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Volker Gehmlich

"Die Hochschulen werden individueller"

T. Farin, C. Parth
Volker Gehmlich ist BWL-Professor an der Fachhochschule Osnabrück. Im Interview mit Junge Karriere spricht er darüber, wie der Bologna-Prozess das BWL-Studium verändert.
Volker Gehmlich lehrt BWL an der FH OsnabrückFoto: © PR
Junge Karriere: Herr Professor Gehmlich, wird der Bologna-Prozess dazu führen, dass sich private und staatliche BWL-Studiengänge immer mehr gleichen?Volker Gehmlich: In qualitativer Hinsicht ja. Die Akkreditierung der Hochschulen führt dazu, dass die Sicherheit über die Qualität der Ausbildung steigt und vergleichbar ist. Sind Hochschulen akkreditiert, stimmen die Grundlagen. Allerdings werden die einzelnen Hochschulen, privat oder öffentlich, in den kommenden Jahren immer stärker ein individuelles Profil pflegen. Das ist für Studierende gut, denn sie können sich einen Schwerpunkt suchen, der zu ihrer Orientierung passt.

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Führt Bologna auch dazu, dass Absolventen staatlicher Hochschulen bessere Chancen in der Wirtschaft haben?Ich wage zu behaupten, dass sie auch bisher im Fach BWL sehr gut waren. Im Zuge des Bologna-Prozesses haben wir in Deutschland einen Qualitätsrahmen für Hochschulabschlüsse eingeführt - ein entsprechender Rahmen für lebensbegleitendes Lernen wird zur Zeit diskutiert - durch den deutlich wird, dass sich Hochschulen hinsichtlich der Abschlüsse stärker als bislang oft üblich auf den Arbeitsmarkt ausrichten werden. Viele staatliche Institute haben hier noch einiges zu tun, vor allem fehlt vielen Unis der statistische Überblick, wo und wie ihre Absolventen untergekommen sind.Bedeutet die steigende Transparenz auch, dass Studierende für den Master künftig mehr von privaten an staatliche Hochschulen und umgekehrt migrieren werden?Diese Entwicklung verzögert sich noch etwas, weil vor allem viele staatliche Anbieter die beiden Stufen weiterhin als Einheit ansehen – so wie früher Vordiplom und Diplom. Die Studierenden sollten sich allerdings davon frei machen. Nach dem Bachelor empfiehlt sich auf jeden Fall eine gehörige Dosis Berufspraxis, es sei denn, es wird eine rein wissenschaftliche Karriere angestrebt. Danach kann man einen Master absolvieren – an einer Hochschule, deren Profil zum jeweiligen Bewerber passt, das wird wahrscheinlich zunehmend Berufs begleitend erfolgen. Da empfiehlt es sich auch, nicht nach dem Namen der Uni selbst, sondern nach den wissenschaftlichen Leistungen im gewünschten Schwerpunkt zu schauen und höchst individuell einen Master draufzusatteln. Die Grundlagen für solche Ausbildungen sind gelegt.Hat denn Bologna die Internationalität für die Studierenden an staatlichen Unis gesteigert?Internationalität ist ein sehr umfassender Begriff, der einer detaillierten Analyse bedarf, um eine eindeutige Antwort zu geben. Wenn Internationalität nur aus dem Blickwinkel der Mobilität gesehen wird, gibt es hierzu sich zurzeit widersprechende Angaben, wir befinden uns ja inmitten des Reformprozesses. Das muss sich erst noch einpendeln. Auf alle Fälle wird sich die Qualität der Austauschstudien wesentlich verbessern, da sie mehr und mehr Bestandteil eines Studiengangs werden ("Mobilitätsfenster"). Auch ist der Austauschgedanke an staatlichen Unis bislang vielmals eher unter Persönlichkeitsbildungs- als unter fachlichen Aspekten gesehen worden. Die privaten haben dagegen oft zielgerichtete Kontakte, die fest mit den eigenen Lehrplänen abgestimmt sind. Viele staatliche Hochschulen müssen noch die Möglichkeiten erkennen, Auslandsstudien anzubieten, die ihre eigenen Lerninhalte sinnvoll ergänzen. Aber als positiven Effekt bietet Bologna natürlich die große Chance, nach einem Bachelor in Deutschland im Ausland einen Master zu absolvieren.Sie sprechen von erhöhter Transparenz und individuelleren Entscheidungen. Auf was sollten die Bewerber in der reformierten Hochschulwelt dann besonders achten?Drei Dinge: Ganz gezielt einen Studiengang ins Auge fassen, der den eigenen Neigungen entspricht -  er sollte auf jeden Fall akkreditiert sein. Dann sollten die Kandidaten an die Institution fahren, sich umschauen, mit Leuten dort sprechen, im Internet recherchieren. Bologna erhöht die Notwendigkeit zur Selbstdarstellung, dadurch kann man leichter mehr erfahren, und zwar über alle Hochschulen im "Bologna-Hochschulraum". Und wichtig sind natürlich auch die Lebensbedingungen am möglichen Studienort. Wenn ich mich unter "Schlipsträgern" unwohl fühle, werde ich an einer solchen Hochschule nicht erfolgreich studieren. Das ist eine ganz einfache Erkenntnis.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.06.2008