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Zwischen Profit und Moral

Von Axel Höpner
Heinrich von Pierer wehrt sich, will keine Verantwortung für den Schmiergeldskandal bei Siemens übernehmen. Dabei wird die Luft immer dünner für den Mann, der lange "everybody's darling" war. Nun drohen ihm Schadensersatzforderungen. Doch schon jetzt ist der Fall Heinrich von Pierer die Geschichte eines Sturzes, wie es ihn kaum vorher in der deutschen Wirtschaft gegeben hat.
Heinrich von Pierer droht die Schmiergeldaffäre einzuholen. Archivfoto: dpa
MÜNCHEN. Der 27. Januar 2005 soll sein großer Tag werden. Heinrich von Pierer steht in dunklem Anzug mit orange-rot gestreifter Krawatte, den Scheitel akkurat gekämmt, hinter dem Stehpult in der Münchener Olympiahalle. Wo sonst Rockstars auftreten, will "Mr. Siemens" zum letzten Mal als Vorstandsvorsitzender sprechen.Die 12 000 Aktionäre sind guter Stimmung. Pierer verkündet einen Gewinnsprung. Die Aktionärsschützer werden ihn gleich loben und seinen direkten Wechsel auf den Chefsessel im Aufsichtsrat gutheißen.

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Doch auf dem Zenit seiner Macht hat Heinrich von Pierer wohl eine Vorahnung. Seine Stimmung ist an seinem Jubeltag zeitweise ungewöhnlich düster. Das liegt nicht nur an den Problemen in der Handysparte, die er seinem Nachfolger Klaus Kleinfeld hinterlassen wird.Nein, etwas anderes bedrückt ihn. Gegen Ende seiner Rede lässt er es heraus - damals von den meisten kaum beachtet. Da spricht Pierer kurz über die moralische Verantwortung und Corporate Governance. "Ich möchte offen bekennen, dass ich in der Beziehung mit der Bilanz, die ich am Ende meiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender ziehe, nicht 100-prozentig zufrieden bin", sagt der scheidende Chef in traurigem Ton. "Es hat Vorgänge gegeben, Gott sei Dank nur einige wenige, bei denen Mitarbeiter ganz eindeutig gegen unsere Vorschriften verstoßen haben." Man werde nicht lockerlassen, um die Probleme "mit Stumpf und Stiel auszumerzen". Von den Aktionären gibt es einen kurzen Zwischenapplaus.Heute ist klar: Es waren nicht nur einige wenige, die in Schmiergeldzahlungen im Ausland verstrickt waren. Das Ganze hat sich zu einem 1,3-Milliarden-Euro-Skandal entwickelt, an dem viele beteiligt waren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Zwischenbericht zur Siemens-Affäre Unklar ist aber, ob auch Pierer zu ihnen gehörte. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit einen Berg von Unterlagen, die Pierers Anwalt Sven Thomas ihr überreicht hat. Noch in dieser Woche könnte die Behörde entscheiden, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen den 67-Jährigen eröffnet. Der Konzern selbst will in dieser Woche über den Stand seiner internen Untersuchungen berichten: Heute trifft sich der Compliance-Ausschuss, morgen der komplette Aufsichtsrat. Spätestens am Mittwoch will Siemens bei Vorlage der Quartalszahlen einen Zwischenbericht zu der Affäre vorlegen. Da dürften auch Schadensersatzforderungen gegen Pierer & Co eine Rolle spielen.Schon jetzt ist der Fall Pierer die Geschichte eines Sturzes, wie es ihn kaum vorher in der deutschen Wirtschaft gegeben hat. Es ist der Sturz eines der angesehensten Topmanager Deutschlands, einer Institution, die sich öffentlich zu aktuellen Fragen äußerte als Referent oder als Buchautor ("Zwischen Profit und Moral") und deren Rat bei den Großen aus Wirtschaft und Politik gefragt war.Es ist der Sturz eines Mannes, der selbst beteuert, nichts von dem System schwarzer Kassen gewusst zu haben. In den