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Zwischen Kind und Campus

Sonja Eckhardt
Laura und ihr Freund Thorben waren mitten im Jura-Grundstudium, der Termin für die Zwischenprüfung rückte näher. Völlig unvorbereitet erwischte sie da die Nachricht, dass Laura schwanger war: Zwillinge waren im Anmarsch.
Laura und ihr Freund Thorben waren mitten im Jura-Grundstudium, der Termin für die Zwischenprüfung rückte näher. Völlig unvorbereitet erwischte sie da die Nachricht, dass Laura schwanger war: Zwillinge waren im Anmarsch. Was tun? Nach einigen schlaflosen Nächten war klar: Ja, wir wollen die Kinder - auch, wenn es dann mit dem sorglosen Studentenleben vorbei ist.

Heute gehören Laura und Thorben nach Angaben des Studentenwerks zu den 115.000 studierenden Eltern an deutschen Universitäten. Somit steht jede 14. Studentin und jeder 16. Student vor der Problematik, den organisatorischen Spagat zwischen Studium, Job und Kind zu meistern.

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Ist der erste Schock überwunden, ist es wichtig, möglichst viele Infos einzuholen, um sich auf die Schwangerschaft und das studentische Leben mit Kind vorzubereiten. Organisationen wie Profamilia, Donum Vitae, die Diakonie, die Sozialberatung der Studentenwerke und die Frauenbüros an den Universitäten helfen, die Zukunft mit Kind zu planen. "Die bewegensten Fragen von schwangeren Studentinnen drehen sich um die Finanzierung, Wohnen, Kinderbetreuung und Studienorganisation," weiß Susanne Herberts von Donum Vitae, "Zuerst klären wir zusammen mit der Mutter ihre individuelle Situation: Unterstützt sie der Freund? Wie weit ist sie im Studium? Sind die Eltern in der Nähe?"

Genauso wichtig: die rechtlichen Ansprüche und finanzielle Hilfen aufzuzeigen, die Studentinnen mit Kind haben. Schon während der Schwangerschaft sollten die werdenden Eltern ihre Rechte kennen und konsequent einfordern, sonst versäumt man die Fristen für wichtige Zuschüsse.

Einen umfassende Ratgeber für werdende Studi-Eltern bietet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit der Broschüre "Studieren mit Kind". Hier finden sich aktuelle Infos zu den einzelnen Geldern wie Bafög, Unterhalt, Mutterschutzgeld, Sozialhilfe, Wohnhilfe. Bei fast jeder Sozialberatungsstelle der Universitäten gibt es ähnliche Informationshefte, die noch um wichtige Kontaktadressen von Initiativen und Elternvereinen am Studienort ergänzt sind. Nicht nur das haben die Sozialberatungsstellen den werdenden Eltern zu bieten: Neben der persönlichen Beratung rund um die rechtliche Situation und das Studium, kann man sich auf der Wartelisten für die Kindertagesstätten des Studentenwerks registrieren. Ist die Wohnung oder das Zimmer zu klein, besteht die Möglichkeit, eine Familienwohnung in einem Studentenwohnheim zu bekommen. An einigen Universität gibt es für werdende Eltern eine Starthilfe für die Erstlingsausstattung, die aus einem Topf des Studentenwerkes finanziert wird.

Laura und Thorben erhielten mit der sogenannten Babybeihilfe der Uni Düsseldorf einen Zuschuss von 400 Euro. Wie viel man an den einzelnen Unis erwarten kann, wissen die jeweiligen Sozialberatungsstellen. Das deutsche Studentenwerk gibt einen Überblick an welchen Unis es Sozialberatungsstellen gibt und wo man sie findet.

