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Interview mit Richard Florida

"Kreativität kann auch unscheinbar sein"

Junge Karriere
"Die treibende Kraft hinter jeder erfolgreichen Firma sind talentierte Mitarbeiter": Der US-Ökonom Richard Florida über kreative Kollegen und Konzerne.
Kreativitätsforscher: Richard Florida ist Professor an der Universität TorontoFoto: © PR
Mr. Florida, in einem Ihrer Bücher schreiben Sie: "Die kreative Klasse setzt die Normen unserer Zeit." Wenn das stimmen sollte: Was passiert mit Firmen, die nicht die Kreativität der Mitarbeiter fördern?Die treibende Kraft hinter jeder erfolgreichen Firma sind talentierte Mitarbeiter. Allerdings leben wir in einer sehr mobilen Zeit, und vor allem die talentierten Kreativen reisen viel. Für Unternehmen geht es darum, diese Talente anzulocken und zu halten. Das ist die größte Herausforderung des kreativen Zeitalters. Gelingt das nicht, stehen sie auf der Verliererseite des globalen Kampfes um die Talente.

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Wie definieren Sie Kreativität?In der Kunst und Wissenschaft erkennt man sie sehr leicht: eine großartige Symphonie, ein ergreifendes Kunstwerk, Biotechnologie, die Krankheiten besiegt. Aber Kreativität kann auch unscheinbar sein. Ich habe Unternehmen kennengelernt, die den größten Gewinn nicht aus einem revolutionären Produkt ziehen, sondern aus kleinen, kontinuierlichen Fortschritten. Vereinfacht gesagt: Kreativität ist organisch. Man kann sie nicht planen. Man kann ihr nur Platz und Freiheiten einräumen, um zu wachsen.Wie lässt sich Kreativität organisieren?Erstens muss ein Arbeitgeber seinen kreativen Mitarbeitern den Rücken freihalten. James Goodnight, der Gründer des Softwareunternehmens SAS Institut, hat mal gesagt: "Meine Leute sollen sich nicht darum sorgen müssen, dass ihr Kind krank ist oder wer es von der Schule abholt.'" Zweitens: Manager müssen Kreativität entfachen. Goodnight hat ein Firmengelände gebaut - und Kunstwerke und Joggingpfade integriert. Drittens: Arbeitgeber müssen kreative Mitarbeiter als eine Investition in die Zukunft begreifen. Goodnight zum Beispiel sagt, dass eine langfristige Zusammenarbeit grundlegend dafür ist. Kreativität blüht in Beziehungen auf, bei Personen, die schon lange zusammen gearbeitet haben.Wie findet man heraus, ob man selbst in der Lage ist, kreativ zu arbeiten?Jeder Mensch ist kreativ. Die große Herausforderung für Unternehmen liegt darin, Wege zu finden, diese Kreativität zu aktivieren. Und jeder Einzelne muss versuchen, die richtige Umwelt und Netzwerke zu schaffen, die unsere Kreativität anspornen. Dieses Biotop kann bei einem Biotechnologen ganz anders sein als bei einem Schuhdesigner. Wichtig ist, auf die spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen.Wie finden Einsteiger heraus, ob diese Kriterien in einer Firma umgesetzt werden?Stellen Sie die richtigen Fragen. Ist das Unternehmen so organisiert, dass es einen unternehmerischen Spirit auch bei den Mitarbeitern entfacht? Schaffen die Vorgesetzten eine kreative Atmosphäre? Wird in die Mitarbeiter investiert? Darauf sollten das Management und Ihre zukünftigen Kollegen gute Antworten haben.Kreativitätsforscher Richard Florida ist Professor an der Universität Toronto und Autor mehrerer Bücher. 2008 erscheint sein neues Werk "Who's your City?".Mehr Infos: www.creativeclass.org
Dieser Artikel ist erschienen am 28.05.2008