vergangenen Wochen ließ er sich noch regelmäßig bei Siemens sehen, wo er ein Büro für frühere Führungskräfte nutzt. Ob das von besonderer Chuzpe zeugt oder vom reinen Gewissen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Auf Mitleid oder Gnade sollte er - trotz vieler Verdienste - nicht hoffen. "Jeder hat sein Päckchen zu tragen", sagt Siemens-Aufsichtsrat Heinz Hawreliuk. "Da können wir für Einzelne keinen Schutzzaun aufstellen." Das zeigte sich auch in der vergangenen Woche: Siemens-Vorstand Erich Reinhardt, ein Weggefährte Pierers, trat wegen der Affäre zurück.Lange Zeit war Pierer "everybody's darling". Mit Gerhard Schröder traf er sich auf dem Tennisplatz, Angela Merkel suchte ebenfalls seinen Rat - auch wenn sich die Bundeskanzlerin bald des Problems durch eine Neuordnung des Innovationsrats entledigen wird. Im Stadtrat von Erlangen betrieb Pierer für die CSU Kommunalpolitik, als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft ging es um globale Themen. Selbst zum Ehrenbetriebsrat hat er es gebracht. "Nun bin ich unkündbar", witzelte er damals.Und dann, im Frühjahr 2007, muss er doch gehen, seinen Posten als Aufsichtsratschef räumen, offiziell "auf eigenen Wunsch". Quälend lange hat er sich dagegen gewehrt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was haben die Zentralvorstände gewusst?Unstrittig ist, dass das System schwarzer Kassen größtenteils in seiner Amtszeit entstand: 1,3 Milliarden Euro sind in dunkle Kanäle geflossen und vermutlich größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Ermittlungen in vielen Ländern förderten immer wieder Einzelfälle ans Licht der Öffentlichkeit.Auf jener Hauptversammlung im Januar 2005, Pierers letzter als Vorstandschef, waren zum Beispiel die Schmiergeldzahlungen an den italienischen Enel-Konzern schon bekannt. Ob Pierer und andere Zentralvorstände hier schon die Puzzleteile hätten zusammenlegen müssen - wenn sie nicht ohnehin davon wussten -, ist eine der zentralen Fragen bei der Aufklärung der Affäre.Im Grunde sei das doch egal, meinen viele im Hause Siemens heute. Falls Pierer etwas gewusst habe, sei er schuldig und müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Sollten Milliardensummen in seinem Reich verschwunden sein, ohne dass er davon Notiz nahm, stelle ihm das kein viel besseres Zeugnis aus. Pierer selbst aber lehnt es ab, zumindest eine politische Verantwortung zu übernehmen. "Die Größe hatte er leider nicht. Sich hinzustellen und zu sagen: Tut mir leid, das ist in meiner Zeit passiert, das hätte nicht sein dürfen", sagt ein Ex-Vertrauter.Mit einem frühen Rücktritt als Aufsichtsratschef hätte Pierer auch seinen Nachfolger Klaus Kleinfeld aus der Schusslinie genommen, der gehen musste, obwohl es bislang keine Hinweise auf eine Verwicklung in die Affäre gibt. Anders als Pierer übernahm Medizintechnik-Chef Reinhardt die Verantwortung, obwohl nichts gegen ihn persönlich vorliegt, und trat jetzt ab.Zu einem solchen Schritt kann sich der Mann nicht durchringen, der sich in den Erfolgsjahren seinen ganz eigenen, leutseligen Stil angewöhnt. Sind Besucher im Haus, kommt Vorstandschef Pierer gern abends noch dazu und plaudert, stets mit einer Mischung aus lakonischem Understatement - "Ich glaube, das haben wir nicht ganz falsch gemacht" - und einer ausgeprägten Ich-Bezogenheit, die wohl normal ist, wenn man sich an die Spitze vorgearbeitet hat. Von seinen Erfolgen auf dem Tennisplatz erzählt er gern, wie von Treffen mit bekannten Politikern.