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Tapetenwechsel

Beratung bei der neuen Wohnung

Christoph Stehr
Wohnst du noch oder lebst du schon? "Room Doctor" Ralph Jammers hilft Menschen, den Sprung vom Wohnen zum Leben zu schaffen.
Ein Altbau in Mönchengladbach, die Fassade ist gerade frisch gestrichen, im Treppenhaus führen Spuren von einem aufgerissenen Sack Gips in die Wohnung im ersten Stock. Auch hier Baustelle. Die Sessel kauern unter weißen Tüchern, Kabel wachsen aus der Wand. In einer Ecke lehnen Steinskulpturen, ein antiker Tisch trägt eine wunderschöne Basaltplatte. Kein Zweifel, Marcus Kuhn hat nicht vor, von der Stange zu wohnen. Der 37-jährige Bildhauer zieht mit seiner Freundin zusammen, einer Kripo-Beamtin aus Berlin. Raum für Raum wollen sie sich vornehmen, zuerst ist die Küche dran. Der Herd steht schon, ein edelstählernes Trumm, das den Genussmenschen verrät. Mit Freunden lecker kochen - so viel ist für Kuhn schon mal klar. Weniger, was sich sonst aus dem Raum herausholen lässt. Dafür hat Kuhn "Room Doctor" Ralph Jammers, 37, zur Visite gebeten: Unter diesem Namen firmiert die Wohn- und Wohlfühlberatung, die Jammers und sein Partner Frank Schwinning, 38, im Frühjahr 2006 gegründet haben

Niederschwelliges Angebot
Jammers und Schwinning sind Architekten. Als solche bauen und modernisieren sie wie Tausende ihrer Berufskollegen auch. Das Besondere ist, dass sie neben ihrem Architekturbüro, in einem gesonderten Unternehmen, Menschen helfen, den Sprung vom Wohnen zum Leben zu schaffen. Und das für relativ kleines Geld. 185 Euro kassiert ein Room Doctor für eine 90-minütige Vor-Ort-Beratung. Häuslebauern wird das wenig vorkommen, denn normalerweise rechnen Architekten nach der HOIA ab, der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure. Die reine Einrichtungsberatung, wie sie Jammers und Schwinning konzipiert haben, fällt nicht unter die HOIA, nur deshalb dürfen sie den Preis frei gestalten.

Ein Dumping-Angebot, das die Existenzgrundlage eines ohnehin gebeutelten Berufsstands weiter aushöhlt, könnte man sagen. Ebenso könnte man sagen, endlich sticht jemand ein Schlupfloch in einen regulierten Markt, der nur den Etablierten gut tut, weil der hungrige Nachwuchs draußen bleibt. Zu den Etablierten gehören Jammers und Schwinning sicher nicht. Sie tragen keine schwarzen Rollis unter schwarzem Armani-Tuch, und sie fahren nicht Porsche.

Zu seinem Termin bei Kuhn fährt Ralph Jammers in einem grünen VW-Bus mit weißem Dach, der bei der letzten Abgasuntersuchung auf einen unglaublich gnädigen TÜV-Gutachter gestoßen sein muss. Die blonden Fransenzöpfe würden sich weder mit Armani noch mit Porsche vertragen. Aber sie vertragen sich mit den billigen, unbehandelten Holzbrettern, die Jammers auf der Küchenbaustelle als Wandverschalung empfiehlt. Und sie vertragen sich mit dem Selbstverständnis der meisten Kunden, die wie Kuhn nicht geschniegelt, sondern ganz normale Leute sind: Studenten, junge Angestellte, sogar ein Rentnerehepaar, das in Gelsenkirchener Barock lebte.

Die besten Jobs von allen

Tine Wittler lässt grüßen"Schönes Wohnen ist keine Frage des Geldes", sagt Jammers. "Egal, ob das Sofa von Rolf Benz oder von Ikea ist: Hauptsache es steht an der richtigen Stelle." Das klingt ein bisschen nach Feng-Shui, und tatsächlich wird der Architekt "bei jeder zweiten Beratung" auf den asiatischen Energiefluss-Schnickschnack angesprochen. Und genauso oft auf Deko-Fachfrau Tine Wittler, die in ihrer Fernseh-Show auf RTL die Abrissbirne schwingt. Die Medienpräsenz sei Hilfe und Gefahr zugleich, sagt der Room Doctor. Hilfe, weil sich immer mehr Menschen für das Thema interessieren. Gefahr, weil sie mit Klischees überzogen werden.

Ein solches Klischee ist, dass eine Wohnung nur toll eingerichtet zu sein braucht, schon fühlt sich jedermann in ihr wohl. "Das stimmt nicht", sagt Frank Schwinning. "Ein Raum ist immer auch Ausdruck der individuellen Persönlichkeit. Deshalb muss der Room Doctor sehr sensibel vorgehen, er muss zuhören können. Wir sind Dienstleister, keine High Pots, die sich selbst verwirklichen."

Gleichwohl habe die Arbeit "etwas Therapeutisches", findet Ralph Jammers. "Als wir unser Konzept erarbeiteten, fiel oft der Begriff von der homöopathischen Architektur. Überhaupt landeten wir immer wieder bei der Medizin - wir glauben auch, dass ein Raum krank sein kann. Daher passt der Name Room Doctor und das Marketing, welches mit der medizinischen Terminologie spielt, besonders gut." Sogar einen hippokratischen Eid schwören die Room Doctors: Sie wollen niemand mit ihrem eigenen Geschmack überfahren, sie lassen sich nicht von Möbelhäusern oder Einrichtern als Vertriebstruppe einspannen, und Qualität ist keine Frage des Preises. Bloß keine Standardrezepte - oder in den Worten von Frank Schwinning: "Früher ging es bei Architekten wie bei Ärzten der alten Schule zu. Mund auf, Hose runter, Spritze rein. Das wollen wir nicht."