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Selbstständigkeit

Freiberufler auf dem Vormarsch

K. Fritz, J. Honsell, L. Patt
Sie sind oft Einzelkämpfer, wissen nicht, wie viel sie im nächsten Monat verdienen, und müssen ständig Klinken putzen. Trotzdem sind Freiberufler glückliche Menschen. Denn ihnen sitzt kein nerviger Chef im Nacken. Und ihre Zahl steigt und steigt und steigt ...
Mit dem PC ins Grüne: Das können nur FreiberuflerFoto: © Patrizia Tilly - Fotolia.com
Es war im Jahr 2000, als Stefan Preishuber das erste Mal über seine berufliche Situation ins Grübeln kam. Sein Arbeitgeber, eine Spezialbank für die Verwaltung von Depots anderer Geldinstitute, wurde verkauft. Viele ITler wie er bekamen ihre Entlassungspapiere. Er war einer der wenigen, die bleiben durften. "Aber von da an wankte mein Weltbild eines fixen Arbeitsverhältnisses mit all seinen vermeintlichen Vorzügen", erinnert sich Preishuber.Sein Einkommen stimmte zwar, und die Arbeitszeit war regelmäßig - aber auch regelmäßig zu lang. Hinzu kam dieses ungute Gefühl, dass bei der nächsten Kündigungswelle auch er dran glauben könnte. Preishuber: "Von dieser Situation hatte ich die Nase voll." Seine Idee von Sicherheit kippte ins Gegenteil. 2005 bot ihm eine Firma einen Job auf freier Basis an: Man brauchte sein Wissen als IT-Berater für die Einführung und Tests von Bankensoftware. Preishuber schlug ein und meldete sich selbstständig. "Ganz kurz entschlossen, denn das klang alles super."

