mathematik-Interesse von Mädchen anzusprechen".

Der Bildungsforscher – auch Leiter einer begabungspsychologischen Beratungsstelle in Würzburg – rät Eltern, beim "Verdacht" auf ein hochintelligentes Kind nicht lange zu warten. "Eine Abklärung relativ frühzeitig ist sehr sinnvoll – auch um zu vermeiden, dass da falsche Erwartungen geweckt werden und ein Kind am Ende nur überfordert wird. Also am besten vor dem Beginn der Schulzeit, wenn sich schon im Kindergarten eine hohe Begabung abzeichnet."

Die für Schulbildung zuständigen Länder richten sich zunehmend auf solche "Kundschaft" ein. So hat Baden-Württemberg ein Landesgymnasium für Hochbegabte. In Berlin gibt es Profilklassen mit Förderschwerpunkten, sehr fähige Schüler dürfen früher aufs Gymnasium wechseln. Rheinland-Pfalz bietet Hochbegabtenschulen und Optionen, eine Klasse zu überspringen. Und Hamburg hat an allen weiterführenden Schulen einen Koordinator für das Thema. SPD-Senator Rabe sagt: "Wir haben die Fortbildung intensiviert und die Lehrerbildung auf Begabtenförderung stärker konzentriert."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2016
 

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