Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Das Vorurteil des faulen Studenten ist überholt
Foto: Angelina / Fotolia.com
Fulltime-Job

Die Mär von der Freiheit im Studium

Das Vorurteil des faulen Studenten ist überholt. Deutsche Jungakademiker investieren viel Zeit in ihre Ausbildung. Das und Nebenjobs überfordern so manchen. Den größten Stress beklagen Juristen und Mediziner.
Studenten liegen bis mittags im Bett? Die Realität sieht so aus: 72 Prozent der Studenten, die an deutschen Unis eingeschrieben sind, studieren pro Woche mindestens 20 Stunden. 35 Prozent büffeln zwischen 20 und 30 Stunden pro Woche, 27 Prozent sitzen zwischen 30 und 40 Stunden über den Büchern. Zehn Prozent lernen sogar noch mehr. Außerdem arbeitet die Mehrheit noch fünf bis zehn Stunden in einem Nebenjob, engagiert sich etwa viereinhalb Stunden pro Woche ehrenamtlich oder kümmert sich um Familienmitglieder. Das ist das Ergebnis einer Befragung unter 1400 Studenten durch Univativ, ein Personaldienstleister, der Jungakademiker in Jobs vermittelt.

Staatsexamen beansprucht mehr Zeit als Bachelor und Master

Der Umfrage "unicensus kompakt" zufolge ist der Zeitaufwand stark vom Studienfach abhängig. Demnach haben die Juristen die meiste Arbeit. 67 Prozent von ihnen verbringen mindestens 30 stunden pro Woche in Vorlesungen und über ihren Büchern. Bei den Medizinern sagen das 63 Prozent. Deutlich geringer ist dagegen der Anteil stark ausgelasteter Studenten unter Kunst-, Musik- und Sportstudenten (38 Prozent), Geistes- und Sozialwissenschaftlern (35 Prozent) oder Wirtschaftswissenschaftlern (34 Prozent). Damit schieben die angehenden Ökonomen die ruhigste Kugel.

Außerdem macht es einen Unterschied, welchen Abschluss ein Student anstrebt: 74 Prozent der Promovierenden und 60 Prozent der Staatsexamenskandidaten verbringen wöchentlich 30 Stunden oder mehr mit ihrem Studium. Unter Bachelor- und Masterstudenten sind es nur 36 und 34 Prozent.

Eine Mehrfachbelastung, die überfordert

30 Stunden Uni, zehn Stunden Job, vier Stunden Ehrenamt und dann noch die familiären Verpflichtungen: Für jeden fünften Studenten ist das zu viel. "Viele Studenten tanzen auf mehreren Hochzeiten: Sie bemühen sich um gute Noten, sammeln Praxiserfahrung und müssen sich zusätzlich noch um ihre Studienfinanzierung kümmern. Das kann schnell zu Überforderung führen", bestätigt Univativ-Geschäftsführer Olaf Kempin hinzu.18 Prozent der Befragten gaben an, überlastet zu sein. Auch hier gibt es große Unterschiede nach Fachbereich: Während nur fünf Prozent der Studierenden in den Fächern Kunst, Musik und Sport überfordert sind, klagt mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Mediziner über ein zu hohes Pensum, gefolgt von 40 Prozent der Juristen und 25 Prozent der Naturwissenschaftler und Mathematiker.

Überfordert fühlen sich auch vor allem Studenten, die auf ein Staatsexamen hinarbeiten (43 Prozent) oder promovieren (32 Prozent). Nicht ausgelastet hingegen sind fast jeder fünfte (19 Prozent) Kunst-, Musik- und Sportstudent sowie jeder zehnte IT-ler und Wirtschaftswissenschaftler.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2017
 

Fair Company | Initiative