Doch mit finanzieller Unterstützung allein ist es nicht getan: Wie schafft man die Organisation zwischen Kind und Studium? Susanne Herberts: "Ein pauschales Rezept gibt es nicht. Ein Kind zu erziehen ist ein Job, und noch viel mehr, wenn man inmitten der Ausbildung steht." Eine klare Organisation ist deshalb wichtig: zuerst das Kind, dann das Studium, ist nach ihrer Erfahrung ein Motto, an das man sich halten sollte. So kann es ein guter Weg kann sein, sich zuerst ein bis zwei Semester beurlauben zu lassen. In dieser Zeit kann sich die Studentin intensiv um das Kind und eine Kindertagesstätte bei allen relevanten Institutionen kümmern, und dann weiter studieren.

Entscheidend für die Organisation von Studium und Kindererziehung ist ein Platz in der Kindertagestätte. Doch gerade die Betreuungsplätze von Kinder im Alter von Null bis drei Jahre sind rar, weiß Judith Weisskircher von der Sozialberatung Düsseldorf: "Momentane Antragsteller haben fast gar keine Chance. Fehlt für das Kind der Platz im Hort, geht dies stark auf Kosten des Studiums. Viele Studentinnen brechen deshalb ab. Die Städte haben hier echten Nachholbedarf."

Ab drei Jahren steht dem Kind ein rechtmässiger Platz im Kindergarten zu. Wie kann man die Zeit bis dorthin überbrücken? Eine Alternative zur städtischen oder universitären Kindertagesstätte, wäre eine Tagesmutter, die während der Studiertage auf das Kind auspasst. Der Tagesmütter-Bundesverband gibt nähere Infos, Anträge auf Zuschüsse gibt es bei den Jugendämter. In fast jeder Universitätststadt haben sich Elterninitiativen gebildet, die sich selbst finanzieren. Jedes Elternpaar betreut - meist in Unterstützung einer Erzieherin - zu vereinbarten Zeiten die Kindergruppe. Infos über die Initiativen vor Ort gibt es ebenso bei den Sozialberatungsstellen der Universitäten.

Laura und Thorbe hatten Glück: Da gerade eine Kindertagesstätte des Studentenwerkes im Aufbau war, haben sie ab dem vierten Monat für Jonas und Mike zwei Plätze erhalten. So klappt es nun auch mit dem Studium: Nach dem Aufstehen, waschen und wickeln kommen die Kleinen in den Hort "Abenteuerland", wo sie von 9 Uhr bis 15 Uhr in ihrer Kleinkindergruppe spielen. Genug Zeit um an der Uni täglich ein bis zwei Jura-Seminare zu besuchen. Während den lernintensiven Prüfungsphasen nehmen Oma und Opa die Zwillinge, ebenso an jedem zweiten Wochenende, damit Laura und Thomas Zeit für die Partnerschaft bleibt. Um 19 Uhr kommen die Babys ins Bett. Dann bleibt noch Zeit für Lernen, Haushalt und Freunde. Beide Eltern haben je zwei Tage in der Woche zur eigenen Verfügung, um Freunde zu treffen und auszugehen. Klare Regelungen, die bei einem von morgens bis abends durchorganisierten Tag, ein bisschen Freiraum schaffen. Durch den Krippenplatz, die Hilfe der Eltern und die Arbeitsteilung in der Partnerschaft klappt die Organisation von Studium und Kind: Thorben hat ein Stipendium bei der Hans-Böttcher-Stiftung und gehört zu den Besten in seinem Jahrgang, auch Laura ist in der Regelstudienzeit. "Mit Kind", erklärt Thorben, "studiert man ernsthafter und zielbewusster. Unser Ziel ist es, die Kinder so bald wie möglich eigenständig ernähren zu können, um ihnen etwas zu bieten."

Und was raten die Beiden werdenden Uni-Eltern? "Wichtig ist es, keine Scheu zu haben, Verwandte und Freunde um Hilfe zu bitten sowie sich rechtzeitig und mit Durchhaltevermögen um alle finanziellen Zuschüsse zu kümmern. Wer den nötigen Willen und die nötigen Hilfe aus dem Umfeld hat, kriegt das Kind schon geschaukelt" finden beide - und sind schon wieder weg auf dem Weg zur Krippe.

