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Zwischen Puja und Pepsi

Von Matthias Eberle
Wie haben es internationale Top-Managerinnen nach ganz oben geschafft? Was raten sie Frauen, die Karriere machen wollen? Ab heute jeden Tag exklusiv die Porträts im Handelsblatt. Zum Auftakt: Pepsico-Chefin Indra Nooyi. Jene Frau, deren strenge Mutter Shantha einst am Küchentisch in Madras predigte, Geld sei die Wurzel allen Übels.
Pepsico-Chefin Indra Nooyi. Bild: www.bachmann-illustration.de
NEW YORK. Bill Gates, lange Zeit reichster Mann auf dem Globus, philosophiert im offenen weißen Hemd über das Weltheil ? und Indra Nooyi moderiert: ausgerechnet jene Frau, deren strenge Mutter Shantha einst am Küchentisch in Madras predigte, Geld sei die Wurzel allen Übels.Es ist ein ziemlich verrückter Moment in einem ziemlich verrückten Leben, das Indra Krishnamurthy Nooyi bis ins tief verschneite Davos geführt hat. Als Emigrantin und ?arme indische Studentin? (O-Ton Indra Nooyi) ist sie im Alter von 22 Jahren in die USA ausgewandert und hat mit Fleiß und unstillbarem Wissensdurst schnell Karriere gemacht. Im Oktober 2006 erreicht sie den ersten Gipfel und wird Vorstandschefin von Pepsico, einem US-Lebensmittelkonzern mit 35 Milliarden Dollar Umsatz, 168 000 Mitarbeitern und dem Markenprodukt Pepsi, das zu den weltweit bekanntesten Erfrischungsgetränken gehört. Das US-Magazin ?Forbes? wählte sie im Vorjahr auf Platz fünf seiner Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt ? unweit hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Außenministerin Condoleezza Rice.

Die besten Jobs von allen

Anfangs, als Indra Nooyi die Podiumsgäste auf dem Weltwirtschaftsforum der Reihe nach vorstellt, wackelt ihre Stimme. Schnell aber weicht die Nervosität, sie legt die Arme auf den Lehnen des sandfarbenen Ledersessels ab und blickt Bill Gates mit entschlossenem Blick an: ?Ich habe nicht vor, grimmig zu werden, aber ich möchte, dass Sie eines wissen: Dies hier ist MEIN Küchentisch.? Mit anderen Worten: Wer in Davos wie lange reden darf, das bestimmt die kesse Moderatorin mit dem mausgrauen Hosenanzug und dem roten Schal.Sie streift kurz mit der rechten Hand durch ihr dichtes, pechschwarzes Haar, weil sie unsicher ist, wie die Reaktion des Publikums ausfallen wird. Als sie ein Raunen im Saal hört, ein fröhliches Raunen, huscht ein erstes Lächeln über ihre Lippen. Die Pointe ist angekommen, und sie passt zu Indra Nooyi.?Niemand, den ich bisher getroffen habe, kann so hart rangehen wie Indra, aber sie macht es stets mit einem Sinn für Herzlichkeit und Humor?, schwärmt einer ihrer Mentoren, der frühere Pepsico-Konzernchef Roger Enrico.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine ?brillante Strategin und absolute Ausnahmeerscheinung?Carl Stern hat Indra Nooyis erste Karrierestation bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) miterlebt und über Jahre mit ihr zusammengearbeitet. Der heutige Chairman aus dem Chicago-Büro der Beratungsfirma bezeichnet sie als ?brillante Strategin und absolute Ausnahmeerscheinung?. Sie arbeite sich innerhalb kurzer Zeit in kleinste Details ein und sei doch jederzeit in der Lage, auf das große Bild umzuschalten: ?Das ist eine sehr seltene Qualität unter Managern.? Stern erinnert sich an ein BCG-Mandat für einen brasilianischen Orangensafthersteller in den 80er-Jahren: Als externe Beraterin habe Nooyi dort ?nach sechs Monaten mehr gewusst als jeder andere in der Firma?.Ihre Wissbegierde verblüffte später auch die Belegschaft bei Motorola: Während ihrer Zeit bei dem Telekomkonzern engagierte die junge Strategiechefin nach der Arbeit spätabends einen Technikexperten, um zu Hause Fachbegriffe zu pauken und möglichst rasch mit der eigenen Sprache