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Zurück zur Kultur

Von Christoph Hardt
Als Allianz-Chef war Henning Schulte-Noelle einst fürs Geldverdienen zuständig. Seit ihrer Gründung ist die Stiftung des Unternehmens sein Baby. Als ihr Leiter gibt der Bach-Freund Geld aus ? für viel versprechende Künstler und ambitionierte Umweltprojekte. Viele mögen bei der Gründung dabei gewesen sein, viele haben Ratschläge gegeben, geholfen.
Geheimnisvoll riecht Staub doch nur dort, wo alte Bücher warten. ?Der erste Besuch, die Staubkörnchen tanzten in den Sonnenstrahlen, es war, als käme der Geheimrat gleich die Treppe herunter?, erzählt Henning Schulte-Noelle vom ersten seiner zahlreichen Besuche in Goethes einstigem Reich, der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Man schrieb das Jahr 1994. Der weltberühmt-schöne Rokoko-Saal muss also einen sehr tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen haben, denn wenn Schulte-Noelle etwas nicht gerne tut, dann öffentlich Gefühle zu zeigen.Auch an den Anruf eines Kollegen zehn Jahre später erinnert sich Schulte-Noelle, als wäre es gestern gewesen: ?,Die Bibliothek ist abgebrannt?, sagte er mir. Und ich wollte das im ersten Moment gar nicht glauben.? Am Abend des 2. September 2004 war das Weltkulturerbe durch einen Brand weitgehend zerstört worden, Zigtausende Bücher und Handschriften verbrannten, Unwiederbringliches darunter wie eine Handschrift des Italieners Pasquale Anfossi, die im Text Übersetzungen aus der Hand Goethes enthielt.

Die besten Jobs von allen

?Erst hat man uns gesagt, da kann man nicht helfen, aber wir waren uns einig, dass man etwas machen muss?, erzählt Schulte-Noelle. Wir, das ist die Stiftung, der der langjährige Vorstandsvorsitzende von Europas größtem Versicherungskonzern Allianz seit ihrer Gründung im Jahr 2000 als Vorsitzender des Stiftungsrates vorsteht: die Allianz-Kulturstiftung.Viele mögen bei der Gründung dabei gewesen sein, viele haben Ratschläge gegeben, geholfen. Und doch ist die Kulturstiftung seine Schöpfung, sein Baby. Mit 50 Millionen Euro von der Allianz ausgestattet, hat sich die gemeinnützige Einrichtung der Förderung von Kunst und Kultur in Europa verschrieben, ihre Projekte richten sich vor allem an junge, begabte Europäer, sie vergibt Stipendien, verleiht Preise. Und manchmal sorgt sie auch für Wiederaufbau. Etwa vier Prozent des Vermögens gibt die Stiftung Jahr für Jahr für ihre Zwecke aus, die Bibliothek erhielt 1,38 Millionen Euro ? das war die zweitgrößte Unternehmensspende. Besonders stolz ist man bei der Allianz aber auf die Unterstützung des Stiftungszentrums in München. Das betreut kleine private Stiftungen, seit dem Engagement von Schulte-Noelle ist ihre Zahl erheblich gewachsen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er ist Westfale und wirkt doch wie ein ModellpreußeEs hat natürlich auch mit Zeit zu tun, dass sich Schulte-Noelle immer mehr mit Kultur und Wohlfahrt und etwas weniger mit dem Geldverdienen beschäftigt. Seit drei Jahren ist er nicht mehr der Vorstandschef der Allianz, 2004 hat er das Zepter an Michael Diekmann übergeben. Das war ein in vielerlei Hinsicht gewagter und deshalb überraschender Generationswechsel. Die Allianz durchlebte turbulente und schwierige Tage, erstmals in seiner Geschichte hatte der Konzern, der Inbegriff der Verlässlichkeit im deutschen Assekuranzgeschäft, unter dem Strich rote Zahlen stehen. Doch nach einer Kapitalerhöhung war die Krise unter Kontrolle, die Früchte eines mutigen Kurses darf jetzt der Nachfolger ernten.?Als ich noch im Amt war?, sagt Schulte-Noelle manchmal rückblickend über die Ära, die seinen Namen trägt, doch den Schnitt hat er bewusst gemacht. Er hat die Konzernzentrale verlassen, sein Büro ist jetzt in einer schönen klassizistischen Villa an der Leopoldstraße. So ist er dem Entscheidungszentrum des Weltkonzerns am Englischen Garten zwar nahe, aber hat räumlich Distanz geschaffen. ?Das entspricht dem Verständnis meiner neuen Aufgabe im Unternehmen?, sagt er.Er ist Westfale und wirkt doch wie ein Modellpreuße, immer kontrolliert, Gardemaß, dazu der markante Schmiss auf der linken Wange. In der Ecke seines Büros steht eine Statuette von Mark Aurel, dem römischen Kaiser, der auch ein Stoiker war. Die stramme, manchmal fast distanzierte Haltung, die Schulte-Noelle im Gespräch zeigt, sie strahlt eine fast schon historisch gewordene Autorität aus. Schulte-Noelle weiß, dass er sein Unternehmen geprägt hat wie nur wenige andere. Und weil die Allianz immer eine Macht gewesen ist, hat das auch mit mehr als nur mit Unternehmensgeschichte zu tun. Schulte-Noelle war ein Motor in der Auflösung dessen, was ?Deutschland-AG? genannt wurde. Stück für Stück hat er die alte Bindung an die Schwesterfirma Münchener Rück gelöst und Industriebeteiligungen in Deutschland verkauft. Gleichzeitig hat er aus der Allianz einen Weltkonzern geformt. ?Rendite statt Macht?, sagt ein Wegbegleiter, das sei Schulte-Noelles Devise gewesen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.02.2007