Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Abschlussarbeit

Einmal durchs Examen, bitte!

Britta Mersch
Was tun, wenn die Abschlussarbeit ins Stocken gerät? Im Internet bieten Coachs Hilfestellung an. Die Nachfrage ist groß - viele Studenten wollen sich helfen lassen. Doch die Professoren raten ab.
Studenten suchen sich für ihre Abschlussarbeit HilfeFoto: © Quelle: Sandor Jackal - Fotolia.com
Jeder Tag ihrer Diplomarbeit war für Katja Rinke eine Qual. Ihr Thema - Marktforschung von Freizeitkleidung - hatte sie gründlich recherchiert, die ausgefüllten Fragebögen ihrer empirischen Befragung lagen vor ihr auf dem Tisch. Trotzdem bekam sie wochenlang keinen richtigen Satz aufs Papier. Und der Abgabetermin rückte näher. Panik stieg in ihr auf. "In meinem Kopf hat sich alles nur noch gedreht", sagt die junge Frau, die in Hamburg studiert hat und ihren echten Namen nicht verraten möchte. "Ich musste irgendetwas tun, sonst wäre mein ganzes Studium umsonst gewesen."Hilfe im Internet gesucht

Die besten Jobs von allen

Also ging sie ins Internet, tippte die Wörter Hilfe und Diplomarbeit in eine Suchmaschine und landete bei Daniela Weber, die in Berlin die "Diplomwerkstatt" betreibt. Das heißt: Sie bietet Studenten Unterstützung an, etwa ein Korrektorat für fertige Diplomarbeiten und auch ein Coaching für Leute, die irgendwo mitten in der Arbeit stecken bleiben: "Das kommt häufig vor", sagt Weber, "die Studenten haben Berge von Literatur oder Zahlenmaterial ausgewertet und wissen nicht, wie sie das strukturieren sollen." Daniela Weber betreut im Schnitt zehn bis 20 Studenten parallel, viele zwischen zwei und drei Monate lang. Eine Stunde Beratung kostet 48 Euro. Beim Wort Coach schrillen bei vielen Professoren die Alarmglocken.Das Problem: Sie können nicht überprüfen, wie die Hilfe genau aussieht - und ob der unsichtbare Helfer nicht doch die entscheidenden Impulse gegeben hat. "Ich möchte Studenten dringend davon abraten, ein solches Coaching in Anspruch zu nehmen", sagt Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, der die Interessen der Hochschullehrer vertritt. Jeder akademische Abschluss solle auf einer eigenständigen wissenschaftlichen Leistung beruhen, "eine Hilfestellung, für die auch noch Geld fließt, ist schlichtweg inakzeptabel".Sie verletze die Regeln der Wissenschaft. Tatsächlich versichern Diplomanden, Bachelor- und Master-Absolventen in ihrer Erklärung, dass sie die Arbeit "selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt haben". Alle Quellen, die nicht vom Autor stammen, müssen entsprechend gekennzeichnet werden. Aber die Grenze ist nicht immer eindeutig: Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts beantworten Fragen von zweifelnden Diplomanden, bei anderen lesen Freunde die Arbeiten, stellen um, denken mit.Ist es also tatsächlich so schlimm, sich von einem Coach helfen zu lassen? Es kommt darauf an, worin das Coaching besteht: "Geht es lediglich darum, Studenten die Prüfungsangst zu nehmen, ist dagegen nichts einzuwenden", sagt Andreas Scholz, Rechtsanwalt aus Konstanz, der sich unter anderem mit Prüfungsfragen beschäftigt. "Gibt aber jemand fremde Inhalte als die eigenen aus, ist das ganz klar ein Täuschungsversuch." Auf den harte Sanktionen folgen können: Neben der Aberkennung von Prüfungsleistungen und der Exmatrikulation könnten im schlimmsten Fall strafrechtliche Konsequenzen drohen, möglicherweise sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.Jagd nach PlagiatorenManuel René Theisen, BWL-Professor an der LMU München, ist seit Jahren spezialisiert auf die Jagd nach Plagiatoren. "In dem Moment, wo sich Studenten fremde Hilfe erkaufen, ist für mich die Grenze ganz deutlich überschritten", sagt Theisen. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Egal, ob Freunde bei der Literaturrecherche helfen oder das Rechenzentrum die Beschaffung von Daten übernimmt: "Solche Leistungen müssen in der Arbeit als Unterstützungsleistung deklariert werden."Dieser Meinung sind auch die Studenten, das zeigt eine StudiVZ-Umfrage von Handelsblatt Junge Karriere. "Ich hätte beim Coaching ein schlechtes Gefühl", sagt etwa Bert Szilagyi, der an der FU in Berlin für Japanstudien eingeschrieben ist. "Jeder Student sollte am Ende seiner Studienzeit in der Lage sein, selbstständig und ohne Coach eine vernünftige Arbeit zu verfassen."