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Universität

Angst essen Studium auf

Vivien Leue
Es ist normal, sein Studium infrage zu stellen. Immer häufiger aber leiden Studenten unter Frust und Depressionen - und suchen psychologische Beratung.
Immer häufiger leiden Studenten unter FrustFoto: © Emanuel Bloedt
Die negativen Gedanken, Zukunftsängste und Selbstzweifel kommen mit der Wucht einer Flutwelle und reißen alles mit sich. Ob morgens auf dem Weg zum Hörsaal, mittags in der Bibliothek, abends in der Kneipe oder nachts im Bett. Diese Gedanken sind allgegenwärtig: Bin ich gut genug für das Studium? Wohin führt es mich? Möchte ich dort überhaupt hin? Sollte ich lieber das Fach wechseln? Oder gleich das ganze Studium schmeißen? "Die Mehrheit der Studenten zweifelt im Studium, ob das alles so richtig ist, was sie machen", sagt Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert von der Freien Universität Berlin."Kannst du hier mithalten?"

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Diese Zweifel quälten auch Sebastian Ruland. Der 22-Jährige heißt anders, möchte seinen richtigen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen. "Kaum einer weiß, was unter der gut gelaunten Fassade stattfindet und dass ich von Zweifeln geplagt bin", sagt er und erzählt, wie er zeitweise alles hinterfragte und ständig fürchtete habe, nicht gut genug zu sein. "Da war auch der permanente Vergleich mit den Anderen und die Frage: Kannst Du hier mithalten?" Er schäme sich zwar nicht für diese Gedanken, möchte aber auch "niemanden enttäuschen" - vor allem seine Familie nicht.Die ist mächtig stolz auf ihn, denn Ruland, der Chemie und Geographie auf Lehramt studiert, könnte der erste Absolvent seiner Familie werden. Dass er bei all den guten Noten Probleme an der Uni haben könnte, ist für seine Familie unvorstellbar. "Ich habe das mal bei meinen Eltern anklingen lassen, aber meine Mutter hat das nie richtig verstanden." Wie auch? Er hat es lange Zeit ja selbst nicht begriffen.Ein gutes Abi, dann der Zivildienst und danach die Frage: Was studiere ich? Eigentlich lief bei Ruland alles glatt. Nur wusste er nicht, was er studieren soll. Er wollte das Beste aus seinen Möglichkeiten machen.Lieber einen Fehler machen als keinen zu riskieren"Ich habe mich für etwa zwei Dutzend Fächer beworben", erzählt er. 20 Zusagen landeten daraufhin in seinem Briefkasten. Architektur, Psychologie, Ingenieurswissenschaften - Ruland saß vor einer Auswahl, von der viele Studenten träumen. "Von den 20 Zusagen waren dann aber irgendwann 15 abgelaufen, weil ich mich einfach nicht für ein Fach entscheiden konnte." Unsicher stellte er sich immer dieselben Fragen: Willst Du das wirklich studieren, passt das Fach zu Dir?Diese Fragen und Ängste sind völlig verständlich, sagt die Züricher Psychologie-Professorin Alexandra Freund. "Denn man weiß immer erst im Nachhinein, ob das Fach oder der Berufszweig etwas ist, was man gut kann und was einem liegt." Ihr Ratschlag: Ruhig schon einmal ein Praktikum vor Beginn des Studiums machen, sich während des Abiturs mal in eine Vorlesung setzen oder sich einen Ferienjob in einer Kanzlei suchen. Auch wenn sich später herausstellt, dass es einem nicht gefällt. "Bevor man vor Unsicherheit in eine Art Lähmung verfällt, sollte man sich klarmachen, dass es besser ist, einen falschen Schritt zu gehen, als gar keine Schritte zu gehen", sagt Freund. Ruland entschied sich letztendlich für das Lehramtsstudium - auch wenn seine quälenden Magenschmerzen blieben.Anders als er entwickeln viele Studenten Selbstzweifel erst im Laufe ihres Studiums. Anfangs noch überwiegt die Vorfreude. Mit Elan belegen sie Kurse und genießen das neue Leben. Erst wenn die Euphorie verflogen ist, das Fach und die Vorlesungen nicht mehr neu sind und das Studium zum Alltag geworden ist, tauchen erste Probleme auf. "Angesichts der vielen Scheine und Prüfungen, die noch vor einem liegen, zweifeln sie an sich und denken: Das schaffe ich doch sowieso nicht", sagt Angelika Wuttke, Studienberaterin an der Universität Düsseldorf. "Die meisten Studenten befinden sich noch in einem Zwischenstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein. Zweifel gehören zu dieser Entwicklungsphase dazu."

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