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Es wird langsam eng für Pierer.Bei diesen Treffen erzählt der Asienkenner gerne von einer Verhandlungsrunde in China. Hin und her sei es gegangen, aber über die finanziellen Bedingungen habe man sich nicht einigen können, beginnt die Anekdote. Da habe er heimlich seine Hosentaschen geleert, sei aufgestanden, habe sie nach außen gestülpt und gesagt: kein Geld mehr da. Den Auftrag hat Siemens natürlich bekommen, endet die Geschichte.Nun aber lautet der Vorwurf nicht, dass Pierer selbst mit zu vollen Taschen ins Ausland gereist sei, um Aufträge zu sichern. Nein, er soll einen Mitarbeiter gedrängt haben, fragwürdige Zahlungen an Regierungsvertreter nach Argentinien zu überweisen. Das soll ein Mitarbeiter der einstigen IT-Sparte SBS vergangene Woche gesagt haben.Es wird langsam eng für Pierer. So eng, dass er anderthalb Jahre nach Beginn der Affäre auf eigenen Wunsch jetzt erstmals ausführlich mit der Staatsanwaltschaft redete.Damit rückt das Ende der Geschichte von Aufstieg und Fall des Heinrich von Pierer näher. Als höchstrangiger Beschuldigter im größten deutschen Schmiergeldskandal würde er wohl endgültig aus dem Olymp der deutschen Wirtschaftsführer gestoßen.In den hat er sich mühsam hochgearbeitet. An der Siemens-Spitze war er lange Zeit keineswegs der unumstrittene, hochangesehene Konzernlenker, als der er sich 2005 von seinen Aktionären verabschiedete. Den Chefsessel übernahm Pierer 1992 von Karlheinz Kaske. Nachdem es Pierer nach 23 Jahren an die Spitze geschafft hat, gilt er als Zögerer und Zauderer. "Herr von Pierer, bringen Sie den schlingernden Riesentanker Siemens wieder in Fahrt und auf Kurs - oder verlassen Sie die Brücke", ruft ihm Daniela Bergdolt auf der Hauptversammlung 1999 zu.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Der Befreiungsschlag.Doch mit einem Zehn-Punkte-Programm, das auch die Abspaltung der Halbleitersparte vorsieht, gelingt ihm der Befreiungsschlag. Gewinn und Umsatz steigen in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit - er erreicht den Höhepunkt seiner Macht: Er erhält Ehrendoktorhüte, das Große Bundesverdienstkreuz und die Ehrenstaatsbürgerschaft Singapurs.Pierers Verdienste sind auch heute noch unstrittig. So hörte er zum Glück nicht auf Analysten, die ihn drängten, renditeschwache Sparten wie die Medizintechnik und die Energieversorgung abzustoßen und sich auf das Handy- und Festnetzgeschäft zu konzentrieren.Vom Tagesgeschäft war er, das betont der studierte Jurist auch zu seiner Verteidigung, in den letzten Jahren aber schon weit entfernt. Ein Heinrich von Pierer kümmerte sich um die großen Dinge. Dazu gehörten auch Werte und Moral.Da lohnt sich ein Blick in seine Abschiedsrede von 2005: "Siemens ist einem anspruchsvollen Wertekodex verpflichtet, geprägt von Humanität, frei jeder Diskriminierung und unter Einhaltung strikter ethischer Standards im Geschäftsverkehr", versichert er. "Dieses Bild von Siemens ist zum Teil Wirklichkeit, zum Teil Vision, aber es ist keine Utopie, sondern erreichbar."
Heinrich von Pierer 1941Heinrich von Pierer wird am 26. Januar in Erlangen geboren.1969Nach dem Diplom in Volkswirtschaft und der Promotion in Jura beginnt er bei Siemens im Zentralbereich Finanzen. Er wechselt 1977 zur Kraftwerk Union (KWU), einem Joint Venture mit AEG.1989Er wird Vorsitzender des Bereichsvorstandes Energieerzeugung (KWU) und Vorstand von Siemens. 1990 rückt er in den Zentralvorstand auf.1992Pierer wird am 1. Oktober Vorstandschef von Siemens.2005Er wird Chef des Aufsichtsrats.2007Pierer verlässt im April den Aufsichtsrat.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2008