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Psychologische Beratung

Der Leistungsdruck an Hochschulen steigt

Carola Sonnet
Mit den neuen Abschlüssen sind Arbeitsbelastung und Leistungsdruck gestiegen. Nicht für jeden Bachelorstudenten kann im Anschluss ein Masterstudiengang garantiert werden. Wer dem Druck nicht standhält, hat ein Problem. Die Beratungsstellen können nur manchen helfen.
Viele Bachelorstudenten leiden unter dem hohen DruckFoto: © FotoLyriX - Fotolia.com
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit - Studenten mit diesen Symptomen steigen in Bonn eine schmale, knarzende Holztreppe hinauf. Sie brauchen dafür viel Mut. Die Psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks der Uni Bonn liegt versteckt hinter dem Juridicum. Sie ist klein, aber eine Institution.Der Leiter Reinhard Kukahn auch. Er ist 69 Jahre alt, groß und dünn, trägt einen braunen Pullover und eine große Brille, die weißen Haare reichen ihm bis über beide Ohren. Er kennt alle Ängste, und er weiß, woher sie kommen. Es ist der Druck, unter dem die Studenten stehen: "Die können sich keine Auszeiten mehr leisten, entweder sie schaffen es - oder sie scheitern. Das System ist knallhart."

Die besten Jobs von allen

Wer ins Straucheln gerät, sollte Hilfe in Anspruch nehmenZu ihm kommen nicht die, die ihr Studium schaffen und flink fertig machen - sondern die, die ihr Studium schafft und fertig macht. An zwei Tagen der Woche werden Termine für Gespräche angeboten, etwa 200 Studenten kommen im Jahr: "Würde das Angebot ausgebaut, kämen sicher mehr", sagt Kukahn.Seit der Einführung von Bachelor und Master ist die Zahl der Studierenden, die sich an die Beratungsstellen der Hochschulen wenden, gestiegen. Im Jahr 2004 kamen 16 000, drei Jahre später waren es schon über 21 000 Hilfesuchende. "2008 ist die Beratungsnachfrage noch mal stark gestiegen", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW). Die Berater an den 43 Einrichtungen des DSW seien sehr gefragt. "Die Beratungsangebote müssen auf jeden Fall mehr werden." Denn die Anzahl derer, die sich mit ihren Probleme allein gelassen fühlen, nehme zu.Kukahn hat in seinem tiefen Sessel Platz genommen, die Beine übereinandergeschlagen. Auf dem Schreibtisch steht kein Computer, dafür in der Ecke eine große abgedeckte Schreibmaschine. Aus den Fenstern sieht man Bäume, hier ist Ruhe zum Reden. Eine kleine Insel im Uni-Trubel. "Die Studenten, die kommen, sprechen heute viel öfter davon, wie sie sich durch ihr Studium quälen", erzählt Kukahn. Er kann das beurteilen, denn er leitet die Beratung seit 20 Jahren.Angstzustände gehören für manche Studenten zum AlltagEs fange meist eher harmlos an: Bauchschmerzen vor Prüfungen, Antriebslosigkeit, keine Lust vor die Tür zu gehen. Unternehmen sie nichts, wird es schlimmer. "Sie haben Schlafstörungen, wachen nachts schweißgebadet auf." Viele Hochschulen haben die Chancen von Bologna nicht genutzt, sondern nur ihre Diplom- und Magisterinhalte in neue Bachelor-Verpackungen gesteckt - zumindest kommt das vielen Studenten so vor. Der kleine Unterschied ist die verkürzte Regelstudienzeit. Mehr lernen in kürzerer Zeit, mit größerem Druck, weniger Auswahl und höhere Hürden. Denn den Master machen können nur die Besten. Hinzu kommt, dass die Studenten jünger sind - und mehr.Universitäten, Privat-Unis und Fachhochschulen gehen mit den Problemen der neuen Studienordnung unterschiedlich um: An den Fachhochschulen finden sich nur vereinzelt explizit psychologische Gesprächsangebote, an den Privat-Unis werden sie nur wenig in Anspruch genommen. Viele der großen Unis hingegen haben seit Jahren psychosoziale Beratungen mit erfahrenem Personal. Denn je größer die Masse der Studierenden, desto schneller geht der Einzelne unter: Die Beratungsstelle des Studentenwerks der Uni Köln gibt es seit 40 Jahren. Elf Mitarbeiter und 3 000 Beratungsgespräche im Jahr haben die Kölner. Für einen Termin kann es bis zu vier Wochen dauern. Gaby Jungnickel leitet die Beratungsstelle. Sie sitzt vor einer großen Zimmerpalme und einem großen Schreibtisch.
 

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