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Eine gute Studienorientierung muss stattfinden
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Studium

An der Realität vorbei

Wenke Wensing, wiwo.de
Wer in den Abiturprüfungen schwach war, kann einige Studienfächer gleich von seiner Wunschliste streichen. Politikökonom Dieter Dohmen erklärt, wie er sich die perfekte Studienlandschaft ohne Numerus Clausus vorstellt.
Der Artikel 12 des Grundgesetzes besagt, dass jeder Mensch ein Recht auf freie Wahl des Berufs und der Ausbildungsstätte hat. Funktioniert das?

Dieter Dohmen: Nein, weil zu viele Studenten aufgrund ihrer Abiturnote nicht ihr Wunschfach studieren dürfen. Die Politik baut diese Kapazitäten nicht ausreichend aus und das hat nichts mit dem Bedarf des Arbeitsmarktes zu tun. Der Numerus Clausus ist bisher die einzige rechtlich akzeptierte Form, um Studienbewerber auszusortieren. Die Folge sind fehlende Fachkräfte in vielen Berufen, für die ein Studium erforderlich ist. Hinzu kommt, dass sich junge Leute nach der Absage von der Wunschhochschule umorientieren müssen.

Werden sie auf solche Entscheidungen ausreichend vorbereitet?

Jungen Leuten fällt es schwer, sich nach der Absage von der Wunschhochschule umzuorientieren. Der Grund dafür ist, dass sie kaum Möglichkeiten haben auszuprobieren, was sie wirklich gut können. Weder Schule noch Hochschule helfen hierbei. Das erschwert die Wahl des richtigen Studienfachs. Außerdem haben die Jugendlichen zwangsläufig einen begrenzten Erfahrungshintergrund. Denn viele Fächer, die im Studium und im Beruf relevant sind, finden keinen Platz in den Lehrplänen der Schulen. Das sind zum Beispiel Recht, Ökonomie, Psychologie oder Informatik. Ich fordere keine neuen Fächer, sondern die Umstellung des Unterrichts, also eine Einbindung studienrelevanter Themen in die Lehrpläne. Die Berufs-und Studienorientierung für Schüler ist entweder total praxisfern oder nicht existent.


Zur Person

Der Politikökonom Dieter Dohmen ist Gründer, Inhaber und Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs-und Sozialökonomie (FiBS) und als Wissenschaftler und Berater tätig. Inhaltliche Schwerpunkte seiner Arbeit sind Bildungsfinanzierung und -planung, sowie Bildungsmanagement in den Bereichen Kita, Hochschule und Weiterbildung.


Sind volljährige Schüler nicht in der Lage, sich das passende Studienfach auszusuchen?

Es gibt viele Abiturienten, die tatsächlich Schwierigkeiten haben. Die momentane Berufs-und Studienorientierung kann man in die Tonne treten. Eine gute Orientierung muss stattfinden. Die Frage ist nur, wann und wo. Ich würde die Grundlagen im Schulunterricht unterbringen und die Studienorientierung in die ersten beiden Semester des Studiums legen.

Also ein Jahr lang Studienfächer ausprobieren bevor es richtig los geht?

Bis diese vorbei sind, müsste sich niemand auf ein Fach festlegen. In diesen beiden Semestern soll auch kein NC vom Studium abhalten. Die Studenten könnten mithilfe von Fächern wie Ökonomie, Technik, Recht, Psychologie und Pädagogik lernen, was zu ihnen passt und sich dann für einen Studiengang bewerben. Ein breites Grundlagenstudium wäre sinnvoll, um Orientierung zu schaffen. Außerdem kommt man heute ohnehin ohne Kenntnisse in den meisten dieser Fächer nicht mehr durchs Arbeitsleben.

Aber selbst wenn die Schüler dann wissen, welcher Studiengang zu ihnen passt, ist ihre Abiturnote vielleicht für das Fach nicht gut genug.

Ich glaube, dass die wenigsten Studiengänge noch überlaufen wären und ein NC dann noch nötig wäre. Junge Menschen könnten plötzlich Kompetenzen entdecken, die sie erst gar nicht erwartet haben, weil sie keine Möglichkeit hatten, sie auszuprobieren. Niemand muss schon früh wissen, was er werden will. Da muss die Gesellschaft gelassener werden, viele Potenziale sind in dem Alter noch entwicklungsfähig.

Grundlagenfächer zeigen aber noch niemandem, ob er in einem hoch spezialisierten Studiengang gut aufgehoben wäre.


