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Arbeitnehmer

Bewährungsprobe Zeitarbeit

Anne Koschik
Wer nichts wird, wird Zeitarbeiter? Das Image hat sich gründlich gedreht, seit in Konzernen wie Airbus der Rotstift regiert und mobile Einsatzkräfte das Budget entlasten. Im Schatten der Krise entwickelt sich Zeitarbeit zur Jobmaschine für qualifizierte Fach- und Führungskräfte.
Arbeiten auf Zeit - auch Akademiker nutzen die ChanceFoto: © Udo Kroener - Fotolia.com
Zahllose Bewerbungsschreiben, zahllose Absagen - so läuft für viele die Jobsuche ab. Nicht für Andreas Langer. Mit einer Ingenieurzusatzqualifikation für Sicherheitstechnik in der Tasche bewarb sich der Diplom-Chemiker bei gerade mal zwölf Unternehmen, wurde zu vier Vorstellungsgesprächen eingeladen, schlug das erste Angebot bei RWE Systems aus, "weil wir nicht zusammengepasst hätten", und griff beim zweiten zu - ein Engineering-Job von Airbus, den ihm das Zeitarbeitsunternehmen Adecco anbot.Ausgerechnet in der krisengeschüttelten Luftfahrtbranche - und dann auch noch Zeitarbeit? "Schon beim Einstellungsgespräch vor zwei Jahren wurde mir signalisiert, dass eine direkte Einstellung bei Airbus nicht möglich sei", sagt der 33-Jährige. "Trotzdem hat mich der angebotene Job gereizt." Auch andere gut ausgebildete Fachkräfte haben auf diese Weise in der Luftfahrt angeheuert und fürchten jetzt, in Zeiten heftigster Turbulenzen um den A380, als Erste gehen zu müssen.

Die besten Jobs von allen

Die Zeitarbeitsfirmen versuchen die Panik zu bremsen. "Airbus kann auch künftig nicht auf die hoch qualifizierten Mitarbeiter verzichten", heißt es beim Personaldienstleister Adecco, der dort mehr als 200 Ingenieure und Techniker beschäftigt. Schon aus ihrem Selbstverständnis heraus hat die Zeitarbeitsbranche mit Stellenabbau kein Problem. Schließlich lebt sie vom Trend zum "atmenden" Unternehmen, das kurzfristig anfordert und wieder abbaut: "Wir müssen immer damit rechnen, dass ein Kunde sein Personal reduziert und dies zunächst unsere Mitarbeiter betrifft", sagt Ingrid Hofmann, Vizepräsidentin des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA). "Es ist tägliches Brot der Disponenten, für andere Arbeitseinsätze der Mitarbeiter zu sorgen."

Eine Million Jobs bis 2010
Ein Wandel vollzieht sich in Deutschland, das zeigen nicht nur die Luft- und Raumfahrtindustrie, sondern auch IT oder Automotive, die aus den Berg- und Talfahrten am Markt ihre Konsequenzen gezogen haben und ihr Personal vermehrt von Zeitarbeitsfirmen beziehen: Obwohl laut einer aktuellen Umfrage von Valid Research 41 Prozent der Deutschen Zeitarbeit für "nicht besonders attraktiv" halten und 15 Prozent gar für unzumutbar, boomt die Branche. Rund 4.800 Zeitarbeitsfirmen erwirtschafteten 2005 einen Umsatz von 8,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurden hier mehr Arbeitsplätze geschaffen als anderswo, stellt die Lünendonk-Marktforschung fest. Was Gewerkschaftsvertreter und Betriebsräte wie jetzt bei Infineon und Qimondo - auf die Barrikaden ruft. Sie wandten sich an den Deutschen Bundestag, weil die Erfahrung mit der Leiharbeiterquote in der Produktion zeige, dass dauerhaft Arbeitsplätze mit Leiharbeitern besetzt würden.

