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Anonyme Bewerbung
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Teil 4: Anonyme Bewerbung verbessert Chancen

Ähnlich sieht es bei der Deutschen Telekom aus. "Das Ergebnis des Pilotprojekts war für uns nicht so vielversprechend. Deshalb haben wir uns gegen das anonyme Verfahren entschieden", sagt ein Sprecher. Auch die Telekom hebt hervor, dass ihr eigenes Bewerbungsverfahren schon sehr "offen" sei.

Stimmt das wirklich? Reichen konkrete Zielvorgaben – 30 Prozent Frauen im Unternehmen, 25 Prozent Migranten – und der gute Vorsatz aus, um tatsächlich niemanden zu diskriminieren? Die Psychologin Tanja Schwarzmüller von der Technischen Universität München, die zu Geschlechterstereotypen forscht, hat da eine ganz klare Meinung.

Unbewusste Entscheidungen

"Das Argument 'Wir diskriminieren sowieso nicht' zählt nicht. Wenn jemand sich vornimmt, nicht zu diskriminieren, kann er es trotzdem tun. Die meisten unserer Stereotypen sind unterbewusst verankert und können unsere Entscheidungen beeinflussen, auch wenn wir es gar nicht wollen."

Sie und ihre Kollegen plädieren daher für eine anonyme Vorauswahl. Schwarzmüller verweist auf internationale Studien, die belegen, dass Herkunft und Geschlecht die Auswahl beeinflusst. Hinter den Studien und Zahlen verbergen sich Menschen wie Steffen Müller, der bei einem Arbeitsunfall ein Auge verloren hat und seitdem als schwerbehindert eingestuft ist. Nach einer dreijährigen Umschulung zum Verwaltungsfachmann hat der 47-Jährige Dutzende Bewerbungen geschrieben.

Anonym überzeugt

Ein paar Mal wurde er zu einem Gespräch eingeladen. "Da habe ich aber immer schnell gemerkt, dass die eigentlich keinen schwerbehinderten Mitarbeiter haben wollen", sagt er rückblickend. Als er sich 2011 anonym bei der Stadt Celle bewarb – einer der Arbeitgeber des Pilotprojekts – hielt man ihn zunächst für ein Frau. Vielleicht wegen der Klischees, die viele im Kopf haben: Als Hobbys hatte er in dem standardisierten Formular Stricken, Kochen und Radfahren angegeben.

Die Stadt Celle lud Müller zum Bewerbungsgespräch ein und bat gleichzeitig um seine kompletten Bewerbungsunterlagen. Spätestens da war klar: Der anonyme Bewerber ist ein schwerbehinderter Mann Ende vierzig. Gleich zwei Ausschlusskriterien für viele Arbeitgeber – nicht aber für die Stadt. Heute arbeitet er dort im Grünflächenamt. Das ist ein Fazit aus der Pilotstudie: Menschen, die sonst oft nicht zu einem Gespräch eingeladen werden, haben mit der anonymen Bewerbung bessere Chancen.