Gut zu wissen

Bafög
Das Bafög ist ausbildungsbezogen, deshalb gibt es für Studierende mit Kind kein Extra-Geld. Die gute Nachricht: für die Schwangerschaft und jedes Lebensjahr des Kindes (bis zum 5. Jahr) darf man je ein Semester länger studieren, ohne auf das Bafög verzichten zu müssen. Für das 6. plus 7. Lebensjahr des Kindes wird ein weiteres Semester verlängert, ebenso für das 8.,9. plus 10. Lebensjahr. Die Förderungen innerhalb dieses Zeitraumes gelten als Vollzuschuss, d.h. das Geld muss nicht zurück gezahlt werden.

Bundesstiftung Mutter und Kind
Die Bundesstiftung Mutter und Kind vergibt Gelder an Eltern, deren finanzielle Möglichkeiten nicht ausreichen, um ein Kind großzuziehen. Bis zur 20. Schwangerschaftswoche muss die werdende Mutter sich an eine Beratungsstelle (unter anderem die Diakonie, Pro Familie, Donum Vitae) wenden, die den Antrag an die Stiftung weiterleitet. Man erhält Starthilfen für Waschmaschine, Erstausstattung, Schwangerschaftskleidung etc

Erziehungsgeld
Studierende Eltern haben Anspruch auf Erziehungsgeld, wenn sie unter bestimmten Einkommensgrenzen liegen. Seit dem 01.01.2001 gelten neue Regelungen: Vater und Mutter können gemeinsam eine Elternzeit nehmen sowie bis zu 30 Stunden pro Woche jobben. Außerdem existieren nun zwei Wahlmöglichkeiten: Der Regelbetrag sind 307 Euro pro Kind und Monat und wird bis zum Ende des zweiten Lebensjahres des Kindes gezahlt. Entscheidet man sich jedoch für Erziehungsgeld von nur 12 Monaten, erhöht sich der Betrag auf 460 Euro. Genauere Informationen zu den Einkommensgrenzen sowie der Antragstellung beim zuständigen Versorgungsamt.

Leistungen der Krankenkassen
Wenn die Studentin bei den Eltern mitversichert ist, fällt auch das Kind unter diese Versicherung. Besteht eine studentische Pflichtversicherung, ist das Kind durch die Mutter familienversichert.

Studentinnen, die einen Aushilfs- oder Teilzeitjob haben und somit in einem befristeten Arbeitsverhältnis stehen, fallen unter das Mutterschutzgesetz. Damit der Mutterschutz wirksam wird, muss der Arbeitgeber informiert sein, sobald Schwangerschaft und vermuteter Tag der Entbindung bekannt sind. Die Schutzfrist beginnt 6 Wochen vor und endet 8 Wochen nach der Entbindung. Dies bedeutet: absolutes Beschäftigungsverbot für die Frau, Kündigungsverbot für den Arbeitgeber

Das Mutterschaftsgeld ist der finanzielle Ausgleich für die ausbleibenden Gehaltszahlungen. Beantragt wird dies bei den Krankenkassen, welche der Mutter den vorigen Nettolohn zahlen. Übersteigt der Nettolohn die Höchstgrenze der Krankenkassen, gleicht der Arbeitgeber die Differenz aus.

