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Studium

Debattierclubs liegen im Trend

Maximiliane Koschyk
Debattierclubs an Hochschulen boomen. Die Studenten lernen, Reden zu halten und mit ihren Argumenten zu überzeugen - eine Kompetenz, die auch im Job gefragt ist.
Der Kölner Debattierclub "Tilbury House" streitet in englischer SpracheFoto: © Ilona Schmitz
Ein Dienstagabend an der Kölner Uni. Studenten sind nur noch wenige da, zu dieser Zeit finden kaum noch Lehrveranstaltungen statt. Trotzdem ist einiges los: Im Raum S 91 haben sich 20 Studenten versammelt und rufen aus voller Kehle: "I may have the body of a weak and feeble woman, but I have the heart and stomach of a king!" Dieser Schlachtruf - "Ich habe vielleicht den Körper einer kraftlosen Frau, aber ich habe das Herz eines Königs" - ist das Motto des englischsprachigen Debattierclubs Tilbury House. Der Ausspruch ist legendär. 1588 motivierte die englische Königin Elizabeth I. mit diesen Worten ihre Truppen in Tilbury, östlich von London, zum Sieg über die spanische Armada. Den Kölner "Tilburies" imponiert die Durchsetzungskraft der Queen. Auch sie wollen sich mit ihren Worten durchsetzen und treffen sich deshalb jeden Dienstag, um gemeinsam zu debattieren - über Politik, Wirtschaft oder bunte Themen.Lange Tradition

