Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Universitäten

Der Einfluss der Kirche

Carola Sonnet
Den Kirchen laufen die Mitglieder davon, deshalb werben sie an Universitäten um Nachwuchs und Mitarbeiter. Nebenbei versuchen sie, die Lehre zu beeinflussen. In Bayern hat sogar der Papst ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Lehrstühlen.
Die Kirche sucht neue Wege an die UnisFoto: © Christa Eder - Fotolia.com
Ein großes Kreuz schimmert über dem kleinen Altar, die Kapelle ist abgedunkelt, eine junge Frau sitzt auf der Bank und liest in der Bibel. Über ihr hängt ein Gemälde, angestrahlt von einer Leuchte unter dem Bilderrahmen - Josmaría Escrivá. Er hat Opus Dei gegründet, die Laienorganisation der katholischen Kirche, die seit den Bestsellerromanen von Dan Brown um ihren Ruf zu kämpfen hat. Und die den Campus Müngersdorf, ein Studentenwohnheim im Kölner Westen, betreibt, in dem diese Kapelle für die Studenten steht. Die Bewohner sind nicht alle katholische Gläubige, einige sind auch gar nicht in der Kirche. "Aber die Kapelle bietet einen Rückzugsraum, den jeder nutzt", erklärt die Wohnheimleiterin Hilde Müller.Hier zeigt sich, warum die Kirchen an so vielen Hochschulen aktiv sind: Sie wollen die Studenten wieder für sich gewinnen. Mit Studentenwohnheimen, Podiumsdiskussionen, Uni-Gottesdiensten und vor allem mit Seelsorge für die gestressten Bachelor-Studenten. Denn die Mitgliederzahlen sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche sinken seit Jahren: Die Austritte im Jahr 2008 stiegen auf 160000, wie die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) kürzlich bekanntgab, 30000 mehr als im Jahr zuvor. Den Katholiken ging es ähnlich, über 120000 kehrten der Kirche im vergangenen Jahr den Rücken. Die Finanzkrise könnte die Situation noch verschlimmern, denn viele nennen die Kirchensteuer als Grund für den Austritt und die Verantwortlichen kalkulieren schon mit einem Steuerausfall.

Die besten Jobs von allen

Studenten können sich religiösen Inhalten öffnenDas Studium sehen die Kirchenvertreter als eine günstige Zeit, um Einfluss auf die jungen Menschen zu nehmen. "Das Thema Religion ist wieder präsent", meint Dekan Jan Christian Gertz, Professor für Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Er begründet das mit dem öffentlichen Diskurs um Religion, der sich entwickelt habe, seit das Verhältnis zum Islam als Konfliktthema ausgiebig diskutiert würde. Des Weiteren zeichne sich ein steigender Personalbedarf der Kirchen als Arbeitgeber ab. Nach Angaben der Katholischen Bischofskonferenz haben fünf Prozent aller Studenten ein hohes Interesse, kirchliche Angebote zu nutzen. Rund ein Fünftel registriert die Angebote zwar, nimmt sie aber nur sporadisch in Anspruch. Und genau da setzen die Organisationen der Kirchen an.Von der "missionarischen Chance" spricht Lukas Rölli, Geschäftsführer des Forums Hochschule und Kirche, einer katholischen Fachorganisation für Studenten: "Wir haben die Möglichkeit, die jungen Menschen in dieser besonderen Lebensphase für uns zu gewinnen." Denn es sei die Phase, in der Standpunkte gesucht würden, in der Berührungspunkte mit der Religion geschaffen, in der "Pflöcke gesetzt und Anker gelegt" werden könnten. Grundvoraussetzung dafür sei, das Selbstverständnis der Studierenden, auf das die Kirchen sich einstellen müssen. "Studenten gucken heute mehr als früher, was zu ihren eigenen Bedürfnissen passt." Sie seien weniger bereit, sich für das ganze Studium einer Sache zu verpflichten. Gerade deshalb müssten Angebote geschaffen werden, die der neuen Anspruchshaltung entsprächen.Die Zahlen der Hauptfachstudenten sinkenDie katholische Organisation sieht hier auch die Chance, junge Menschen wieder für theologische Berufe zu interessieren. Denn dort wird der Nachwuchs ebenso händeringend gesucht: Zwar stieg die Zahl der Studierenden mit Katholischer Theologie als Haupt- oder Nebenfach seit dem Wintersemester 2001/02 um knapp 20 Prozent auf 22269 zu Beginn 2008. Die Deutsche Bischofskonferenz differenziert ihre Angaben jedoch, und es fällt auf, dass Theologie als Nebenfach seit der Einführung des Bachelors wieder mehr Interessenten hat. Auf ein vollständiges Religionsstudium hingegen lassen sich immer weniger Studenten ein."Ich stelle gesteigertes Interesse an religiösen Fragen fest", sagt Hilde Müller vom Campus Müngersdorf. Opus Dei hat sich zum Ziel gesetzt, den jungen Menschen in ihrem Alltag zu einer "lebendigen Gottesbeziehung zu verhelfen". Im Studentenwohnheim legen sie großen Wert auf disziplinierte Bewohner und ein konzentriertes Lernumfeld. Dafür ist die Reinigung der Zimmer auch in der Miete inbegriffen - so bleibt mehr Zeit zum Lernen.Und es dürfen ausschließlich Frauen in Müngersdorf wohnen. Für die Männer gibt es ein anderes Studentenwohnheim. Alles, damit unnötige Ablenkungen vermieden werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2009
 

Fair Company | Initiative