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Zwei Unerschrockene

Von Dirk Heilmann
Sebastian Coe und Paul Deighton bereiten die kritischen Londoner auf Olympia vor.
Der Chairman und der Vorstandschef des Organisationskomitees reden von Inspiration, von der Begeisterung, die das ganze Land erfassen soll, Reizthemen wie die Finanzierung oder Doping lassen sie aus.Doch nur wenige Stunden später bricht der Mediensturm los. Empörung über das zackige, poppige Logo im Graffiti-Stil und in Farbtönen der achtziger Jahre schäumt über die Titelseiten der Abendzeitungen. Design-Experten, Journalisten und Volkes Stimme sind sich einig: Das Ding ist eine Schande, steht weder für Olympia noch für London.

Die besten Jobs von allen

In einer Umfrage der BBC-Webseite finden es drei Viertel der Leser scheußlich. Es fallen sogar Vergleiche mit SS-Runen oder einem ?Hakenkreuz in Pink?. Mehr als 50 000 Menschen unterstützen eine Internet-Petition zur Abschaffung des Markenzeichens. Eine Epileptiker-Organisation erreicht sogar, dass der hektisch-farbenfrohe Werbefilm zum Logo aus dem Internet entfernt wird ? er löst angeblich Anfälle aus.Ein PR-Desaster ersten Ranges? Für Coe und Deighton ist das beinahe Routine. Schon während der Olympia-Bewerbung gab es in London besonders viele interne Kritiker. Das ist nach dem Überraschungssieg am 6. Juli 2005 nicht besser geworden. Vor allem an den Finanzen reiben sich die Londoner, fürchten sie doch, für die Explosion des Budgets am Ende per Gemeindesteuer zur Kasse gebeten zu werden. Man kann es ihnen nicht völlig verdenken: Umgerechnet 3,5 Milliarden Euro sollten die Londoner Spiele ursprünglich kosten ? inzwischen hat die Schätzung für das Gesamtbudget 13,7 Milliarden Euro erreicht.Doch die Chefs des Organisationskomitees lassen die Kritik an sich abprallen. Für beide, so unterschiedlich ihr Hintergrund auch ist, sind die Olympischen Spiele in ihrer Heimatstadt weit mehr als ein Job. Sie sind ihr Eintrag in das Geschichtsbuch, der Höhepunkt ihrer Karrieren. Dabei haben sich die Fünfzigjährigen längst auf anderen Gebieten bewiesen und genug Geld verdient, um sich locker zur Ruhe zu setzen.Der Berühmtere der beiden ist ohne Zweifel Sebastian Coe. Unvergessen sind die Duelle, die er sich in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren mit seinem britischen Widersacher Steve Ovett lieferte. Bei den von den USA boykottierten Olympischen Spielen 1980 in Moskau, bei denen beide gegen den Willen von Margaret Thatcher antreten, gewinnt Coe Gold über 1500 Meter und Silber über 800 Meter.Vier Jahre später in Los Angeles wiederholt er den Triumph. Schon auf dem Höhepunkt seiner Sportlaufbahn übernimmt er Ämter in Sportverbänden und streckt seine Fühler in die Politik aus. Er baut eine Kette von Fitness-Clubs auf, kommentiert Sportereignisse in Radio und Fernsehen und berät den Sportschuhriesen Nike.Seine politische Karriere bleibt jedoch hinter seinen Träumen zurück: Nach fünf Jahren verliert er den Sitz im Parlament, den er für die Konservativen 1992 gewann. Danach ist er Stabschef ? und Fitness-Coach ? für Blairs Herausforderer William Hague. Nach der krachenden Wahlniederlage 2001 zieht sich Coe allerdings als Lord ins Oberhaus zurück.Lesen Sie weiter auf Seite 2: 2005 kommt Coes großer MomentDoch 2005 kommt sein großer Moment: Spät an die Spitze der Olympia-Bewerbung berufen, gelingt dem eloquenten Mann in Singapur der Überraschungssieg für London.An Bekanntheit kann es Deighton bei weitem nicht mit Coe aufnehmen, an Entschlossenheit schon. Auch er ist in London geboren und wurde als Junge durch Radio-Reportagen in den sechziger Jahren mit dem Olympia-Virus infiziert. Doch für ihn blieb Sport ? Fußball, Rugby, Cricket ? private Leidenschaft. Ihn zog es zur Finanzwelt.Nach dem Studium in Cambridge heuert er bei US- Banken an und geht dann zu Goldman Sachs. Hier bewährt er sich als Spezialist für die Luftfahrtbranche, fädelt Fusionen ein und steigt bis zum Chief Operating Officer in London auf. Beim Börsengang der Investmentbank wird er reich ? laut Sunday Times ist er umgerechnet 162 Millionen Euro schwer. Doch der frühe Ruhestand reizt ihn nicht.?Ich spürte, dass ich noch einen großen Job in mir hatte?, sagt er. Seine Frau entdeckt die Anzeige im ?Economist?, und Deighton setzt sich unter 300 Bewerbern durch. ?Der coolste Abgang? aus den Führungsreihen bei Goldman Sachs sei ihm da gelungen, findet er heute.Entspannt sitzt der Mann mit dem ergrauenden Haar an einem Bistrotisch im ?Roundhouse? und erzählt von der Roadshow durch Großbritannien, mit der er eine Milliardensumme bei Sponsoren einsammeln will. Als ersten hat er die britische Bank Lloyds TSB gewonnen, Telekom-, Auto- und Energiekonzerne sollen folgen. ?Es ist ein Traumjob?, schwärmt er, ?und meine Kontakte aus der City helfen mir natürlich unglaublich.? Der Hauptunterschied: ?Alles, was wir hier tun, geschieht im Blickfeld der Öffentlichkeit.?Die wird nächste Woche genau hinschauen, wenn eine Delegation des Internationalen Olympischen Komitees die Fortschritte auf dem Olympiagelände im Osten der Stadt begutachtet. Ein kritisches Wort von ihr, und der Sturm bricht wieder los.
Das Olympia-DuoLord Sebastian Coe
1956: Er wird in London geboren, zieht später nach Sheffield.
1968: Coe beginnt mit dem Laufsport und studiert Wirtschaft und Politik. 1980 und 1984 gewinnt er bei den Olympischen Spielen
in Moskau und Los Angeles jeweils Gold und Silber.
1992: Coe zieht für die Konservativen ins Parlament ein, verliert den Sitz nach fünf Jahren.
2004: Er übernimmt die Leitung der Londoner Olympia-Bewerbung.
Paul Deighton
1956: Er wird ebenfalls in London geboren, studiert Wirtschaft in Cambridge.
1983: Deighton heuert bei Goldman Sachs an, ist zuletzt CEO des europäischen Geschäfts.
2005: Er steigt bei Goldman Sachs aus und wird Vorstandschef des Organisationskomitees der Olympischen Spiele.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.06.2007