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Medizin

Tierversuche für die Therapie bei Schlaganfall

Kirstin von Elm
Johannes Boltze erforscht an Schafen eine Therapie für Schlaganfallpatienten.
Johannes Boltze, Leiter der Forschungsgruppe Neurorepair Fraunhofer Institute for Zelltherapie und Immunologie IZIFoto: © Bertram B
Den Spruch vom dummen Schaf lässt Johannes Boltze nicht gelten. "Schafe sind ursprünglich Steppenbewohner. Viel fressen, sich wenig bewegen und kaum auffallen, das ist kein Zeichen von Dummheit, sondern ihre optimale Überlebensstrategie", sagt er. In den letzten Jahren hat der promovierte Humanmediziner eine Menge über seine Versuchstiere gelernt.Am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig arbeitet der 31-Jährige an einer neuen Therapie, bei der Patentien nach einem Schlaganfall Stammzellen verabreicht werden sollen. Zwar ist es heute noch nicht möglich, mittels Stammzellen zerstörtes Hirngewebe nachwachsen zu lassen. Doch die rechtzeitige Gabe bis zu 24 Stunden nach dem Schlaganfall scheint zumindest das bislang unvermeidliche Absterben weiterer Hirnregionen zu verhindern. Und sie hilft den überlebenden Zellen, ausgefallene Funktionen zu übernehmen.

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Schafe sind billiger als beispielsweise AffenNach ermutigenden Tests mit Zellkulturen und an Ratten wird die Therapie derzeit an Schafen erprobt. "Schafe sind billiger und leichter zu beschaffen als beispielsweise Affen. Und sie können trotz der Versuche ein vergleichsweise normales Leben auf der Weide führen", erklärt Boltze. Sie überleben länger, und der Stammzellexperte kann seine Tiere langfristig beobachten. Das ist in der medizinischen Forschung wichtig. In den kommenden Jahren sollen die ersten klinischen Studien mit Menschen beginnen.Ärzte & Chirurgen Medizinische Dienste Wissenschaft-Medizin Johannes Boltze Henning Baberg Lars Niederstadt ?? ?? Bereits während seines Studiums an der Universität Leipzig und für seine Promotion am Institut für Klinische Immunologie und Transfusionsmedizin befasste sich der junge Mediziner mit dem Einsatz von Stammzellen in der Schlaganfalltherapie. Nach seinem Examen im Mai 2006 holte ihn sein Professor ans IZI. Inzwischen ist er vom wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Leiter einer Forschungsgruppe mit 20 Studenten, Doktoranden und festangestellten Wissenschaftlern aufgestiegen.Oft mit Anzug und Krawatte unterwegsSeine Schafe operiert Johannes Boltze zwar noch selbst, ansonsten ist er aber oft mit Anzug und Krawatte unterwegs, um bei öffentlichen und privaten Auftraggebern lukrative Forschungsprojekte zu akquirieren. "Wir kriegen das Geld hier nicht auf dem Silbertablett serviert, sondern müssen uns selbst finanzieren."Damit wegen des Managements, der Budgetplanung und dem Controlling die Wissenschaft nicht zu kurz kommt, arbeitet der Forscher derzeit an seiner zweiten Promotion an der Universität Leipzig. Die möchte er möglichst bald mit einem naturwissenschaftlichen Doktorgrad abschließen. Das interdisziplinäre Zusatzstudium ist individuell auf ihn zugeschnitten und umfasst vor allem neurobiologische und pharmazeutische Inhalte. Mittelfristig reizt ihn aber auch der Facharzttitel für Neurochirurgie: "Ich kann mir gut vorstellen, klinisch zu arbeiten. Allerdings muss noch Raum für die Forschung bleiben, und das ist in Deutschland leider nicht so einfach", sagt Boltze. Für seine Schafe heißt es deshalb vielleicht in zwei oder drei Jahren: "Goodbye Dolly".Zurück zum Haupttext:Spezial Medizin: Alles für die Gesundheit
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2008