Betrugsermittlung

Lug und Trug ist ihr Geschäft

Sonia Shinde
Rund 100 Absolventen hat Direktorin Birgit Galley inzwischen ausgebildet. Alle sind gut im Geschäft. Zwischen 40 000 und 70 000 Euro verdienen Berufseinsteiger je nach Vorbildung in Konzernen oder bei Wirtschaftsprüfern. Chancen haben Betrugsermittler vor allem bei großen Unternehmen, mit mehr als 100 Mitarbeitern in der Revision.Kleinere Unternehmen setzen eher auf externe Hilfe, so wie Béatrice Kroll. Sie ist Compliance-Chefin für Europa beim koreanischen Autobauer Kia und somit verantwortlich, dass alles gesetzeskonform zugeht. "Für die Betrugsermittlung kaufen wir uns derzeit noch Unterstützung von außen ein" sagt sie. Und meint externe Berater. Viele Betrugsermittler machen sich nach ein paar Jahren selbstständig, so wie Birgit Galley.Betrugsermittlerin wurde sie eher zufällig. Eigentlich wollte die junge Betriebswirtin als Personalerin bei der Deutschen Bank einsteigen. Den Vertrag hatte sie schon in der Tasche.Doch dann lernte sie kurz nach der Wende einen kanadischen Betrugsermittler kennen und war von seiner Arbeit fasziniert.Für die Treuhand jagte sie in den Folgejahren Betrüger, die den Staat bei der Wiedervereinigung abzockten, folgte unter anderem der Spur des Geldes beim Skandal um die Übernahme der Ost-Raffinerie Leuna durch die französische Elf-Aquitaine und forschte mit ihrer eigenen Firma nach Unregelmäßigkeiten bei der Pleite der Bremer Vulkan-Werft. 30 000 Leitz-Ordner hat sie damals durchgearbeitet, 4 000 Dokumente als Beweise isoliert.Zähigkeit zahlt sich ausZähigkeit und Durchhaltevermögen zählen für sie zu den Kardinaltugenden von Ermittlern - plus kriminalistisches Bauchgefühl. Das half ihr bei ihrem bislang skurrilsten Fall: Eine Herde Milchkühe war als Sicherheit für Kredite vorgesehen, verschwand jedoch spurlos. Galley suchte wochenlang nach den Ohrmarken der Tiere und folgte ihrer Spur - bis zur Schlachtbank. Statt auf kleine stetige Erträge aus der Milchproduktion setzten die Gauner auf das schnelle Geld aus dem Schlachthof. Und verschwanden damit ins Ausland. Galley stellte sie in Südeuropa.Auf die Schliche gekommen war sie den Betrügern, weil sie weniger Milch ablieferten als sie durften. "Das widerspricht jedem kaufmännischen Verhalten. Da hatte ich das Gefühl, dass etwas faul ist", sagt sie. Dieses Gefühl allerdings kann auch die erfahrene Ermittlerin niemandem vermitteln. "Entweder man hat es oder man hat es nicht. Aus Büchern lässt sich das nicht lernen", sagt sie.Entsprechend skeptisch beurteilen Praktiker die Studiengänge in Frankfurt und Berlin, sehen die dort erworbenen Titel eher als Zusatzqualifikation. "Forensik kann man nicht lernen", sagt Uwe Heim. Er ist selbst Forensiker bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte in Frankfurt.Heim begann als Prüfungsassistent, bekämpfte später die organisierte Kriminalität für das Bundeskriminalamt und leitet seit 2007 die Deloitte-Forensik. Ihm sind "profunde Branchen- und Bilanzkenntnisse" seiner Bewerber wichtiger als alle Ermittlertitel. "Sie müssen genau wissen, wie die Abläufe in der Wirtschaft funktionieren, Bilanztricks erkennen und die richtigen Soft-Skills mitbringen wie Teamfähigkeit und ein hohes Maß an Empathie", beschreibt er sein Anforderungsprofil.Bewährte PfadeUnd eine hohe Belastbarkeit, denn kaum ein Täter bleibt gelassen, wenn er auffliegt. "Manche werden ironisch, einige ausfallend, wenige brüllen herum, einzelne fangen an zu weinen. Das müssen Sie als Ermittler aushalten", sagt er. Auch Frank Weller vom Konkurrenten KPMG setzt derzeit noch "auf die bewährten Pfade". Bei Nachwuchskräften rekrutiere er inzwischen aber auch Absolventen der Steinbeis-Hochschule und der forensischen Master-Studiengänge ausländischer Hochschulen, etwa der Dublin City University.Ausbildung
Studiengänge: Berufsbegleitende Ausbildungen bieten die Frankfurt School of Finance & Management (Certified Fraud Manager), die Steinbeis-Hochschule in Berlin (Master & MBA) und die Deutsche Universität für Weiterbildung (Master Compliance) in Berlin an. Auch die Dublin City University bietet einen Studiengang an. Im Herbst startet in Laxenburg bei Wien die interdisziplinäre "International Anti-Corruption-Academy". Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der europäischen Anti-Betrugsbehörde OLAF, der UN-Drogenbekämpfer und dem österreichischen Innen- und Außenministerium.
Fortbildung: Die Association of Certified Fraud Examiners bietet eine Weiterbildung zum Certified Fraud Examiner an. In Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Hochschule schreibt der Verein derzeit Teilstipendien für den MBA aus. Die IHK Rheinhessen bietet zusammen mit der Vereinigung für die Sicherheit der Wirtschaft Aufbaukurse zum Koordinator für Betriebliche Ermittlungen an.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2010

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