Die besten Jobs von allen

Gestresst und doch zufriedenAlles super - mit dieser Sicht ist Preishuber nicht allein unter den freien IT-Experten: Nach einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Informatik ordnen sich 45 Prozent ihrer selbstständigen Mitglieder der höchsten Zufriedenheitsklasse zu. Bei den Angestellten sind es nur 32 Prozent. Und auch generell gilt: Fragt man die 954.000 Freiberufler in Deutschland nach ihrem Wohlgefühl, hört man weit mehr zufriedene Stimmen als Klagen. Denn obwohl Freiberuflichkeit häufig genug erhöhten beruflichen Druck, Verzicht auf Freizeit und oft auch Zukunftssorgen bedeutet, bereut die Mehrzahl ihre Entscheidung nicht. Das belegt eine Erhebung des Webportals gruendungszuschuss.de und der Uni München von 2007. Danach war die Zufriedenheit der knapp 1.200 befragten Gründer - rund die Hälfte von ihnen Freiberufler - sehr groß. Im Schnitt lag sie auf einer Skala von eins bis fünf (5 = sehr zufrieden) bei 3,94. 96 Prozent der Befragten würden wieder gründen."Ich will keinen anderen Beruf"Am Verdienst liegt es wohl nicht, dass Freiberufler hierzulande so zufrieden sind. Die Gehälter schwanken stark, je nach Branche und Auftragslage. Ein freiberuflicher IT-Fachmann kann in einem Jahr unter Umständen deutlich mehr verdienen als sein angestellter Kollege, im nächsten dafür deutlich darunter bleiben. Wichtiger sind andere Vorteile: Unabhängigkeit, auch von nervigen Chefs, und Verwirklichung der eigenen Ideen. Vor allem aber: Freiheit. In der Frage, wann man arbeitet und auch wie lange. Von dieser Freiheit profitiert momentan auch Julia Perner (Name geändert) - obwohl ihr Job nicht gerade die reine Idylle ist. Die freie Fachjournalistin für Steuerrecht hat zwei Kinder zwischen einem und drei Jahren, einen Mann, der als Berater nicht selten über 50 Stunden die Woche arbeitet, und pro Monat mindestens zwei Deadlines für größere Magazinbeiträge. Wenn sie in Ruhe schreiben muss, braucht sie einen Babysitter, der die Kinder spazieren trägt. Wenn die Kinder krank sind und ein Abgabetermin naht, bedeutet das durchgearbeitete Nächte und wenig Zeit für die Familie.Trotzdem glaubt Julia Perner an ihr Lebensmodell: "Ich bin wahnsinnig glücklich mit meinem Beruf als freie Journalistin. Ich will keinen anderen." Von ihrer Arbeit leben könnte sie ohne die Hilfe ihres Mannes nicht. Aber sie bleibt in Übung, qualifiziert sich weiter, hält Kontakte aufrecht. "Das schaffe ich nur als Freiberuflerin", ist sie überzeugt. So viel Euphorie kann nicht jeder Neu-Freiberufler aufbringen. So mancher startet mit Muffensausen in die Selbstständigkeit. Doch wer sich gut vorbereitet und informiert, hat keinen Grund, sich zu fürchten. "Jetzt, im wirtschaftlichen Aufschwung, herrschen ideale Bedingungen, um sich selbstständig zu machen", sagt Gründungsberater Andreas Lutz. Für Arno Metzler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB), ist das Freiberuflertum sogar "eine Arbeitsform mit großer Zukunft, denn Freiberufler bieten Qualifikationen, für die es Nachfrage auf dem Dienstleistungsmarkt gibt".Der eierlegende Wollmilchfreie Gerade in Sparten wie wirtschaftliche Beratung, Bildung, Gesundheitsdienstleistung, Medien, Kommunikation und besonders Technik und Naturwissenschaft profitieren Freiberufler merklich von der aktuellen Konjunktur. Und die Wirtschaft profitiert genauso von ihnen, betont Willi Oberlander vom Institut für Freie Berufe in Nürnberg: "Vorteile von freiberuflichen Selbstständigen sind ihr hohes Maß an Arbeitsdisziplin und Verantwortungsbewusstsein, eine hohe persönliche Stabilität und Neigung zur Mitarbeiterführung.""Sachverstand gesucht" - so lautet das Motto des aktuellen Arbeitsmarktes. Deshalb haben vor allem Anbieter von Spezialkenntnissen als Freiberufler die besten Chancen. So wie Sommelière Nina Randel, die Privatleute und Händler in Weinkunde unterrichtet. So wie Markus Koske, der sein Geschick mit Menschen mit seinen IT-Kenntnissen verbindet. Oder wie der Journalist Kay Auster, der sich auf Fußballberichterstattung spezialisiert hat. Was manche Auftraggeber von Freiberuflern verlangen, geht jedoch weit über deren Fachkompetenz hinaus: Eierlegende Wollmilchsäue sollen sie sein, flexibel, diszipliniert, selbstkritisch und innovativ - Charaktereigenschaften, die manche Kunden in dieser Ausprägung offenbar noch nicht mal ihren Angestellten zutrauen.Zudem sollen Freiberufler erfolgreiche (Selbst-)Marketingstrategen, Buchhalter, Kundenbetreuer und sogar ihre eigenen Steuerberater sein. Der Selbstständige als Über-Arbeiter? "Wer zu Panikattacken neigt, hat es sicherlich schwerer", weiß Verbandschef Arno Metzler, "und Schlafmützen werden auch beim besten Willen nicht über alle Maßen erfolgreich werden."
Das bedeutet aber nicht, dass Freiberufler alles alleine schaffen müssen. Wer das versucht, läuft nicht nur Gefahr sich zu verzetteln. Er ist auch schnell mit Kraft und Nerven am Ende. Das sagt Monica di Stefano nicht nur ihren Kunden, sondern auch immer wieder sich selber. Sie ist Gründungsberaterin in Wuppertal und beschäftigt in ihrer Firma Confidenza eine Festangestellte, drei Aushilfen und vier freie Mitarbeiter.