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Zwischen Schiff und Schreibtisch

Von Oliver Stock
Ernesto Bertarelli verkauft Serono nach Deutschland und entzaubert damit den Mythos um sich selbst.
GENF. So haben ihn bislang nur seine engen Weggefährten gekannt: Ernesto Bertarelli, der Strahlemann, schlägt leise Töne an, als er vom Verkauf seines Unternehmens Serono an den deutschen Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck erzählt. Es sei fast so, als wenn zwei Hälften in seinem Kopf sich stritten: Die rationale Seite wisse, dass der Deal mit Merck eine gute Sache sei. ?Die emotionale Hälfte aber registriert Momente der Traurigkeit?, sagt er und macht eine längere Pause als sonst. Verabschiedet sich pünktlich zu seinem 40. Geburtstag da gerade die Galionsfigur der Jungunternehmer?Bertarelli hat viel Glück gehabt in seinem Leben. Er hat eine attraktive Frau, mit der zusammen er sich bei Nobelanlässen im Smoking mit strahlendem Lächeln ablichten lässt. Er ist Milliardär, wobei er bisher ganz im Sinne wohlverstandener Tradition das ererbte Vermögen vermehrt hat. Er leitet Serono, das größte europäische Biotechnologieunternehmen, besaß es auch mehrheitlich, bevor er es jetzt an die Deutschen verkauft. Und er ist Navigator und Besitzer der ?Alinghi?, jener Segeljacht, deren Crew 2003 nach 150 Jahren zum ersten Mal den America?s Cup nach Europa geholt hat ? in die meerfreie Schweiz. Die Doppelbegabung ? Sportler und Unternehmer ? verleitet zu Metaphern: ?Bertarelli ist auf Kurs? lautete lange eine der beliebtesten.