Studentinnen, die in keinem Arbeitsverhältnis stehen erhalten von ihrer Krankenkasse eine einmalige Zahlung: das Entbindungsgeld in Höhe von 77 Euro. Anträge rechtzeitig stellen

Zusätzlich hat man bei den Krankenkassen Anspruch auf Mutterschaftshilfe. Diese umfaßt alle medizinischen Kosten, die durch Schwangerschaft und Geburt entstehen: regelmäßige ärztliche Vorsorgeuntersuchungen, die notwendige ärztliche Betreuung, ein 12-stündiger Geburtsvorbereitungskurs, Pflege in einem Krankenhaus, Nachsorgebesuche bis zum 10. Tag nach der Geburt. Nach Absprache werden von der Kasse auch die Kosten für eine Hebamme (bei ambulanter oder Hausgeburt) und wenn nötig für eine Haushaltshilfe übernommen. Letzteres muss in der Regel durch ein Attest bestätigt werden. Es empfiehlt sich, diese Fragen mit der eigenen Krankenkasse persönlich zu klären, da hier die Modalitäten nicht einheitlich sind.

Sozialhilfe
Erhält die Studentin kein Bafög, und keine anderen Finanzspritzen - z.B. Unterhalt der Eltern oder des Kindsvaters - ist sie auf die Sozialhilfe angewiesen. Das große Manko: Die Sozialhilfe ist nicht zur Finanzierung der Ausbildung gedacht. Das bedeutet in der Konsequenz, dass frau bei laufender Sozialhilfe ihr Studium nicht fortführen kann und sich für die Zeit beurlauben lassen muss. Eine Verbindung von Ausbildung und Erziehung wird damit unmöglich. Ein Missstand, der von der Stadt Düsseldorf durch ein Sonderprogramm gelöst wurde. Dies ermöglicht jungen Müttern, trotz laufender Unterstützung in Höhe des einfachen Sozialhilferegelsatzes, ihr Studium fortzuführen. Die Sozialberatungsstellen informieren, ob es äquivalente Programme für die eigene Universität gibt.

Als finanzschwache alleinerziehende Mutter hat man das Anrecht auf eine einmalige Hilfe für Kleidung und Einrichtung - den Mehrbedarf, der beim Sozialamt beantragt wird.

Unterhalt
Unterhalt für das Kind: Unterhalt steht dem Kind nach einer Scheidung oder Trennung der Eltern zu. Dabei hat der Vater dem nichtehelichen Kind im selben Umfang Unterhalt zu leisten wie dem ehelichen Kind. Eine zeitliche Grenze besteht für die Unterhaltspflicht nicht. Grundsätzlich hat der Vater bis zum vollendeten 18. Lebensjahr mindestens den Regelunterhalt zu leisten, es sei denn, das Kind lebt im Haushalt des Vaters (in diesem Fall wird die Mutter zu Unterhaltszahlungen herangezogen). Zuständig ist das Jugendamt.

Unterhalt für die Mutter: Wenn die Mutter aufgrund von Schwangerschaft, Entbindung oder der Notwendigkeit, das Kind zu versorgen, keiner Berufstätigkeit nachgehen kann, hat auch die Mutter das Recht auf Unterhalt vom Kindesvater, für die Zeit von maximal 4 Monaten vor und bis zu 3 Jahren nach der Geburt. Diese Ansprüche bestehen nur dann gegenüber dem Vater, wenn sie nicht bereits durch andere Stellen erfüllt werden. Dies muss im Einzelfall geklärt werden. Information und Beratung gibt das zuständigen Jugendamt

Wohngeld
Wohngeld wird normalerweise nicht an Studenten vergeben, da für diese das Berufsausbildungsförderungsgesetz (Bafög) zuständig ist. Da der Studenten-Haushalt mit dem Kind mindestens ein Familienmitglied umfasst, das nicht ausbildungsförderungsberechtigt im Sinne des Bafögs ist, wird die gesamte Familie wohngeldberechtigt. Die Höhe hängt von den Faktoren Familiengröße, Einkommen und Höhe der zu zahlenden Miete ab. Rechtzeitige Beantragung beim Amt für Wohnungswesen ist ratsam, denn Wohngeld wird nicht rückwirkend gezahlt.

Weitere Informationen:

Portal für studierende Eltern: www.rund-ums-baby.de
Dieser Artikel ist erschienen am 16.08.2002