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Zwischen Hörsaal und Chefsessel

Yvonne Globert
Foto: Markus Gloger / Agentur Joker
Noch bevor sie ihr Diplom in der Tasche haben, bauen immer mehr Studierende in Deutschland ihr eigenes Unternehmen auf.
Morgens Klausur, nachmittags Kundengespräch. Noch bevor sie ihr Diplom in der Tasche haben, bauen immer mehr Studierende in Deutschland ihr eigenes Unternehmen auf. Hochschulen helfen. Aber nur mit guter Zeitplanung verhindern die Studenten, dass sie am Ende zwischen den Stühlen landen.

?Allegro? heißt in der klassischen Musik ein lebhaftes, schnelles Stück. Als Mark Zondler vor einem Jahr sein gleichnamiges Unternehmen gründete, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Der Student der Betriebswirtschaftslehre an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz absolvierte ein Auslandssemester in Singapur und witterte in der Internet-Begeisterung seine Chance. Mit einem Bekannten aus Singapur gründete er ein Internet-Auktionshaus und Software-Unternehmen.

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Heute telefoniert der 24-Jährige fast täglich zwischen Vorlesung und Hausarbeiten mit seinem Partner Lim Chee Kiong, der in der Battery Road, Singapurs zentralem Finanztrakt, die Geschicke des gemeinsamen Unternehmens und seiner 15 Mitarbeiter lenkt, während Zondler von Koblenz aus nach strategischen Partnern in ganz Europa sucht. Bis zum Sommer will er sein Studium beendet haben. Dann soll Allegro die Verlustzone verlassen haben. Der Student hätte es leichter haben können, hätte er das chronologische Prinzip beachtet: Erst Diplom, dann Gründung. Warum der Stress? ?Mir wäre einfach eine tolle Gelegenheit entgangen?, sagt Zondler.

Deutschlands Studenten finden zunehmend Geschmack an der Selbstständigkeit. Eine Umfrage an den Münchener Universitäten ergab: 13 Prozent der befragten Studenten machen sich schon während des Studiums selbstständig, 43 Prozent stehen einer selbstständigen Tätigkeit zumindest positiv gegenüber. ?Selbstständigkeit hat für Studenten an Attraktivität gewonnen?, bestätigt Karl-Heinz Minks den Trend. Der Projektleiter für Absolventenforschung beim Hochschulinformationssystem in Hannover ließ 1999 in einer repräsentativen Umfrage rund 10.000 Absolventen befragen, die 1997 ihren Abschluss gemacht haben: ?23 Prozent erwägen zwei Jahre nach dem Abschluss ernsthaft, sich selbstständig zu machen?, berichtet Minks.

Und ein Blick auf die Statistik erweckt den Eindruck, dass es nicht nur beim Träumen bleibt: Mit 18,5 Prozent war der Anteil der Selbstständigen unter den Hochschulabsolventen 1996 tatsächlich fast doppelt so hoch wie die allgemeine Selbstständigenquote. Doch hier schlagen die freien Berufe wie Arzt und Apotheker in der Statistik besonders durch, und der Drang zur Gründung ist sehr unterschiedlich ausgeprägt unter den Studiendisziplinen.

Unter den Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren zum Beispiel sei er noch viel zu gering, klagt der Unternehmer Reinhold Würth aus Künzelsau. ?Ein Unternehmen aufzubauen, ist vielen einfach zu anstrengend?, sagt Würth, der neben der Leitung eines Montagetechnik-Unternehmens auch noch eine Professur für Entrepreneurship an der Uni Karlsruhe übernommen hat. ?Sie suchen sich lieber einen gut bezahlten Job. Hauptsache, der BMW steht vor der Tür.?