Die Wachstumsrate der Zeitarbeitsbranche indes steigt weiter: Für 2006 rechnet der BZA mit 20 Prozent. Bis 2010 soll die Zahl der Leiharbeiter um 400.000 auf eine Million anwachsen. Das Potenzial gibt der Markt her: So planen "in naher Zukunft" 40 Prozent der Unternehmen Neueinstellungen, wobei sie zur Hälfte auf Zeitarbeitskräfte und befristete Jobs setzen, berichtet das Ifo-Institut. "Die Wirtschaft braucht im globalen Wettbewerb die Flexibilität in der Personalplanung. Könnten die Auftragsschwankungen nicht abgefedert werden, wären bestehende Arbeitsplätze massiv in Gefahr", erklärt Thomas Reitz, Geschäftsführer von Manpower Deutschland. Ganz anders sehen das die Gewerkschafter und sprechen von "systematischer Verlagerung der festen Arbeitsverhältnisse in prekäre Arbeit mit allen ihren Nachteilen für die Beschäftigten". Die Unentschlossenheit der Politiker tut ihr Übriges: Rechtsunsicherheit über die Zukunft des Kündigungsschutzes treibt den Zeitarbeitsfirmen zusätzlich viele Unternehmen zu, die sich bei der Gelegenheit noch gerne die aufwändige, kostenintensive Rekrutierung abnehmen lassen.
Raus aus der Schmuddelecke
Da passt es den Unternehmen auch gut, dass sich die Zeitarbeit seit der Einführung der Tarifverträge durch die Branchenverbände BZA, IGZ und AMP Anfang 2004 aus der Schmuddelecke heraushangelt. Der Wegfall der Überlassungshöchstdauer von einem Jahr, der den Unmut in der Produktion erst provozierte, öffnete paradoxerweise den Zeitarbeitsmarkt gerade für Akademiker, weil allein die Einarbeitung in höher qualifizierte Jobs drei oder mehr Monate kostet. Seither wächst die Zahl der Leiharbeiter mit Hochschulabschluss rasant: Waren es 2005 gerade einmal fünf Prozent, stieg der Anteil in diesem Jahr nach Branchenschätzungen auf mehr als das Doppelte.

Heute gibt es keinen Personaler mehr, der von vornherein abwinkt, wenn ein Ex-Zeitarbeiter in seinem Unternehmen anklopft: Bewerber mit diesem Background haben die gleichen Chancen wie jeder andere Bewerber, sagen fast 58 Prozent der Personaler in einer Umfrage von karriere. Weitere 19 Prozent übernehmen gerne Zeitarbeiter, wenn sie zuvor im Unternehmen einen guten Eindruck hinterlassen haben. Kernkompetenzen wie Offenheit, Flexibilität, Lernbereitschaft und eine breite Projekterfahrung kommen in Unternehmen wie Porsche, Deutsche Bank, Adidas oder Boehringer-Ingelheim gut an. Zeitarbeit sei "für Hochschulabsolventen eine adäquate und anerkannte Einstiegsmöglichkeit geworden", sagt Albrecht Bamler von Porsche.

Brücke in die Festanstellung
Andreas Müller hat die Erfahrung Zeitarbeit bereits zweimal in seinem Leben gemacht. Der Diplom-Betriebswirt stand nach einem Controller-Traineeprogramm und befristetem Anschlussvertrag ohne Job da. Auf den Rat einer Kollegin heuerte er beim Fach- und Führungskräftevermittler DIS an und wurde in seiner dritten Einsatzstelle bei einem großen Elektronikkonzern nach nur drei Monaten übernommen. Ein Jahr blieb er in Deutschland, wechselte dann für zwei Jahre zum britischen Schwesterunternehmen nahe London und kehrte 2004 nach Deutschland zurück, um seinen Steuerberater zu machen. Als Ende 2005 das Unternehmen entschied, seine Arbeitsstelle komplett nach England zu verlegen, zog Müller nicht mit - die Weiterbildung war ihm wichtiger.

Rund 100 Bewerbungen versendete er im Stuttgarter Raum, eine schickte er auf Empfehlung seines ehemaligen Arbeitgebers auch an den Personaldienstleister Robert Half. Und der war schneller als die anderen Unternehmen: Binnen drei Wochen besorgte er Müller einen Job als Creditcontroller beim Elektrotechnik-Unternehmen Pulse, die unbefristete Übernahme steht jetzt bevor. Dass Arbeitslosigkeit für den heute 42-Jährigen "nie ein Thema" war, verdankt er seinen Leihjobs. "Die Zeitarbeitsfirmen haben mich gut beraten und bis in das Unternehmen hinein begleitet. Die Passform stimmte letztlich immer."

Die Jobchancen für Betriebswirte oder Ingenieure sind derzeit ideal (Ist auf S.2 des Artikels nachzulesen). Aber auch Geistes- und Naturwissenschaftler haben laut Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ) zusehends bessere Karten, über Verleiherfirmen einen Einstieg in die Arbeitswelt zu finden. Schwierig ist es dagegen für alle Studienrichtungen, die auf staatliche Verwaltungsberufe ausgerichtet sind, und für Sozialwissenschaftler. "Die Zeitarbeitsbranche hat überwiegend die freie Wirtschaft als Kunden", sagt Thomas Läpple vom BZA. Öffentliche Einrichtungen gehören selten zu ihrer Klientel.