Die besten Jobs von allen

In Amerika und Großbritannien haben Wortgefechte eine jahrhundertelange Tradition. In Deutschland dagegen entwickeln sich die Debattierclubs erst seit den 90er-Jahren. Der erste entstand an der Uni Tübingen, mittlerweile gibt es rund 6.000 studentische Debattierer. Anreize für die Teilnahme gibt es genug. "Die Mitglieder erwerben Kompetenzen, die jeder Student braucht, wenn er einen Vortrag hält und 40 Kommilitonen und einen kritischen Dozenten überzeugen will", erklärt Felix Lamouroux, der Präsident von Tilbury House. Der 26-jährige VWL-Doktorand debattiert seit drei Jahren. Er und seine Mitstreiter organisieren Turniere, Sondertrainings mit Videokamera und laden ehemalige Weltmeister zu Workshops ein. "Jeder kann von der Ausbildung profitieren", sagt Lamouroux. Was sie hier lernten, könnten sie später auch im Job gebrauchen. Wer mitmachen möchte, muss zunächst die "Maiden Speech" überstehen, die Jungfernrede. Neulinge kostet sie oft Überwindung. Dirk Harlacher kann sich noch genau daran erinnern.Der 30-jährige Unternehmensberater der Boston Consulting Group ist ein ehemaliger Tilbury und nimmt regelmäßig an den Treffen teil. "Bei meiner ersten Rede war ich noch sehr nervös. Beim zweiten Mal ging es schon deutlich besser." Dass die Diskussion auf Englisch geführt wird, macht die Sache zunächst nicht einfacher. An den Englisch-Kenntnissen hapert es bei den Studenten oft. In Köln fing deshalb ein amerikanischer Management-Dozent 1998 an, erste Debatten in englischer Sprache anzubieten. Das wirkte. "Schon nach kurzer Zeit stellten sich erste Lernerfolge ein", sagt Harlacher, "die Methodik war schnell erlernt, anfängliche Hemmungen bald überwunden." Eine besondere Herausforderung sind die Wettkämpfe. Die deutschen Meisterschaften im Hochschuldebattieren etwa finden einmal im Jahr statt, das nächste Mal im Juni 2009. Rund 200 studentische Debattierer nahmen in diesem Jahr teil. Beliebt sind auch die internationalen Turniere an den Universitäten in Oxford oder Cambridge - schließlich gilt England als Geburtsort der Streitkunst. Die Diskussionen orientieren sich an der politischen Streitkultur. Deutsche Clubs debattieren in der offenen parlamentarischen Debatte, englische im "British Parliament Style".Üben fürs BerufslebenDie Wettkampfregeln unterscheiden sich kaum: Auf zugelosten Positionen werden nach kurzer Vorbereitung Reden in fester Reihenfolge gehalten. Ob eine Argumentation erfolgreich ist, entscheidet ein Juror. Er prüft, ob die Argumente des Redners stichhaltig sind, die Struktur logisch und die Rhetorik überzeugend ist. Zu den Sponsoren der Wettkämpfe zählen Henkel, das Bankhaus Sal. Oppenheim und die Boston Counsulting Group. Letztere ist auch der offizielle Sponsor des Kölner Debattierclubs und nutzt das Engagement, um Nachwuchs zu rekrutieren. "Die Mitglieder sind ungemein talentiert und treten äußerst professionell auf", sagt Geschäftsführerin Juliane Kronen. Einmal im Jahr debattieren Berater der Boston Consulting Group gemeinsam mit den Studenten. Und nicht selten entstehen bei solchen Zusammentreffen erste berufliche Kontakte, die dann zu Praktika führen. So lernte auch Dirk Harlacher die Unternehmensberatung während seines Studiums kennen. Nach seinem Diplomabschluss bekam er ein Einstiegsangebot. Die meisten Debattierclubs konnten mittlerweile Sponsoren für Veranstaltungen und Turniere gewinnen - auf feste Geldquellen müssen sie aber verzichten. "Dass es so viele Debattierclubs in Deutschland gibt, hat sich bislang noch gar nicht herumgesprochen", sagt Tim Richter, Präsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen.Das Interesse Seitens Unternehemen wächstEr hofft, dass mit dem wachsenden Zulauf der Studenten auch mehr Unternehmen auf die Debattierclubs aufmerksam werden. Interesse zeigen zurzeit etwa die Wirtschaftsprüfer Pricewaterhouse-Coopers - auch wenn sie sich von der Idee des offenen Rekrutierens distanzieren: "Wir möchten damit nicht zuletzt zum Ausdruck bringen, dass wir das Engagement der Studenten unterstützen", sagt Thomas Teetz, Leiter des Personalmarketings und Recruitings. Beruflicher Erfolg ist durch das Debattieren ohnehin nicht garantiert. Manchmal müssen die Streitlustigen sogar aufpassen, dass sie im Eifer des Wortgefechts nicht über ihr Ziel hinausschießen. "Wir hatten schon Praktikanten oder junge Einsteiger aus der Debattierszene, deren Redeeifer wir bremsen mussten", sagt Juliane Kronen. Während einer Debatte ist es zwar durchaus üblich, sich mal im Ton zu vergreifen und die Kontrahenten zu ärgern. Im Kundengespräch ist das aber fehl am Platz. Manche Ehemalige nutzen ihr Können auch, um sich selbstständig zu machen.Der Niederländer Lars Duursma hat vor drei Jahren das Debattier-Unternehmen Debatrix gegründet. Der 26-Jährige hat die Streitkunst an der Universität Rotterdam gelernt und wurde 2006 sogar Weltmeister. "Ich wollte aus meinem Erfolg im Wettkampf auch eine berufliche Karriere machen", sagt Duursma. Bei Debatrix bietet er jetzt Kurse im Debattieren an und veranstaltet Streitgespräche für Unternehmen. Dort lernen Mitarbeiter, sich mit Fragen der Unternehmensführung auseinander zu setzen und ihre eigenen Interessen zu vertreten. Duursmas Fachwissen war auch an anderer Stelle gefragt. Während des US-Wahlkampfs reiste er für das niederländische Fernsehen in die USA und analysierte die Reden von Barack Obama und John McCain. Sein Fazit: "Das Erfolgsrezept von Obama ist simpel, aber effektiv. Er erzeugt Nähe, indem er Gemeinsamkeiten findet und Extreme miteinander verbindet." Eine Strategie, die auch Studenten übernehmen sollten? Warum nicht. In Amerika gewann Obama immerhin eine Wahl damit.Fünf Regeln fürs stilvolle Debattieren1. Ins kalte Wasser springen: Keiner wird ausgelacht, jeder hat mal angefangen. Der Adrenalinkick zeichnet einen guten Redner aus.2. Bei nur 15 Minuten Vorbereitung vor jeder Debatte bleibt keine Zeit für ausgiebige Recherchen. Wer sich mit Zeitungen auf dem Laufenden hält, ist gut vorbereitet.3. Das Publikum soll die Argumente verstehen. Zu viele Gedankensprünge verwirren.4. Debattierer müssen oft eine Meinung vertreten, die nicht die eigene ist. Deshalb ist Offenheit gegenüber anderen wichtig.5. Wo liegen die Schwachstellen des Rivalen? Was könnte er an meinen Argumenten kritisieren? Wer sich das klar macht, kann seine Position überzeugender vertreten.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.01.2009

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