50 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten heutzutage nicht in dem Beruf, den sie ursprünglich mal gelernt haben. Nach ein paar Jahren wird der Ingenieur zum Projektmanager, braucht dafür BWL- und Psychologie-Kenntnisse, um Mitarbeiter leiten zu können. Diese übergreifenden Kompetenzen vermitteln spezialisierte Studiengänge aber meist nicht. Deshalb schlage ich vor, dass auf die zwei Semester Grundlagenstudium ein relativ offen gestelltes Bachelor-Studium folgt und sich die Studenten erst im Master stark spezialisieren. Damit wären sie auch einfacher in der Lage, sich später umzuorientieren, wenn es sein muss. Kaum jemand wird in Zukunft sein ganzes Arbeitsleben noch im ursprünglich erlernten Beruf verbringen.

Dass Ihr Vorschlag in der nächsten Zeit umgesetzt wird, ist unwahrscheinlich. Wenn Sie jetzt etwas am NC-System ändern dürften, was wäre es?

Es gibt den NC, um einigermaßen gerichtsfest die begrenzten Kapazitäten aufzuteilen. Mein Vorschlag beinhaltet weder NCs noch Eignungstests. Eine schnelle Lösung wäre im ersten Schritt mehr praxisorientierter Unterricht an den Universitäten. Im zweiten Schritt könnten sie von NCs auf Eignungstests umsteigen. Es gibt nur leider kein Auswahlverfahren, das jeder Überprüfung Stand hält. Zum Beispiel im Sport: Nur weil ein Mann die 50 Meter unter sieben Sekunden laufen kann, heißt das nicht, dass er mal ein guter Sportlehrer wird. Diese Auswahlverfahren müssten so optimiert werden, dass sie im Falle einer Klage vor Gericht bestand haben.

Der Eliten-Forscher Michael Hartmann sagt, der NC sei der verlässlichste Indikator für ein erfolgreiches Studium.


Für ein Studium in den heutigen Kategorien stimmt das. Die Vorlesungen in der Universität gleichen dem Schulunterricht. Es gibt viel Frontalunterricht und nur wenig Möglichkeiten, Dinge an praktischen Beispielen zu erlernen. Wer in der Schule gut auswendig lernen und wiedergeben konnte und deshalb Einsen geschrieben hat, kann heute auch gut studieren. Diese Art der Lehre sorgt aber nicht für gute Ärzte, Personalmanager oder Lehrer. Dafür braucht es Leidenschaft bei den Studenten.

Aber können Menschen, die die Theorie nicht beherrschen, ihren Job gut machen?

Praxisorientierung muss die Theorie nicht ausschließen. Für mich war das VWL-Studium zum Beispiel ein Kampf. Es war viel zu theoretisch mit realitätsfernen Annahmen, zu wenig an der Praxis und der realen Welt orientiert. Viele brechen sogar das Studium ab, ohne dass das automatisch heißt, dass sie zum Studium nicht geeignet sind. Die Gründe für einen Studienabbruch sind vielseitig. Wenn sich aber die Art zu unterrichten ändert, müssen sich auch die Zugangsvoraussetzungen ändern, denn in einem praxisbezogenen Studium sagt die Abiturnote nichts mehr über die Fähigkeit zu studieren aus.

Das würde nichts daran ändern, dass allein im Fach Medizin 31.000 Interessen pro Semester leer ausgehen.


Seien wir doch ehrlich: Viele entscheiden sich für das Medizinstudium nur deshalb, weil sie den NC haben, und nicht, weil es ihren wirklichen Interessen entspricht. Wenn die Studieninteressierten erst einmal ausprobieren könnten, ob ein Medizinstudium das richtige für sie ist, würden viele merken, dass das nicht der Fall ist und diejenigen übrigbleiben, bei denen es passt.

Bekämen wir denn so genügend Fachkräfte dort, wo sie dringend benötigt werden?

Wir brauchen noch immer 15 Prozent mehr Studienanfänger, um bis 2020 den Bedarf des Arbeitsmarktes an Akademikern zu decken. Das hat das Forschungsinstitut für Bildungs-und Sozialökonomie in einer Studie zur Fachkräftesicherung herausgefunden. Um das Wort Fachkräftemangel aus dem politischen Wortschatz zu streichen, müssen die Politiker ordentlich Geld für die Bildung bereitstellen. Geschätzt müssten Bund und Länder mindestens 20 Milliarden Euro mehr im Jahr für Bildung ausgeben.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 10.10.2017
 

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