Aus Untersuchungen von Professor Hermann Simon an der Universität Mainz ist bekannt, dass bei vielen Studenten am Anfang des Studiums die Gründungsbegeisterung noch sehr hoch ist, dann aber mit zunehmender Semesterzahl immer mehr nachlässt. In seinen Vorlesungen will Reinhold Würth deshalb das Feuer des Unternehmertums in seinen Studenten entfachen und wachhalten.

Die gleiche Mission verfolgen in Deutschland Lehrstuhlinhaber und Professoren für Unternehmensgründung an 18 weiteren Hochschulen. Zusätzlich sind momentan acht Lehrstühle in Planung. Kommunen, Land und Bund bieten durch diverse Programme hierzu finanzielle Unterstützung.

Wer sich tatsächlich für ein Doppelleben zwischen Audimax und Büro entscheidet, braucht Talent in Sachen Terminplanung. Freunde von Mark Zondler haben es längst aufgegeben, sich über sein notorisches Zeitdefizit zu beschweren. ?Ich geh am Wochenende schon mal auf eine Fete. Mehr ist bei einer 80-Stunden-Woche nicht drin?, sagt der 24-Jährige. In den Semesterferien erst recht nicht. Denn da jettet Zondler nach Singapur, zur Stippvisite seines Software-Unternehmens, das er zu einem internationalen Unternehmen ausbauen will.

Als er sich an der National University of Singapur einschrieb, hatte die Regierung gerade den Telefonmarkt liberalisiert. Viele Singapurer nutzten die Gratis-Zugänge großer Internet-Anbieter ins Netz. Zondler baute unter dem Namen ?Allegro? zunächst eine Auktionsplattform auf, dann entwickelte das Unternehmen Programme für mobile Bankgeschäfte. Damit können Bankkunden über Handy ihren Kontostand abrufen und Geld überweisen. Ein gefundenes Fressen in dem südostasiatischen Inselstaat, in dem jeder Zweite ein Handy besitzt. Das Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen sieht das nicht anders: Es unterstützt Zondler mit Wagniskapital und setzt bei seinen Kunden in Singapur Software von ?Allegro? ein.

Mark Zondler konnte sich an der WHU ohne weiteres eine Auszeit nehmen. Entrepreneurship-Jahr nennt sich das und macht deutlich, dass studentische Gründungen in Vallendar ausdrücklich erwünscht sind. Trotzdem ist der Leistungsdruck an der privaten Hochschule enorm. Zondlers Semesterwochenplan ist genau festgelegt, Seminare kann er nur bedingt schwänzen. ?Die Dozenten kennen ja jeden von uns, da fällt es natürlich auf, wenn man zu oft fehlt.?

Zusätzlichen Druck macht sich Zondler selbst. Um sich auf sein Unternehmen konzentrieren zu können, will der Jungunternehmer sein Hauptstudium von drei auf zwei Semester verkürzen. Das bedeutet mindestens 20 Klausuren pro Semester. Bis jetzt hat er sie noch alle bestanden, ?Aber beim Lernen?, das gibt er offen zu, ?bin ich schon oberflächlicher geworden.?

Morgens Klausuren, nachmittags Windanlagen vertreiben

Axel Krannich und sein Bruder Kurt haben die Last auf zwei Schultern verteilt. Der 25-jährige Axel ist gleich nach dem Abitur vor fünf Jahren in die Vertriebsfirma für Solar- und Windkraftanlagen seines neun Jahre älteren Bruders Kurt eingestiegen. Die beiden Stuttgarter Studenten haben mit ihrem Unternehmen im vergangenen Jahr drei Millionen Mark Umsatz gemacht. Aus eigener Kraft, in ihrem Betrieb steckt ausschließlich Eigenkapital.

Was hingegen fehlt, ist auch bei den beiden Brüdern die Zeit. Denn neben dem Aufbau ihres Unternehmens studieren beide, Axel BWL, Kurt Elektrotechnik. Er erinnert sich: ?Am Anfang haben wir uns mit den Kunden nur in den Semesterferien getroffen. Oder morgens Klausuren geschrieben und am Nachmittag das Geschäft geleitet.? Heute kümmert sich jeweils einer ums Geschäft, während sich der Bruder auf eine Prüfung vorbereitet.

