Keine Macht den Pillen!

Gehirndoping an der Uni

Dorothee Fricke
Schneller und effektiver LernenFoto: © Sabine Kobel
Kognitives Wettrüsten befürchtet
Frei von Nebenwirkungen ist aber auch Modafinil nicht. Laut Beipackzettel treten häufig Kopfschmerzen auf, seltener kommt es beispielsweise zu Schlaflosigkeit, hohem Blutdruck oder Erbrechen. Außerdem sind psychische Reaktionen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung möglich. In Foren berichten Anwender häufiger von besonders heftigen Träumen. Der studierte Philosoph Schleim verweist neben den körperlichen Folgen vor allem auf die gesellschaftlichen Folgen des Hirndopings. Zwar könne man argumentieren, dass aufgeklärte, erwachsene Menschen Nutzen oder Schaden einer Medikamenteneinnahme selbst einschätzen müssten. Er sieht hier jedoch deutliche Parallelen zum Doping im Sport. "Es ist unfair, wenn der Leistungsvorsprung nicht dem Konkurrenten, sondern der Substanz zuzuschreiben ist."Schleim befürchtet ein "kognitives Wettrüsten". Oder wie es ein Teilnehmer einer Diskussion zu diesem Thema auf der Online-Plattform Xing formuliert: "Du kommst als Berufseinsteiger neu in ein Consulting-Team. Neun Consultants schlucken regelmäßig Pillen und geben offen zu, dass der Job anders kaum zu schaffen ist. Was machst du?" Auf den Alltag an der Uni übertragen hieße das: Wenn alle Kommilitonen gedopt sind, wer wagt es dann noch, sich ohne Pillen auf die Prüfung vorzubereiten?Neue Wundermittel mit besserer Wirkung und weniger Nebenwirkungen sind derzeit nicht in Sicht. Kein Pharma-Unternehmen gibt zu, gezielt an Medikamenten zur Steigerung der Hirnleistung bei Gesunden zu forschen. Als sicher gilt aber: Wer neue Medikamente gegen Alzheimer, Demenz oder Parkinson erforscht, hofft insgeheim, auf etwas zu stoßen, das auch Gesunden hilft. Für Unternehmen könnte die Entdeckung eine wirtschaftliche Goldader sein.Legalisierung in der DiskussionAn Hochschulen führen die Mittel dagegen zu der Frage, ob man ihren Einsatz verbieten und Dopingkontrollen vor Prüfungen einführen müsste (siehe Interview Seite 5). Auch Isabella Heuser hält dies grundsätzlich für denkbar, verweist aber darauf, dass die heute verfügbaren Substanzen nicht unmittelbar vor einer Prüfung, sondern während der Vorbereitung eingenommen werden. Die Frage, was erlaubt sein sollte und was nicht, muss zudem eindeutig geklärt sein. Ist es Doping, wenn man vor lauter Lampenfieber ein Beruhigungsmittel vor der mündlichen Prüfung braucht? Was ist mit pflanzlichen Substanzen wie Gingko, deren Nutzen zwar nicht erwiesen ist, auf die aber viele schwören? Vor dem Einsatz von Urinproben empfiehlt Stephan Schleim eher folgendes: "Unis sollten einen Ethikcode zum Umgang mit stimulierenden Substanzen formulieren."Oder die Pillen freigeben. Das zumindest forderten kürzlich sechs Professoren, die zu den renommiertesten Hirnforschern zählen. In einem Artikel für die Zeitschrift Nature plädierten sie dafür, das Doping zu legalisieren und so die Chancengleichheit - etwa bei einer Prüfung - wieder herzustellen. "Kognitive Verbesserung hat dem Einzelnen und der Gesellschaft viel zu bieten", schrieben sie. "Zu einer angemessenen gesellschaftlichen Reaktion wird es gehören, solche Verbesserungen bei gleichzeitigem Risikomanagement frei zugänglich zu machen."Der Artikel sei keinesfalls eine Aufforderung, Neuropusher zu nehmen, sagen die Autoren. Auch ihrer Meinung nach sind die Mittel nicht ausreichend erforscht. Doch angesichts der dünnen Datenlage sei eine Art wissenschaftlicher Weckruf nötig gewesen. Jetzt hoffen sie, dass ihr unkonventioneller Beitrag die Diskussion in Gang bringt und Lösungen für die Zukunft gefunden werden. Denn eingenommen werden die Pillen schon jetzt, ohne die Gewissheit, wie sie tatsächlich wirken.

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