Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Klaus Landfried

"Studenten, verlangt mehr Kreativität!"

Klaus Landfried
Über den Bachelor wird viel gestritten, denn schlecht organisierte Programme finden sich überall. Vorbildliche dagegen bisher nur vereinzelt. Welche Hochschulen wirklich mit gutem Beispiel vorangehen, zeigt Klaus Landfried.
Über den Bachelor wird immer noch gestrittenFoto: © Oliver Sperl
Noch immer wird über den Bachelor gestritten, dass die Fetzen fliegen. Eifernde Profs attackieren ihn, weil er angeblich die bewusstlose Verschulung erzwinge, keine Freiheit zum selbstständigen Lernen lasse, bürokratischen Prüfungsstress verlange, das Erasmus-Semester verhindere, in eine Arbeitsmarkt-Sackgasse führe. Und leider gibt's auch Studis, die auf das dumme Geschrei der Profs hereinfallen und mitklagen - von der oft tatsächlich miserablen Organisation ihrer Bachelor-Programme überwältigt.Eigenverantwortliche Organisation

Die besten Jobs von allen

Die Wahrheit ist aber: In der "Bologna-Erklärung" von 1999 steht nichts von all dem Unfug. Der ganze Stress ist von den Profs selber verursacht, von denen leider viele nicht gelernt haben, kreative Lernformate für das forschende Lernen zu organisieren. Die Studenten sollten das von ihren Hochschulen verlangen! Denn es gibt in fast allen EU-Ländern, natürlich auch in Deutschland, Bachelor-Programme, die das genaue Gegenteil von dem gerade geschilderten Zerrbild darstellen. Programme ohne Verschulung, in denen selbst gewählte Themen und eine eigenverantwortliche Organisation des Lernens im Vordergrund stehen - nicht die Belehrung des Lehrstuhls. Programme mit nur ganz wenigen, studienbegleitenden Prüfungen zu flexiblen Terminen, in die entweder ein für den späteren Job nützliches Praktikum oder ein Auslandssemester integriert sind. Und bei denen natürlich die dort erbrachten Leistungen auch anerkannt werden.Schließlich gibt es Programme, deren Fachkombination die Chance auf interessante Jobs gegenüber den alten "Magistern" deutlich verbessern. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: der Informatik-Bachelor an der RWTH Aachen. Der kennt zwar auch anspruchsvolles Pauken, zeichnet sich aber dadurch aus, dass die Studenten die Organisation des Programms und der Prüfungen mitbestimmen können. Dann der Bachelor in Politikwissenschaft an der Uni Frankfurt. Bei dem wird Rücksicht darauf genommen, dass rund zwei Drittel aller Studis neben dem Studium arbeiten müssen, also für ein Vollzeitprogramm keine Zeit haben. Sie können nicht nur zwischen vielen fachlichen Schwerpunkten frei wählen, sondern auch ihr Studium zeitlich mit dem Job abstimmen.Forschendes LernenUnd es gibt den Leuphana-Bachelor an der Uni Lüneburg, bei dem im ersten Semester (ja, im ersten!) forschendes Lernen über Teamprojekte gefördert wird. Und die Allgemeinbildung, die nach Ansicht der Kritiker zu kurz kommt. Forschendes Lernen in Projekten, und zwar im Ausland, ist auch Kennzeichen des ingenieurwissenschaftlichen Bachelors an der FH Kiel, bei dem das Auslandssemester Teil des Programms ist.Klaus Landfried war von 1997 bis 2003 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Im Unruhestand betätigt sich der emeritierte Politikprofessor als Wissenschaftsberater und Headhunter. Mit kritischem Blick kommentiert er für Junge Karriere monatlich die Hochschulszene.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2009