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Zwischen Strafraum und Scorecard

Von Daniel Schönwitz und Mitarbeit: Thomas Knüwer, Handelsblatt
IBMs ehemaliger Deutschland-Chef Erwin Staudt krempelt den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart um.
Erwin Staudt.
STUTTGART. Eigentlich hätte er an diesem Tag über das Controlling des VfB Stuttgart reden sollen. Doch beim Thema Fußball geht dem ehemaligen Deutschland-Chef von IBM schon mal der Gaul durch. Und das kommt an im Ländle. Im Juni wählten die Mitglieder des VfB ihn mit 543 zu 3 Stimmen zum ersten hauptamtlichen Präsidenten des Vereins.Vor allem seine Bodenständigkeit kommt an bei den Fans. Unkompliziert, offen, freundlich ? Staudt ist ein Typ. Davon gibt es viele im Fußballgeschäft. Doch er bringt auch Erfahrung mit. 30 Jahre lang arbeitete er bei IBM mit Stationen in Berlin und Paris. Die schwäbische Mundart ist ihm dabei nicht verloren gegangen.

Die besten Jobs von allen

Besonders stark drängt sie hervor, geht es um seinen VfB: ?Das ist hier keine Spielwiese für einige wenige Sportfreaks. Wir haben letztes Jahr 800 000 Menschen ins Stadion gelockt und 2,5 Milliarden Blickkontakte im Fernsehen generiert. Seit Juli ist die Mitgliederzahl von 7 000 auf 17 000 gestiegen.?Staudt fühlt sich wohl in seiner neuen Rolle als ?Skipper? des VfB Stuttgart. Der Unterschied zwischen der Arbeit bei IBM und beim VfB sei ?wie der zwischen Dampfer und Segelyacht: Auf dem Dampfer IBM musste man sehr langfristig steuern, beim Verein geht alles sehr viel schneller.? Seit dem Amtsantritt hat der Hobby-Jogger ein hohes Tempo vorgelegt. Er führte modernes Controlling ein, gewann neue Sponsoren wie Porsche (?911 Freunde sollt ihr sein?).?Staudt kann Menschen für etwas begeistern?, sagt Thomas Mickeleit, der als Kommunikationschef von IBM Deutschland fünf Jahre eng mit dem VfB-Präsidenten zusammengearbeitet hat. ?Er ist ein echter Motivator.? Peter Horvath, mit dessen Unternehmensberatung der VfB das Controlling modernisiert hat, urteilt: ?Staudt ist ein optimaler Verkäufer seines Anliegens.?Sein Traum: ein schwäbischer FC Bayern München, mit professionellen Strukturen und Rückhalt in ganz Baden-Württemberg. ?Der Großraum Stuttgart ist eine der wirtschaftsstärksten Regionen der Welt, inclusive Manchester?, ist Staudt überzeugt. Diese Wirtschaftskraft will er anzapfen: Für die Auslagerung der Profi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft sucht er Partner, die ?10 bis 15 Prozent der Anteile? übernehmen. Doch trotz ansässiger Großkonzerne wie Daimler-Chrysler zieht sich die Suche hin, Ausrüster Puma winkte bereits ab.Es herrsche derzeit großes Misstrauen gegenüber neuen Geschäftsmodellen, berichtet Staudt. ?Ich muss viel Vertrauensarbeit leisten.? Dabei greift er auf einen reichen Erfahrungsschatz zurück: ?Am meisten hilft mir, dass ich 30 Jahre gelernt habe, wie man verhandelt.? Ebenfalls hilfreich dürfte die ?hohe soziale Intelligenz? sein, die ihm Ex-Mitarbeiter Mickeleit bescheinigt.Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber IBM, zu dem er 1973 nach bestandenem Diplom ging, fühlt sich Staudt noch immer verbunden. Als jüngst bei einem Vortrag der Laptop zickte, rümpfte er kritisch die Nase. ?Der ist von HP, das sehe ich direkt.?Er sehne sich ?kolossal? nach Vertrautem, sagt der gebürtige Leonberger. ?Und wenn ich das nicht finde, versuche ich es aufzubauen.? So hat Staudt Vokabular und Methoden von IBM mit zum VfB genommen. Trainer Felix Magath bezeichnet er als ?Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung?. Und er fordert, dass der VfB wie ein Industrieunternehmen fünf bis zehn Prozent des Umsatzes für ?neue Produkte? ausgibt. ?Wir müssen in Personal investieren, das heute zwölf oder dreizehn Jahre alt ist.?Da passt es, dass er zusammen mit Horvath das erste Balanced- Scorecard-Modell für Fußballvereine entwarf. Das hat nicht nur Freunde. Bayern-Manager Uli Hoeneß meint: ?Mir sind da zu viele englische Begriffe drin. Mein Lateinlehrer hat immer gesagt: Dafür gibt?s auch ein gutes deutsches Wort.? Generell begrüßt Hoeneß, dass Manager aus der Wirtschaft in den Sport wechseln: ?Das ist sicherlich ein richtiger Schritt, wenn man einen hat, der nicht nur in der Wirtschaft Ahnung hat, sondern auch den Fußball liebt und ihn kennt. Andersherum finde ich es zwar besser ? aber es ist auch ein Weg.?Staudt habe schon zu IBM-Zeiten klare Strategien vorgegeben, erzählt Mickeleit. ?Er ist keiner, der sich tief in die Akten wühlt und mit kleinkarierten Zwischenschritten nervt.? Diesen Arbeitsstil pflegt Staudt auch beim VfB. Eine seiner wichtigsten Vorgaben: Fortsetzung der erfolgreichen Jugendarbeit, auf die der Vater von drei Kindern besonders stolz ist. ?Wir haben als Erste auf die Jugend gesetzt, jetzt tauchen überall 18-Jährige auf.?Der ehemalige Linksaußen und Vorsitzende des TSV Eltingen hat trotz des Manager-Stresses sein liebstes Hobby immer im Auge behalten. ?Ich war in den letzten 40 Jahren regelmäßig im Stadion, mir ist nichts entgangen?, sagt Staudt. Er sei zu einem Unternehmen gekommen, wo er ?von 80 Prozent der Angestellten Schuhgröße und Spitznamen kannte?, schmunzelt er. Deshalb sei es ein ?glücklicher Zufall? gewesen, dass VfB-Aufsichtsrat Dieter Hundt angerufen habe, als es um die Besetzung des Präsidentenpostens ging.Nach seinem Ausstieg bei IBM wollte Jazz-Fan Staudt ?irgendetwas im kulturnahen Bereich? machen. ?Ich hätte mir auch vorstellen können, ein Theater oder ein Orchester zu managen?, sagt er. Glücklicher als jetzt wäre der Kulturliebhaber aber wohl nicht geworden. Sein Job macht ihm Spaß ? und er bekommt auch noch Geld dafür. Lächelnd sagt Staudt: ?Die Arbeit beim VfB Stuttgart deckt sich weitgehend mit meiner ureigensten Interessenlage.?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2004