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Mobile Daten

Email am Arbeitsplatz: Der Chef liest mit

A. Dörner, K. Stricker
Nicht nur Mitarbeiter an der Kasse und im Lager werden überwacht. Auch in Branchen, deren Kapital mobile Daten sind, lesen immer häufiger Chefs die E-Mails mit. Darunter leidet oft das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Dieses Vorgehen ist nur in seltenen Fällen erlaubt.
An der Tagesordnung: die Überwachung der MitarbeiterFoto: © Cheryl Casey - Fotolia.com
Lidl ist überall. Mitarbeiter in Discountern, in Warenlagern und in der Logistik sind längst nicht die Einzigen, die überwacht werden. Gerade diejenigen, die viel im Internet und mit sensiblen Daten arbeiten, wecken die Neugier der Chefs. Gefragter als Kameras und Detektive sind hier jedoch Software-Programme und Server-Daten, die zeigen, wie die Mitarbeiter E-Mail und Internet bei der Arbeit nutzen. "Die Überwachung nimmt vor allem in den Branchen zu, deren wichtigstes Gut mobile Daten sind", sagt der Brühler Arbeitsrechtler Michael Felser. Das trifft nicht nur auf die IT-Branche zu, sondern auch auf Banken, Berater, Forschungsabteilungen und den Vertrieb.Mit solchen Überwachungen wollen Arbeitgeber zwei Dinge verhindern: Dass sensible Daten weitergegeben werden und dass der Dienstrechner zu sehr für private Zwecke genutzt wird. "Die Grenzen verlaufen hier allerdings fließend", sagt Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht und Recht der Informationsgesellschaft an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Das heißt: Das Sicherheitsinteresse der Unternehmen werde oft als Vorwand genutzt, um zu sehen, wie die Kollegen arbeiten.

Die besten Jobs von allen

Carsten Rau, Entwicklungsleiter bei der Saarbrücker Software-Firma Protectcom, rät dazu, am besten gar nichts Privates an den Bürocomputern zu machen - auch wenn es in Maßen erlaubt ist. Protectcom ist nach eigenen Angaben Marktführer für Überwachungs-Software im deutschsprachigen Raum. Mit ihr können Chefs die E-Mails ihrer Mitarbeiter nach bestimmten Schlüsselwörtern - zum Beispiel dem Namen der Konkurrenz - durchsuchen und sich abends im Zeitraffer ansehen, wer welche Internetseiten aufgerufen hat. Legal ist das auch nach Ankündigung nur in bestimmten Fällen. Doch das stört die Wenigsten. Zu Raus Kunden gehören Unternehmen von fünf bis 50000 Mitarbeitern. "Wir haben jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten. Das ist ein regelrechter Boom."Bei der Internet-Überwachung stehen die Unternehmen vor einem Dilemma. "Einerseits geht die Loyalität zwischen Chef und Mitarbeiter verloren, weil Arbeitsplätze immer unsicherer werden und man häufiger den Arbeitsplatz wechselt", sagt Arbeitsrechtler Felser. Andererseits können Firmen junge Talente kaum an sich binden, wenn ihnen ein Kontroll-Image anlastet - gerade wenn Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt schwer zu bekommen sind. Die Unternehmen geben ihren Mitarbeitern deshalb unterschiedlich viele Freiheiten. Der Chiphersteller Intel und IBM etwa betonen, dass ihre Mitarbeiter große Freiräume haben. "Die Zeiterfassung haben wir bei Intel abgeschafft. Unsere Mitarbeiter bekommen Ziele, die sie erfüllen müssen. Wie und wo sie das machen, ist nebensächlich - das heißt auch, dass privates Surfen in Maßen erlaubt ist", sagt Intel-Sprecher Mike Cato.Der Chemiekonzern Bayer dagegen hat 2005 entschieden, dass Internet und E-Mail nur noch zu geschäftlichen Zwecken genutzt werden dürfen, weil die Server zu sehr durch Privates belastet wurden. Seitdem wird sämtlicher Internetverkehr protokolliert und in Stichproben ausgewertet. In bestimmten Fällen können die Daten einige Jahre zurückreichen. Der Betriebsrat nennt einen aktuellen Fall, bei dem E-Mails seit 2001 verwertet werden.