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Interkulturelle Vorbereitung

Teil 4: Japan - Europäische Rohdiamanten

Astrid Oldekop
Die EU vergibt hochkarätige Stipendien für Manager, die Erfahrungen in Japan, Korea oder China sammeln wollen.
Japan verlangt vollen EinsatzFoto: © Mark Roper - Fotolia.de
„Ich dachte, die Leute laufen vor mir weg“, erinnert sich Reginald Grünenberg an seinen ersten Netzwerk-Abend in Japan. Denn kaum hatte er sich einem einheimischen Gesprächspartner vorgestellt und seine Visitenkarte überreicht, so eilte dieser auch schon davon. An jenem Abend in Tokio traf der Deutsche sozusagen im Vorbeimarsch insgesamt auf ein gutes Dutzend Japaner. Doch am nächsten Morgen war sein elektronischer Briefkasten voller Dankesmails. Als Stipendiat des europäischen Japan-Programms ETP wurde er als „Delegierter der Europäischen Kommission herumgereicht wie ein Rohdiamant“. Grünenberg merkte schnell: „Eine Netzwerk-Veranstaltung in Japan verlangt vollen Einsatz. Es ist unhöflich, dem anderen länger als zehn Minuten seiner Zeit zu stehlen.“Heute geht er zu solchen Zusammenkünften nur noch ausgeschlafen. Denn, „man läuft beim Gegenüber im Bruchteil einer Sekunde durch einen moralischen Scan“, sagt Grünenberg. „Wenn die Leute einen mögen, öffnen sie sich wie eine Rose.“ Und noch etwas sei bei der Beziehungspflege in Japan völlig anders als in Deutschland: „Die Leute vergessen einen nie - auch wenn man jahrelang nichts voneinander hört.“ Reginald Grünenberg verdankt seine Netzwerk-Erfahrungen einem hochkarätigen Stipendien-Programm. Der Berliner ist Stipendiat der Europäischen Kommission und drückt mit 44 Jahren noch einmal die Schulbank. Sein Unternehmen Audiantis stellt Multimedia-Technologie für Handys her, Japan ist ein wichtiger Markt. Deshalb beschloss Geschäftsführer Grünenberg, sich selbst nach Nippon zu begeben. Der promovierte Politologe ist der älteste Teilnehmer des Programms, einziger Deutscher und Gruppensprecher. Der jüngste ist 25 - ein französischer Winzer, der ebenfalls nach Japan exportieren will.

Die besten Jobs von allen

Für zwölf Monate hat sich Reginald Grünenberg mehr oder weniger aus dem Berufsleben verabschiedet, denn das Programm lässt den 16 Stipendiaten neben dem intensivem Bad in der fremden Kultur und Sprache kaum Zeit für ihre bisherigen Aufgaben. Obwohl die Organisatoren mit klingenden Namen der renommiertesten Universitäten Europas und Asiens werben, sind die Bewerberzahlen mau. Der lange Ausstieg ist die Crux des Programms: Welches Unternehmen verzichtet schon gerne zwölf Monate lang auf seinen besten Mitarbeiter? „Dabei ist ETP gerade für Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit Japan oder Korea aufbauen wollen, die billigste und beste Variante“, hält Frank Kaiser, deutscher ETP-Koordinator dagegen. „Für große Unternehmen kann das Stipendium ein ganz normaler Baustein des Karriereplans seiner Mitarbeiter sein.“Neun Monate knallharte ArbeitWer das Interview und das Assessment Center in Brüssel geschafft hat, kann sich nicht beruhigt zurücklehnen. Denn alle paar Wochen schreiben die ETPler Tests. Im vergangenen Jahr fielen zwei Leute dabei durch und brachen das Programm ab. Sciences Po in Paris, Bocconi in Mailand, School of Oriental and African Studies in London - je zwei Wochen lang pauken die Stipendiaten an den Business Schools: zunächst Politik, Geschichte, Wirtschaftswissen und Landeskunde. Zwischendurch bereiten sie den Stoff zuhause nach. An der Waseda in Tokio und der Yonsei in Seoul lernen sie anschließend die Sprache. Insgesamt neun Monate härtester Arbeit stecken für die ETPler in diesem Trainingsmarathon. Für Grünenberg war es speziell beim Japanischtraining ein „intellektuelles Abenteuer, zu erleben, wie dem Wirrwarr bedeutungsloser Symbole plötzlich ein Sinn entstieg.“ Der Berliner ist zwar schon länger mit einer Japanerin verheiratet, doch ihre Sprache lernte er erst während des Programms. Seine erste ETP-Fallstudie handelte von Ikea Japan. „Dort haben wir Metainformation über Japans Wirtschaft bekommen, zu denen man als normaler Expat keinen Zugang hat.“Der Berliner erzählt von der Fahrt zur Uni in der prallvollen, überhitzten U-Bahn mit dreimaligem Umsteigen, von langen Tagen mit neun Vorlesungsstunden und vielen Hausaufgaben. „Wir haben hier wenig Bewegungsfreiheit und sind komplett verplant“, sagt der CEO von Audiantis Japan. „Im Vergleich dazu führe ich in Berlin ein absolutes Boheme-Leben.“ Immer wieder machen die Stipendiaten Ausflüge zu japanischen Unternehmen und treffen wichtige Persönlichkeiten der japanischen Wirtschaft - gerade hat Gruppensprecher Grünenberg bei Panasonic einen Vortrag auf Japanisch gehalten und sich für die Gastfreundschaft des Unternehmens bedankt.