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Studieren

Burnout durch Bachelor und Master?

A. Himmelrath, B. Mersch
Leistungspunkte, Modulprüfungen, Nebenjobs: Der Druck auf Studenten wächst. Mancher verausgabt sich bis zur Erschöpfung - und braucht professionelle Hilfe. Sind die neuen Bachelor- und Mastermodelle schuld?
Der Leistungsdruck auf Studenten steigtFoto: © Alex Hinds - Fotolia.com
"Irgendwann konnte ich nur noch weinen", sagt Bettina. Morgens hatte sie keine Kraft mehr, in die Vorlesungen zu gehen. Texte lesen, Formeln durchdenken, Aufgaben rechnen - alles das war für die Mathematik- und Biologie-Studentin die reinste Qual. "Dabei hatte das Studium eigentlich gut begonnen: Im ersten Semester habe ich die Klausuren mit Bravour bestanden." Klar, einige Nachtschichten hatte sie dafür einlegen müssen, ihre Freunde in der Zeit nur selten getroffen.Die 21-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, studiert einen Zwei-Fach-Bachelor an einer norddeutschen Universität. Weil sie Gymnasiallehrerin werden möchte, muss sie sich ganz besonders anstrengen. Der Bachelor-Abschluss qualifiziert noch nicht für den Beruf, ein zusätzlicher "Master of Education" ist Pflicht. Die Zulassung aber ist an vielen Universitäten an strenge Kriterien geknüpft, auch an Bettinas Hochschule: Um überhaupt für den Master eingeschrieben zu werden, müssen Studenten beim Bachelor mindestens eine Note von 2,5 oder besser erreichen. "Die Sorge, diese hohen Anforderungen nicht zu schaffen, quält einen deshalb schon zu Beginn des Studiums", sagt sie.

Die besten Jobs von allen

Irgendwann war ihr Akku einfach leer. Mehr als 30 Wochenarbeitsstunden sollte sie laut Prüfungsordnung in Veranstaltungen und Studium investieren - mit ihrer Zeit aber kam sie längst nicht aus. Die erste Nachtschicht folgte, die zweite, die dritte. Ihre Freizeit, die Freunde und der Sport blieben auf der Strecke."Irgendwann war mir das alles zu viel"Im zweiten Semester begannen die Probleme richtig. "Nachts bekam ich kein Auge mehr zu, habe mich nur noch unruhig hin und her gewälzt", erinnert sie sich. Die hohen Anforderungen machten ihr zu schaffen. Doch statt nun kürzer zu treten, ärgerte sie sich über ihre vermeintliche Schwäche und zwang sich an den Schreibtisch. Konzentrieren konnte sie sich natürlich trotzdem nicht, und es kam, wie es kommen musste: Die Matheklausur am Ende des zweiten Semesters ging daneben, und noch zwei weitere Prüfungen standen an, "die dürfen auf keinen Fall verhauen werden". Ein Besuch bei den Eltern, als Ablenkung geplant, endete im Desaster: die sorgenvollen Blicke der Mutter. Ihre Versuche, sie aufzubauen - "irgendwann war mir das alles zu viel", erzählt die Studentin. Bettina schrie, tobte, brach zusammen. Ihr Hausarzt verschrieb ihr ein Beruhigungsmittel.Ein Einzelfall? Kaum, vermuten Experten. Die hohen Leistungsanforderungen in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen machen vielen Studenten zu schaffen. Anders als die früheren Magister- und Diplom-Kandidaten stehen die heutigen Studenten vor einer besonderen Situation: Ihr Studium ist straff organisiert, in sechs Semestern sollten sie ein Pensum von 180 Kreditpunkten bewältigen, also 30 Kreditpunkte pro Semester. Wenn man bedenkt, dass jeder Punkt einen durchschnittlichen Arbeitsaufwand von etwa 30 Stunden erfordert, kommen Studenten auf eine Gesamtbelastung von 5400 Stunden für das ganze Studium: 900 Stunden pro Semester, rund 35 Arbeitsstunden pro Woche - und das ohne Hobbys, eventuelle Jobs oder andere Zeitfresser.Zwar steht nirgendwo geschrieben, dass die Studenten das Pensum tatsächlich in den vorgeschriebenen sechs Semestern schaffen müssen. Doch die Stundenpläne sind so gestrickt, dass es kaum anders geht. Viele Module erstrecken sich über zwei Semester. Fällt man in einem Teilbereich durch, ist schnell ein ganzes Jahr verloren, und das kostet nicht nur Zeit und Nerven, sondern in vielen Bundesländern auch Studiengebühren. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter in den Psychosozialen Beratungsstellen an den Hochschulen einen zunehmenden Hilfebedarf feststellen. Immer mehr Studierende würden unter Depressionen, Angstattacken, Versagensängsten, Schlafstörungen oder Magenkrämpfen leiden, heißt es beim Deutschen Studentenwerk - eigentlich typische Symptome von Managern mit Burnout-Syndrom.Wilfried Schumann, der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Uni und Studentenwerk in Oldenburg, bestätigt ein zunehmendes Beratungsbedürfnis, ausgelöst durch Leistungsstörungen, Prüfungsängste, Stress und Probleme mit dem Zeitmanagement. Zudem werde die Beratung immer öfter schon zu Studienbeginn nachgefragt, während in der Vergangenheit Studierende eher in der Endphase des Studiums Hilfe suchten. "Viele junge Menschen nehmen die Hochschule nicht mehr als Lebenswelt mit vielfältigen Möglichkeiten des kulturellen und politischen Engagements wahr", sagt Wilfried Schumann, "ihr oberstes Ziel ist es, alles schnell, regelgerecht und mit guten Noten zu durchlaufen"."Fast ein Viertel aller Studierenden ist so belastet, dass das Studium beeinträchtigt ist", bestätigt Rainer Holm-Hadulla, leitender Arzt beim Psychotherapeutischen Beratungsservice des Studentenwerks Heidelberg und an der dortigen Uni Professor für Psychotherapeutische Medizin. Rund 600 Studierende kommen pro Jahr in die Beratungsstelle, "und viele von ihnen klagen über extrem verdichtete Arbeitsabläufe". Dass immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigt werden müsse, sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, das alle betreffe.Versagensängste, Depression, ResignationHolm-Hadullas Zahlen werden von einer aktuellen Studie der Universität Konstanz bestätigt. 24 Prozent der Nachwuchsakademiker fühlen sich demnach durch hohe Leistungsanforderungen "stark belastet", ermittelten die Forscher durch Interviews mit mehr als 8300 Studierenden. Hinzu kommen finanzielle Sorgen, von denen fast ein Drittel der Universitätsstudenten und sogar 37 Prozent der FH-Kommilitonen berichteten. Prüfungs- und Versagensängste, depressive Verstimmungen, mangelndes Selbstwertgefühl - die Bandbreite der zu Protokoll gegebenen Probleme ist bedrückend."Es wird von dir verlangt, Alleskönner zu sein", klagt Alex, BWL-Student an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: "Studieren ist heute viel anspruchsvoller als vor 20 Jahren." Und seine Kommilitonin Simone kritisiert den Leistungsdruck im Studienalltag als Auswahlkriterium für gesellschaftliche Eliten. "Wenn wir die Belastung erhöhen, filtern wir bestimmte Persönlichkeiten heraus", sagt die 20-Jährige: "Und dann wundern wir uns über Manager, die eiskalt Tausende Leute entlassen und als Belohnung für die Kostensenkung 30 Prozent Gehaltserhöhung abgreifen."
 

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