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In Spanien studieren
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Auslandsstudium: Spanien

Beliebt trotz Korruption

Stefanie Claudia Müller, wiwo.de
Spanien steht ganz oben auf der Wunschliste deutscher Erasmus-Studierenden. An der Qualität der Lehre scheint das aber nicht zu liegen. Hier entscheidet offenbar das Lebensgefühl. Denn die Hochschullandschaft ist skandalgeschüttelt.
Für den Hamburger Jonas Zetzsche waren die Erasmus-Monate in Spanien wie Urlaub: "Das Niveau der Kurse war wesentlich niedriger." Der 22-Jährige, normalerweise eingeschrieben an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, studierte 2017 ein halbes Jahr an der Madrider Universidad Autonoma, einer der 15 großen Hochschulen in der Hauptstadt. Zum Vergleich: In Berlin gibt es vier große Unis.

"Bei uns gilt dagegen immer noch Masse statt Klasse. Wir leiden an der Titulitis und blasen unsere Lebensläufe künstlich auf", sagt der Spanier Ignacio Sánchez-León, der selbst an der Uni gelehrt, in Deutschland gelebt hat und jetzt als Unternehmensberater in Barcelona arbeitet. Anwalt und Aktivist Miguel Gallardo geht noch weiter: "Unsere Unis sind zersetzt von Vetternwirtschaft, religiösen Fanatikern wie dem Opus Dei und Menschen, die ihre Doktor- und Masterarbeiten in Auftrag gegeben haben", sagt der Spanier, der verschiedene Prozesse gegen Uni-Betrüger führt.

Deutsche Erasmus-Studenten wie Jonas kriegen davon wenig direkt mit, sie freut hingegen: "Man hat in Spanien mehr Freizeit. Ich habe das voll genossen. Das Madrider Nachtleben ist ganz anders und es herrscht einfach überall gute Stimmung", sagt der Wirtschaftsstudent zurückblickend. Die "gute Stimmung" ist neben der Sprache und dem Wetter auch einer der Hauptgründe, warum Spanien auf Platz eins des Rankings der beliebtesten Gastländer der deutschen Erasmus-Studenten steht. Dass die Unis dann noch lascher sind, ist ein willkommener Nebeneffekt. Rund 5500 "Erasmus-Deutsche" machen sich gemäß der Angaben des DAADs jedes Jahr wie Jonas auf in den Süden.

Nicht alles ist Master, wo Master draufsteht

Der geringe Anspruch ist auch einer der Gründe, warum die von Kirchen und Unternehmen initiierten privaten Business-Schulen Esade, IE und IESE sich zwar weltweit unter den Top Ten der besten MBA-Schmieden befinden, aber nicht eine der spanischen Unis im Ranking der 200 besten Hochschulen des Shanghai Ranking auftaucht. Stattdessen führen sie eine Top Ten der Hochschulen in Europa an, an denen am meisten gemauschelt, geschummelt und gefälscht wird.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov und der deutschen Headhunterfirma Milata KG zeigte schon im Jahr 2016, was jetzt viele mit scheinbarer Überraschung wahrnehmen: Nicht alles ist Master, wo Master draufsteht. Von zehn analysierten Ländern, darunter auch Deutschland, gelangte Spanien bei dieser Umfrage unter Studenten auf Platz eins der korrupten Unis, vor Italien und Rumänien.

Gemäß der Umfrage geben 46 Prozent der Befragten zu, dass sie Zeuge einer Bevorzugung wurden aufgrund von persönlichen Verhältnissen zwischen Dozent und Student. 29 Prozent von diesen sagten, dass das auch bei der Titelvergabe der Fall war, selbst bei der Konzession von Doktortiteln.

Kritik an Dozenten und den Bewertungssystemen


Die Konsequenz: "Für uns bedeutet das, dass Kandidaten von spanischen Unis einem strikteren Analyseprozess unterliegen", sagt der Chef der Milata KG, Paul Milata. Auch in dem jüngst veröffentlichten Bericht des spanischen Unternehmerverbandes (Circulo de Empresarios) "La Calidad de las instituciones en España" (dt.: Die Qualität der Institutionen in Spanien) schneidet der Bereich des Erziehungswesens in Spanien sehr schlecht ab. Kritisiert werden vor allem die Qualität der Dozenten und die externen und internen Bewertungssysteme der Hochschulen.