Das Konzept ist für die Jungunternehmer nur bedingt aufgegangen, die Regelstudienzeit haben beide bereits überschritten. Axel Krannich ist im 13. Semester. ?Ab dem 14. wird?s teuer.? Denn für Langzeitstudenten hat das Land Baden-Württemberg die Studiengebühren von 110 auf 1.000 Mark im Semester hochgeschraubt. Deshalb will der 25-Jährige seine Diplomarbeit noch in den nächsten Monaten einreichen. Ist er fertig, kann Kurt mit der Abschlussarbeit loslegen. ?Ein Urlaubssemester einzulegen, hätte schon Sinn gemacht?, meint Axel im Rückblick.

Donnerstags in die Uni

Auch der Recklinghäuser Stefan Kraneburg bewältigt sein Doppelleben zwischen Firma und FH nur mit Unterstützung anderer. Fast alle Seminare hat der 22-jährige Student der Medieninformatik auf einen Tag gelegt. Donnerstags müssen sich seine Geschäftspartner Florian Patzke und Michael Herzog, ebenfalls 22, deshalb allein um die gemeinsame Multimedia-Agentur ?artifact-media? kümmern. Für den Rest der Woche versorgen ihn Kommilitonen mit Skripten und Mitschriften. Deswegen versucht Kraneburg, die Mitstudenten bei all der Zeitnot nicht ganz zu vernachlässigen. ?Ich bin ja auf sie angewiesen?, gibt er zu. Ins Kino müssen sie trotzdem ohne ihn gehen.

Finanzielle Unterstützung haben sich die drei Geschäftspartner außerhalb der Hochschule geholt: Das Land schießt jedem der drei Gründer aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) ein Jahr lang 2.000 Mark monatlich zu. ?AXEL?, die kommunale ?Agentur für Existenzgründung im Emscher-Lippe-Raum?, zahlt einen Großteil der Kosten für den Unternehmensberater, bei dem ?artifact-media? Hilfe gesucht hat.

Seit der Gründung im Oktober 2000 hat ?artifact-media? bereits mehreren mittelständischen Unternehmen einen maßgeschneiderten Web-Auftritt verpasst. Daneben betreibt das Unternehmen eine ?Cyber-Galerie?, eine virtuelle Kunstgalerie, in der Künstler ihre Werke anbieten. ?In der Multimedia-Branche herrscht immer noch Goldgräberstimmung. Die wollte ich nutzen?, erklärt Kraneburg seinen prompten Entschluss, trotz des Studiums bei Florian Patzke und Michael Herzog einzusteigen. Ein weiterer Grund: Kraneburg lässt sich ungern etwas vorschreiben. ?Ich bin lieber mein eigener Chef.?

Sein Studium an der FH Gelsenkirchen sieht der Jungunternehmer vor allem als Mittel zum Zweck. ?In Deutschland kommt man ohne Diplom einfach nicht weit.? Doch er profitiert auch davon, doppelgleisig zu fahren. ?Was ich im Studium lerne, kann ich in meiner Arbeit sofort anwenden?, hat er erkannt. Und die Arbeit in seinem Unternehmen ließ er sich für das Studium als Pflichtpraktikum anrechnen. ?Das macht natürlich auch mehr Spaß, als bei einer Firma studentische Hilfskraft zu sein.?

Synergien nutzt auch Allegro-Chef Mark Zondler. Neben Finanzierung und Produktion hat er ?Entrepreneurship? - Unternehmertum - als Vertiefungsfach gewählt. Dort lernt er, wie er seine Geschäftsidee finanziert oder ein Team zusammenstellt. Doch die Theorie hinkt seiner Praxiserfahrung fast schon ein bisschen hinterher.