der Systemingenieure mithalten zu können. ?Diese Intensität ist wohl einzigartig?, sagt Stern. Nooyi weiß, dass sie nach dieser Ochsentour als Vorzeigefigur für den amerikanischen Traum steht, für die Chance, es selbst als große Außenseiterin ganz nach oben schaffen zu können. ?Emigrantin, Farbige und Frau: drei Treffer gegen dich?, hat sie mal gesagt. Frauen müssten im Job mehr arbeiten und besser sein als Männer ? auch das ist eine ihrer Überzeugungen, die sie auf Heimatbesuchen in Indien schon mal gerne nach außen trägt.Mit kecken Sprüchen wie diesen lugt Indra Nooyi heraus aus der Riege jener Managerinnen, die in Nordamerika so viele Chefposten besetzen wie in keinem anderen Land. Die gebürtige Inderin ist bereits die zwölfte weibliche Kraft unter den 500 größten US-Konzernen, die auf ihrer Visitenkarte den Titel ?Chief Executive Officer? führt.Doch Nooyis Profil ist einzigartig. Während andere erfolgreiche Businessfrauen, etwa Kraft-Vorstandschefin Irene Rosenfeld oder die resolute Xerox-Saniererin Anne Mulcahy, vor allem für ihre Unternehmen stehen, hat Indra Nooyi mehr als nur Pepsico im Sinn. Die Ehefrau eines indischstämmigen Unternehmensberaters und Mutter von zwei Töchtern (die ältere arbeitet im Wahlkampfteam von Hillary Clinton) hat stets das große Bild, den Globus, vor Augen.Weggefährten führen Nooyis Weltblick auch darauf zurück, dass sie in einem Schwellenland aufwuchs, in einem völlig anderen Kulturkreis Karriere machte und nun einem dritten Kontinent (Afrika) auf die Beine helfen will. Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums ruft sie ins Gedächtnis, dass in Afrika jedes sechste Kind seinen fünften Geburtstag nicht erlebt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Lebenslauf: eine stete Gratwanderung zwischen Amerika und OrientErfolgreiche Gesellschaften seien aber die Voraussetzung dafür, dass auch Unternehmen erfolgreich sein könnten: ?Also: Beteiligt euch und handelt!? Themen wie Wassernotstand und andere Leiden der Dritten Welt verkauft sie in Davos überzeugend. Aber wie passt es zusammen, dass sie bei Pepsico ansonsten weitgehend Cola, Kartoffelchips und anderen Konsum verkauft? Nooyi sei ?hochintelligent, authentisch und pragmatisch?, sagt BCG-Berater Martin Koehler, der einst in ihrem Team arbeitete. Auch dem einstigen US-Topmanager Jack Welch fiel das Talent frühzeitig auf: Er bot Indra Nooyi 1994 einen Job beim Industrie-Riesen General Electric an, doch die entschied sich für ein kleineres Unternehmen, für den direkteren Zugriff auf die Renovierarbeiten bei Pepsico.Was der ehrgeizigen Managerin darüber hinaus weltweit Aufmerksamkeit sichert, ist ihr höchst ungewöhnlicher Lebenslauf, bis heute eine stete Gratwanderung zwischen Amerika und Orient: Sie ist eiserner Fan des Baseball-Teams New York Yankees, doch zu Hause im Nobelort Greenwich, Connecticut, läuft meist indische Musik (Carnatic music). In einem Meditationsraum ihres Hauses, dem Puja, brennen stetig Kerzen. Kulturelle Unterschiede zwischen den Gepflogenheiten der US-Manager und einer gläubigen Hindu-Frau, die ihren tief verwurzelten Familiensinn als wesentliche Stärke ausmacht, versucht sie gar nicht erst zu verstecken ? im Gegenteil: Sie trägt dieses Anderssein nach außen, seit sie sich vor mehr als 20 Jahren bei Boston Consulting im Sari bewarb und den Job bekam. Pepsico-Mitarbeiter sehen sie bis heute öfter in traditioneller indischer Kleidung als in Designermode, obwohl der Stil eher zum Salär einer Konzernchefin passen würde: ?Never hide what makes you?, heißt Nooyis Credo: ?Verstecke niemals, was dich ausmacht.?Auf diese Weise tastet sie sich regelmäßig an die Grenzen des westlichen Geschmacks heran, etwa wenn sie im New Yorker Sommer schon mal barfuß