Der Uni-Dozent José Penalva Buitrago hatte schon 2011 in seinem Buch "Corrupción en la Universidad" (dt.: Korruption in der Universität) dargestellt, was an den spanischen Hochschulen passiert. Es kostete ihm damals wahrscheinlich seinen Job an der Uni in Murcia, denn die Uni-Titel bewegen viele Millionen Euro in Spanien. Wer im Management etwas werden will, braucht einen MBA. An den Topschulen kostet der zwischen 40.000 und 60.000 Euro. Dieser Abschluss wird oft noch auf ein komplettes Hochschulstudium draufgesetzt.

Er ist die Eintrittskarte in spanische Topunternehmen. "Spanier – Eltern wie Unternehmen – stehen auf Titel. Dass die nicht immer auf rechtem Wege erworben werden, ist nichts Neues", gesteht auch der katalanische Politiker Josep Antoni Duran i Lleida ein. Er fordert ein komplettes Überdenken des spanischen Ausbildungssystems. Spanische Akademiker sind Geringverdiener Auch dank dieses Titel-Wahns setzen Spaniens Hochschulen gemäß der spanischen Wirtschaftszeitung "El Economista" knapp eine Milliarde Euro im Jahr um. Auf Platz 1 steht die Madrid Universidad Europea, eine Privathochschule. Sie alle profitieren davon, dass in Spanien fast jeder nach der Schule irgendetwas studiert, anders als in Deutschland, wo auch die Lehre angesehen ist und nicht jeder Abitur machen kann.

Spanische Uni-Titel sinken im Wert

An spanischen Privatunis kommt dagegen jeder rein, wenn er nur zahlt – und das auch, ohne den an den öffentlichen Unis für viele Fächer notwendigen Numerus Clausus. Das führt zwangsläufig zu einer Akademikerschwemme, die wiederum die Einstiegslöhne drückt. In kaum einem anderen Land arbeiten so viele Diplomierte als Kellner. Die spanischen Bürger sehen mit zunehmendem Entsetzen, dass ein Uni-Titel kaum noch etwas wert ist. Das Durchschnittsnettogehalt für einen Uniabgänger liegt bei 1500 Euro im Monat; wenig mehr, als eine ungelernte Putzfrau in Spanien verdient.

Bis vor kurzem war Schummeln an der Uni und im Lebenslauf regelrecht ein Volkssport in Spanien. Immer wieder kam es vor, dass die Mächtigen mit gefälschten Titeln und Lebensläufen durchkamen. Aber mit dem Skandal um Cristina Cifuentes, der Chefin der Madrider Regionalregierung, ändert sich das nun. Sie wird beschuldigt, Unterschriften bezüglich des Erwerbs eines Master an der Madrider Universidad Rey Juan Carlos gefälscht und die entsprechende Masterarbeit gar nicht geschrieben zu haben. Sie hat inzwischen auf den Titel verzichtet und ist auf Druck der politischen Opposition und der Medien zurückgetreten.

Bewundernd schauen die spanischen Medien bei Ausbildungsfragen und politischer Ethik nach Deutschland, wo zahlreiche Minister schon vor der Beweisführung zurücktraten, während die Regionalchefin Cifuentes wie viele andere in Spanien viel zu lange an ihrem Amt festhalten konnte.

Vetternwirtschaft aufgedeckt


Aber auch in Deutschland gibt es noch Verbesserungspotenzial: "Der Cifuentes-Fall findet in Deutschland am ehesten eine Parallele zu den Fällen Guttenberg und Schavan, die wegen Regelverstößen in ihren jeweiligen Dissertationen als Bundesverteidigungsminister beziehungsweise als Bundesbildungsministerin zurücktreten mussten. Ihre Doktortitel wurden von den betroffenen Universitäten aberkannt. Frau Schavan wurde aber mit dem schönen Botschafterposten im Vatikan getröstet", sagt der deutsche Ökonom Juergen Donges, der in Spanien aufgewachsen ist.

Auch wenn derzeit alle über Cifuentes herfallen, hat die konservative Politikerin dem Land ungewollt einen Gefallen getan. "Endlich wird nicht nur über Korruption zwischen Unternehmen und Politik debattiert, sondern auch die Vetternwirtschaft an Unis offengelegt, was dem Land helfen wird, sich zu erneuern", sagt Unternehmensberater Ignacio Sánchez-León.

Die dadurch initiierte Debatte hat dazu geführt, dass jeder Lebenslauf der führenden Politiker genau angeschaut wird und sich der Blick der spanischen Medien jetzt auf dem schon seit Langem von ausländischen und inländischen Bildungsexperten kritisierten verrotteten Ausbildungssystem gerichtet hat.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2018
 

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