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Seit einiger Zeit ist es jedoch mit der Eindeutigkeit der Bildersprache vorbei. Erst trennt sich der Alinghi-Eigner von seinem erfolgreichsten Segler im Streit. Dann gerät sein Unternehmen in schwere See: Serono schreibt im Jahr 2005 einen Verlust. Der kommt zwar nicht unerwartet, verhagelt aber doch die Stimmung. Grund für die roten Zahlen sind unseriöse Verkaufspraktiken von Serono in den USA, die so gar nicht zum Image des Saubermanns Bertarelli passen. Sie sind aufgeflogen und haben Strafen nach sich gezogen. Zu allem Überfluss zeigt der Trend für das wichtigste Serono-Medikament langfristig eher nach unten. Was den Hauptumsatzträger einmal ersetzen soll, ist nicht wirklich abzusehen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sonnyboy und Tausendsassa mit italienischen WurzelnUnschön ist schließlich, dass Bertarelli, der Sonnyboy und Tausendsassa mit den italienischen Wurzeln, zwischenzeitlich versucht, sein Unternehmen loszuwerden, aber keinen Käufer findet. So etwas hebt nicht die Stimmung ? weder bei den Aktionären noch bei den Mitarbeitern.In diesem Frühjahr geht er in die Offensive, erklärt alle Verkaufsbemühungen für beendet und will stattdessen selbst als Käufer anderer Unternehmen auftreten. Gestern nun macht er wieder eine Halse. Mit Kurshalten hat das nichts mehr zu tun. Dabei verlief vorher alles so glatt. Ernesto kommt 1965 als Spross eines Industriellen-Clans zur Welt. In den siebziger Jahren zieht Vater Fabio mit Geschäft und Familie an den Genfer See. Dort verfällt der Sohn dem Segelsport. Erste Erfahrungen sammelt er auf dem Lac Leman. Doch schon bald wird ihm das Binnengewässer zu eng. ?Beim ersten Törn auf hoher See machte ich mir fast in die Hose?, erinnert sich Bertarelli und strahlt. ?Aber ich wurde süchtig. Sofort.?Von nun an pendelt er zwischen Schiff und Schreibtisch, zwischen Ruder und Rendite. Denn er soll einmal den Betrieb übernehmen. Er besucht ein College in Boston, erwirbt den MBA in Harvard. Mit zwanzig steigt er ins Geschäft ein. Der zwangsläufige Weg an die Spitze wird durch den Krebstod Fabio Bertarellis beschleunigt ? der erste Schlag, den Ernesto Bertarelli zur Chance ummünzt.Er ist es fortan, der 62 Prozent des Kapitals und 76 Prozent der Stimmrechte bei Serono hält. ?Mein Vater hat mich schon früh in die Geheimnisse des Unternehmens und die faszinierende Welt der Biotechnologie eingeweiht?, sagt der Junior über den Senior. Unter dem talentierten Nachkommen steigt Serono in die Top-Liga der Biotechunternehmen auf. Seine eigene Familie gründet der galante Frauenschwarm mit dem Model Kirsty, die Tochter ist der Stolz des beneideten Paars. ?Ein Kind zu haben ist so ein riesiges Glück, dass ich jetzt die Verzweiflung der Leute begreife, die keine Kinder bekommen können?, lässt Bertarelli ausrichten, während Serono Medikamente gegen Unfruchtbarkeit entwickelt.Weiter scheint ihm fast alles zu gelingen. Selbst die Frage, wie denn sein Weltunternehmen über die Runden kommt, während er im Pazifik einem Pokal nachjagt, beantwortet er ganz souverän. ?Meine Priorität ist meine Firma.? Sein Führungsstil: Verantwortung auf viele Schultern laden. ?Meine Leute wissen genau, was zu tun ist, auch wenn ich nicht da bin?, sagt er. Doch dann kommt der Börsencrash und Bertarelli darf sich nicht mehr als der reichste Mann der Schweiz fühlen. Die Hälfte seines Vermögens ist vernichtet. Statt 13 bis 14 Milliarden Franken schätzten Insider sein Vermögen nach dem Crash im Jahr 2003 ?nur? noch auf sieben bis acht Milliarden. Kümmert es ihn?Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Das Leben ist zu kurz, um sich mit Enttäuschungen aufzuhalten??Das Leben ist zu kurz, um sich mit Enttäuschungen aufzuhalten?, sagt der Sportsmann mit der sanften Stimme. ?Es ist das Beste, die Seite umzuschlagen und nach vorne zu gucken.? Die geschmeidigen Antworten helfen im wirklichen Leben jedoch nur bedingt weiter. Mit Blick auf die Strategie bei Serono reden Analysten immer öfter vom ?schlingernden Schiff?. Bertarelli, dem seine Mitarbeiter ansonsten ein hohes Gute-Laune-Potenzial bescheinigen, gehen diese Vergleiche mit der Segelei zunehmend auf die Nerven: ?Das Management eines Biotechunternehmens ist sehr viel komplexer als das Segeln?, schimpft er. Wenn es denn schon sein müsse, würde er sich auf folgende Parallele einlassen: Beim Segeln der Alinghi und Führen von Serono seien ?Einzelpersonen mit viel Talent gefordert, die aber effizient als Team zusammenarbeiten müssen?.Der Haken auch bei dieser Feststellung ist, dass sie inzwischen von der Wirklichkeit überholt wurde. Weder das ursprüngliche Alinghi-Team noch das Engagement Bertarellis bei Serono haben Bestand. Bei den Vorbereitungen für den nächsten Cup zerstreiten sich der Milliardär vom Genfer See und die Segellegende Russell Coutts. Bei Serono steigt Bertarelli jetzt aus, nachdem die Pipeline des Unternehmens bedenklich dünn geworden ist ? nach Glückssträhne sieht das gerade nicht mehr aus.


ERNESTO BERTARELLI
1965
Er wird am 22. September in Rom geboren. Dann zieht der Spross eines Industriellen-Clans mit seinen Eltern an den Genfer See. Heute ist er Schweizer. Er macht nach dem Besuch des Babson College in Boston seinen MBA in Harvard.

1985
Er startet seine Karriere beim Biotechnologiekonzern Serono.

1990
Er wird Deputy Chief Executive Officer von Serono.

1996
Er steigt zum Chief Executive Officer (CEO) des Konzerns auf. Er ist außerdem Mitglied im Verwaltungsrat des Schweizer Finanzkonzerns UBS und der Bertarelli Foundation sowie Chairman der Alinghi Holdings und des Teams Alinghi im Segelrennsport.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.09.2006