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Zwei Chefs, aber nur ein Sessel

Von Christoph Moss, Handelsblatt
Heute hat Jürgen Boos als Direktor der Frankfurter Buchmesse seinen ersten Arbeitstag ? Aufregung garantiert.
FRANKFURT. Die Frankfurter Buchmesse hat einen neuen Direktor ? und einen alten. Der neue Mann heißt Jürgen Boos, war bislang Manager beim Wiley-Verlag und wird heute seinen Job als Sprecher der Geschäftsführung antreten. Sein Vorgänger Volker Neumann hat noch einen Vertrag bis zum Jahresende und macht bisher keinerlei Anstalten, seinen Arbeitsplatz vorzeitig zu räumen. Noch ist völlig unklar, wie der 43-jährige Boos und sein zwanzig Jahre älterer Kollege in den kommenden Wochen zusammenarbeiten werden.?Es wird bald eine Entscheidung geben müssen?, sagt ein einflussreicher Branchenvertreter. ?Auf Dauer kann es mit zwei Direktoren nicht funktionieren.? An diesem Vormittag werden Boos und Neumann bereits grundlegende Themen zu diskutieren haben. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, wer auf dem Chefsessel Platz nehmen darf. Bislang existiert in dem Verwaltungsbau an der Frankfurter Konstablerwache nur ein Exemplar dieses symbolträchtigen Möbelstücks.

Die besten Jobs von allen

Im kleinen Kreis soll der neue Mann, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, bereits deutlich geworden sein. ?Boos hat uns klar gemacht, dass er der Chef ist?, zitiert ein Mitarbeiter die Aussage des neuen Messedirektors bei einer internen Versammlung zum Jahresanfang. Jürgen Boos, dem Branchenkollegen diplomatisches Geschick nachsagen, will sich dazu nicht öffentlich äußern. Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar.Nach wie vor genießt sein Vorgänger in der Branche einen guten Ruf. Es war Volker Neumann, der die Frankfurter Buchmesse in den vergangenen Jahren aus ihrer Lethargie riss. Vertreter großer und kleiner Verlage lobten das Kommunikationstalent des alten Buchmessedirektors, der es verstand, die Branche ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.Wie sehr die Kollegen Neumann noch immer schätzen, zeigte sich vor drei Wochen bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse. Im Foyer des Gewandhauses schüttelte der 63-Jährige demonstrativ die Hände von Verlegern und Buchhändlern. Als sich Korea als künftiges Gastland auf dem Leipziger Messegelände präsentierte, begrüßte Neumann die asiatischen Gäste vor den Augen der internationalen Medien. Jürgen Boos überließ dem Vorgänger das Feld, den die Demission im vergangenen Herbst tief getroffen hatte.Kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2004 ? und damit zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt ? hatte der Börsenverein des deutschen Buchhandels die Trennung von Volker Neumann bekannt gegeben. ?Ich hätte gern weitergemacht?, sagte dieser damals mit Verbitterung. Einen konkreten Grund für den Wechsel nannte der Börsenverein nicht.In der Buchbranche, eigentlich ein friedlich gestimmter Wirtschaftszweig, regte sich schnell Widerstand gegen die Entscheidung. In einem schriftlichen Appell machten Berliner Verleger und Buchhändler ihren Unmut über die Personalie Neumann öffentlich.Gleichzeitig begann die wochenlange Suche nach einem Nachfolger. ?Ich kenne kaum einen Kollegen, der nicht angesprochen wurde, ob er den Job machen will?, sagte der Leiter eines großen deutschen Verlags, der selbst als Neumann-Nachfolger abgeworben werden sollte. Umso größer war die Erleichterung bei den Verantwortlichen, als der Name Boos kurz nach der Jahreswende öffentlich wurde. ?Er hat uns überzeugt?, sagte Dieter Schormann, Vorsteher des Börsenvereins und damit oberster Interessensvertreter der Branche.Jürgen Boos muss nun schnell bei ausländischen Verlagen Vertrauen gewinnen: Frankfurt gilt weltweit als größter Handelsplatz von Buchlizenzen, eine Position, die die hartnäckige Konkurrenz aus London den Deutschen gern abjagen würde. Dieter Schormann traut dem neuen Mann die internationale Verantwortung zu: ?Er ist weltgewandt und spricht mehrere Sprachen.?Jürgen Boos, verheiratet und Vater eines vierjährigen Sohnes, hat das Geschäft bei seinem Onkel, einem Freiburger Buchhändler, gelernt. Nach seiner Ausbildung zum Verlagsbuchhändler studiert er Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Von 1991 an durchläuft er mehrere Stationen bei Verlagen in Deutschland.Mitte der neunziger Jahre orientiert er sich verstärkt im Ausland. Italien, Polen und die damaligen GUS-Staaten gehören zu seinem Aufgabengebiet. Zuletzt arbeitet er als Marketingleiter bei Wiley-VCH. Der Verlag ist eine Tochter des US-Unternehmens John Wiley & Sons, eines der weltweit bedeutendsten Wissenschafts- und Fachverlage.Sein dortiger Chef, Manfred Antoni, lobt die Qualitäten des neuen Buchmessedirektors öffentlich. Doch auch dort entsteht ein tiefer Riss. Es sei schlechter Stil, dass ihn der Börsenverein erst spät über den Wechsel informiert habe, sagt der Wiley-Chef ? und verlässt die Branchenvereinigung. Ein schwerer Schlag für den Börsenverein, denn Wiley galt als wichtiger Beitragszahler.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2005