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Zwischen Spätzle und Deichselbohrer

Von Wolfgang Gillmann
Am Freitag bekommt der VDMA einen bodenständigen Präsidenten: Leitz-Chef Dieter Brucklacher
OBERKOCHEN. Und bodenständig ist auch der Unternehmer Dieter Brucklacher, Geschäftsführender Gesellschafter der Leitz GmbH & Co. KG aus Oberkochen. Hier wurde er geboren, hierher ist er nach dem Physikstudium und der Arbeit am Kernforschungszentrum Karlsruhe zurückgekehrt, um die Firma seiner Frau zu führen.Künftig wird er häufiger nach Frankfurt zur Zentrale des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) reisen, denn ab Freitag ist er dessen Präsident.

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Brucklacher ist ein echter Mittelständler, wie sie für den deutschen Maschinenbau so typisch sind. Seine Unternehmensgruppe, ein Verband von Firmen, die Werkzeuge für die Bearbeitung von Holz, Metall und Kunststoff herstellen ? und nichts mit anderen Leitz-Firmen zu tun hat ?, entstand 1876 und wird heute in der vierten Generation geführt. Aus der Werkstatt für Handbohrer, Hobelmesser und Beile ist eine Gruppe mit einem Umsatz von 540 Millionen Euro und 6 300 Beschäftigten in 30 Ländern entstanden. Sie umfasst rund 80 Firmen ? die genaue Zahl muss der Chef selbst erst erfragen.Wie viele andere produziert Brucklacher auch im Ausland ? aber bisher nicht wegen der hohen deutschen Löhne. ?1961 gründeten wir das Werk in Riedau in Österreich, um die Zollschranken der Efta zu überwinden und aus dem neutralen Österreich besser in die damaligen Comecon-Länder liefern zu können?, sagt er. Das Werk im Südtiroler Lana sollte die früher zahlreichen Sperrungen des Brenners umgehen. Eine Fabrik in China könnte eine Art verlängerte Werkbank werden.Doch Brucklacher steht zum Standort Oberkochen. ?Mir ist es eine innere Pflicht, für Beschäftigung hier zu sorgen. Als Unternehmer ist es unsere oberste Aufgabe, das Problem Arbeitslosigkeit anzugehen.? Deshalb will er sich als VDMA-Präsident für die richtigen Rahmenbedingungen einsetzen.Im Stammwerk geht er mit gutem Beispiel voran. Dort habe es seit 30 Jahren keine betriebsbedingten Kündigungen mehr gegeben, bestätigt Betriebsrat Reiner Kopp. ?Er lässt die Beschäftigten in schlechten Zeiten lieber andere Arbeiten wie Renovierungen machen, statt sie zu entlassen oder Kurzarbeit zu beantragen?, sagt Kopp. ?Er verhandelt hart, sucht aber stets den Dialog, ein Vollblutunternehmer.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:Dabei hatte Brucklacher eigentlich gar nicht vor, zu den ?Bohrerspitzern? zu gehen, wie die Holzhandwerker in Oberkochen heißen. Nach dem Physikstudium arbeitet er von 1966 bis 1974 am Kernforschungszentrum Karlsruhe. ?Aus Pflichterfüllung? steigt der junge Wissenschaftler in die Firma seiner Frau ein, einer Urenkelin des Firmengründers Albert Leitz ? und promoviert noch in Maschinenbau.Auch bei seinem Engagement im Verband spielt Pflichterfüllung eine Rolle. ?Man muss sich engagieren?, sagt Brucklacher. Seit 1997 ist er Vorsitzender des VDMA Baden-Württemberg, seit Oktober 2001 einer von zwei Vizepräsidenten des VDMA und bald Präsident.Um für diese Arbeit den Rücken frei zu haben, will er sich im nächsten Jahr aus dem operativen Geschäft auf eine Art Aufsichtsratsposten zurückziehen. Für die beiden Kerngeschäfte der Gruppe, Werkzeuge für die Holzbearbeitung und für die Metallbearbeitung, hat er bereits zwei familienfremde Geschäftsführer ausgeguckt, aber noch nicht benannt. Seine Tochter begeistert sich mehr für die Juristerei.Eine Arbeit als Politiker kann sich Brucklacher nicht vorstellen. ?Er ist ein struktureller Liberaler und hat sehr klare Vorstellungen?, schätzen ihn Vertraute ein. Die öffentliche Selbstdarstellung ist seine Sache aber nicht, Talkshows meidet er. Auch ein großer Redner ist der untersetzte Schwabe nicht. Doch wenn er, etwas stockend, über seine Firma spricht und die Hände dabei aneinander reibt oder über die Verpflichtung gegenüber seiner Heimat Ostalb referiert ? dann kann er fast nicht aufhören.Seine hohe Identifikation mit der Region, die manche wegen des rauen Klimas ?Schwäbisch-Sibirien? nennen, bescheinigt ihm auch Roland Hamm, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Aalen. Für Brucklacher kommt eine Verlagerung von Wohnsitz oder der Firma aus Steuergründen nicht in Frage, wie es Diether Klingelnberg getan hat, sein Vorgänger beim VDMA: ?Ich fühle mich hier zu Hause und zahle hier meine Steuern.?Sein hohes soziales Engagement verschweigt er am liebsten. Karl-Heinz Böhm gehört zu seinen Freunden, dessen Projekte unterstützt er kräftig. An Künstler vergibt er Aufträge, doch er präsentiert die Werke nicht in der Firma. Dafür ist sein eigenes Haus gut mit Kunstwerken bestückt, heißt es. In seinem großen Büro dominieren freie weiße Wände und helle Holzmöbel. Lediglich zwei alte Deichselbohrer hängen gleich beim Eingang an der Wand. Er hat sie beim Aufräumen gefunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.10.2004