Auch Axel Krannich will sein Studium auf jeden Fall beenden. ?Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich eher das Geschäft zurückstellen. Auch wenn?s weh tut. Mein Abschluss ist mir zu wichtig?, sagt er. Schon jetzt zahlt es sich für ihn aus, dass er als künftiger Betriebswirt ein Referat nach dem anderen halten musste. ?Heute präsentiere ich unsere Firma auf Messen, darin bin ich ziemlich sicher.?

Immer auf dem Sprung zwischen Büro und Hörsaal zu leben, ist schweißtreibend – mit oder ohne finanzielle Hilfe. Aber: ?Das Klima für Gründer hat sich in Deutschland stark verbessert?, sagt der Karlsruher Professor Reinhold Würth. Auch die Hochschulen bereiten junge Gründer immer besser auf die Selbstständigkeit vor. So baut beispielsweise die Uni Stuttgart Technologiezentren, in denen Studenten ihre eigenen Firmen hochziehen können. Und viele Professoren engagieren sich heute selbst für ?ihre? Existenzgründer. Einige Hochschulen haben dafür eigene Lehrstühle eingerichtet.

Christine Volkmann hat an der FH Gelsenkirchen eine solche Professur für ?Entrepreneurship und Management? inne. Bei ihr hatte Stefan Kraneburg im Wintersemester 1999 gelernt, wie man einen Businessplan schreibt. In weiteren Gesprächen mit der Professorin reifte in Kraneburg und seinen Partnern die Idee, sich mit ihrer Multimedia-Agentur selbstständig zu machen. Und Volkmann hat dem Unternehmen auch die ersten Aufträge verschafft. Sehr naheliegende übrigens: Stefan Kraneburg und seine Partner haben den Internet-Auftritt von ?GO!Spring? mitgestaltet, einer Initiative für Existenzgründer an Hochschulen und Teil der Gründungsoffensive des Landes Nordrhein-Westfalen.

Auch Mark Zondler erhielt in Singapur Schützenhilfe von einem Professor, der das Zentrum für Innovation und Technopreneurship (Technologie-Gründung) an der National University of Singapur leistet. Der Wissenschaftler spendierte nicht nur gute Ratschläge, sondern verschaffte Zondler auch den Kontakt zu seinem Mitgründer und stieg bei ?Allegro? gleich als Business Angel finanziell mit ein.

Eine wichtige Anlaufstelle für die Krannich-Brüder war das Projekt ?Service Engineering für Existenzgründung? beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Das Institut durchleuchtete ihre Geschäftsstrategien auf Stärken und Schwachstellen. Finanziert wird das Projekt von ?PUSH!?, dem ?Partnernetzwerk für Unternehmensgründungen aus Stuttgarter Hochschulen?. ?PUSH!? gehört zu den fünf regionalen Netzwerken, die durch das Bundesprogramm ?EXIST – Existenzgründer aus Hochschulen? gefördert werden.

Von dem Programm profitieren neben der Stuttgarter Agentur auch ?Get up? in Thüringen, ?bizeps? in der bergisch-märkischen Region, ?Dresden exists? und ?Keim? in Karlsruhe. 30 Millionen Mark stellt das Ministerium den fünf Initiativen bis Ende 2001 zur Verfügung. Auf diese Weise ist in Deutschland in den zurückliegenden Jahren ein dichtes Netzwerk aus Kontaktforen, Förderstellen und Informationsquellen für Gründer aus Hochschulen entstanden.

Axel Krannich und sein Bruder würden sich gerne über Rechtsgrundlagen auf dem Bau informieren. Am liebsten sofort. ?PUSH!? würde ihnen dafür sogar einen Zuschuss zahlen. ?Aber was soll man machen?, stöhnt Axel Krannich. ?Wir hatten noch keine Zeit dafür.?

Weitere Informationen unter: www.jungekarriere.com/gruenderstudenten
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2001