durch das Pepsico-Hauptquartier läuft oder auf den Fluren Lieder singt. Ex-Konzernchef Roger Enrico schenkte sie zum Abschied aus der Firma eine Karaoke-Maschine.Risikofrei ist der eigenwillige Stil nicht: Vor knapp drei Jahren hielt sie vor Studenten der Columbia University eine kurzweilige, überaus kreative Rede und verglich die Welt dabei mit einer Hand: Nordamerika sei der Mittelfinger, der aufgrund seiner Länge und als zentrales Verbindungselement herausrage, aber ? ?in unangemessener Weise gebraucht? ? auch Ärger verursachen könne. Der Aufschrei in konservativen Internetforen war groß, eine Entschuldigung musste her: Alles nur ein Missverständnis, teilte Pepsico mit, natürlich liebe Frau Nooyi die Vereinigten Staaten ? und zwar ?innig?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der Premierminister sitzt nur da und lauschtVerbiegen lässt sich die eigenwillige Chefin deshalb nicht: Auf der Bühne in Davos hat sie eben noch charmant mit dem britischen Premierminister Brown geplaudert. Im nächsten Moment zeigt sie den Herren, wo es langgehen soll. Es geht um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, um gemeinsame Initiativen mit der Politik: ?Wir hassen solche öffentlichen Projekte, sie frustrieren uns?, sagt Nooyi. ?Wir wollen nicht mit zig Ebenen sprechen. Wir wollen immer die absolute Kontrolle über Projekte, bei denen wir mitmachen?, wirft sie Brown mit ihrer nun kraftvollen Stimme zu.Der Premierminister sitzt nur da und lauscht. Wird er kontern? Fehlanzeige!Den Pepsico-Aktionär stören Nooyis regelmäßige Ausflüge in die große Politik nicht. Seit die frühere Unternehmensberaterin vor mehr als sieben Jahren als Finanzchefin in den Konzernvorstand aufrückte, hat sich der Nettogewinn des Konzerns auf zuletzt 5,6 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Der Börsenwert kletterte in einem fast wie an der Schnur gezogenen Aufwärtstrend über die Marke von 100 Milliarden Dollar. Es gibt Anlass, angesichts des Konjunktureinbruchs in den USA auch für Pepsico trübere Zeiten zu erwarten. Nooyi zerstreute sie in der Vorwoche: Trotz der Wolken am Himmel und bedrohlich steigenden Rohstoffkosten hat sie ihren Aktionären für 2008 zehn Prozent Gewinnwachstum und ein Umsatzplus zwischen drei und fünf Prozent in Aussicht gestellt. Die Börse applaudierte.Die Wall Street rechnet der Managerin hoch an, dass sie das Sortiment des Konzerns im Laufe der Jahre kräftig umgeräumt hat: Heute verkauft Pepsico auf Nooyis Drängen hin weniger Cola und Fast Food, dafür haben Wasser, Säfte und Haferflocken Hochkonjunktur. Sie war treibende Kraft bei den Übernahmen von Quaker Oats und Tropicana ? eine Strategie, mit der die Firma aus Purchase unweit von New York City an dem einst übermächtigen Rivalen Coca-Cola vorbeizog. Pepsico sei inzwischen ?eine der besseren Firmen auf der Welt?, sagt Nooyi nüchtern.Da ist er wieder, der globale Blick, der sie ganz nach oben und Pepsi weit nach vorn gebracht hat: Der lange US-zentrierte Konzern blickt unter Nooyi schon mal bis in ein Städtchen namens Vevey im Schweizer Kanton Waadt: Nach US-Medienberichten haben der Lebensmittel-Riese Nestlé und Pepsico vor einem Jahr über eine Fusion beraten. Auch Frankreichs Sahnestück Danone wird regelmäßig als Übernahmekandidat für Pepsico gehandelt. Die Botschaften sind eindeutig: Frau Nooyi dreht an den großen Rädern, nicht nur in der Lebensmittelindustrie.Von Vevey bis Davos sind es kaum 350 Kilometer: ?Wir können Millionen von Leben retten und das Leben von Milliarden Menschen verbessern?, sagt Nooyi beim Weltwirtschaftsforum. Und mit einem Mal wirkt ihr Konzern Pepsico mit 35 Milliarden Dollar Umsatz so winzig klein.Mitarbeit: Jens Koenen, Frankfurt
Dieser Artikel ist erschienen am 11.02.2008