Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Krisenkommunikation

Der Skandal ist überall

Ferdinand Knauß, wiwo.de
Korruption, defekte Produkte, Werbepannen: Unternehmen müssen ständig auf Skandale gefasst sein. Wie sich Schaden verhindern oder zumindest begrenzen lässt. Und wann es am besten ist, erst einmal nichts zu tun.

Foto: Elnur/Fotolia.com

Der Ruf ist schnell zerstört

Als Judith von Gordon am 2. November 2011 die Vorabmeldung einer renommierten Wochenzeitung gelesen hatte, wusste sie: Vor ihr und ihren Kollegen würden stürmische Tage liegen. Für die Kommunikationschefin des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim begann nun der Ernstfall.

Angekündigt war die Publikation eines Artikels über Pradaxa – ein Blutverdünnungsmittel, das Schlaganfallpatienten das Leben erleichtern und Boehringer Ingelheim die Kasse füllen sollte. Im Artikel ist nicht nur von einem "Reinfall" die Rede, sondern auch von "unerfreulichen Nebenwirkungen" und "Todesfällen".

Begriffe, die in jedem Pharmaunternehmen die Alarmglocken klingeln lassen. Erinnerungen an Lipobay wurden wach, jenen Cholesterinsenker, den Bayer 2001 vom Markt genommen hatte, nachdem das Medikament allein in den USA mit 31 Todesfällen in Verbindung gebracht worden war.

Neben Umsatzeinbußen, sinkendem Aktienkurs und Ausgleichszahlungen an Tausende Geschädigte in Höhe von rund 1,2 Milliarden Dollar war ein drastischer Imageschaden die Folge, der bis heute Wirkung zeigt: Noch im Juni 2011, rund zehn Jahre nach Beginn des Skandals, ließ der Oberste Gerichtshof der USA eine Sammelklage gegen die Leverkusener zu.

Produkt in der Kritik

Als Boehringer-Sprecherin von Gordon von dem kritischen Pradaxa-Artikel erfährt, handelt sie sofort: Noch am Erscheinungstag der Zeitung verschickt der Konzern eine Presseerklärung, in der das Unternehmen einen Mediziner zu Wort kommen lässt.

Der bestätigt, dass der Anteil der tödlichen Blutungen bei den mit Pradaxa behandelten Patienten geringer sei als bei denjenigen, denen das bisher übliche Präparat Marcumar verschrieben worden war. "Blutverdünner können zwar Thrombosen und Schlaganfälle verhindern, bei einigen Patienten aber auch Blutungen auslösen", sagt von Gordon. "Wir gingen davon aus, dass das allgemein bekannt ist."

Eine Fehleinschätzung: In den darauffolgenden Wochen erscheinen rund 1000 kritische Artikel über Pradaxa. In Internet-Foren diskutieren verunsicherte Patienten, das Vertrauen in Produkt und Hersteller ist erschüttert: "Man muss auch bedenken", schreibt etwa Gabi99 in einem Forum von netdoktor.de, "dass die entsprechende Pharmafirma natürlich großes finanzielles Interesse hat, das möglichst viele Patienten auf Pradaxa umgestellt werden."

Trotz aller Kritik: Boehringer behält die Nerven. Über das Online-Ärzte-Forum coliquio stellen sich Fachleute von Boehringer den Fragen der Mediziner und bieten ihnen Online-Fortbildungen zur "Verträglichkeit" oder "Wirkung und Dosierung" des neuen Medikaments an. "Unsere Strategie war vollkommene Transparenz", sagt von Gordon. "Wir haben alle Daten durch Meinungsführer bewerten lassen."

Themen im Überblick

Allgemeinbildung

Aktion "Chef zu gewinnen"

Die besten Trainee-Stellen

Jobsuche + Bewerbung

Gehälter